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Bad Schwartau Kirchengemeinde fordert Streetworker für Cleverbrück
Lokales Bad Schwartau Kirchengemeinde fordert Streetworker für Cleverbrück
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19:56 03.02.2018
Pastorin Anne Rahe (r.) und die stellvertretenden Kirchengemeinderatsvorsitzenden Ernst-Henning Rohland und Dietlind Jochum zeigen den Ort, wo sich die Jugendlichen bevorzugt aufhalten. Quelle: Fotos: Me
Bad Schwartau

„Das Problem gibt es ja nicht erst seit gestern“, sagt Pastorin Anne Rahe und meint damit sowohl die Jugendlichen, die sich gerne unter den Arkaden der Kirche in der Schmiedekoppel aufhalten und dort ihre hässlichen Spuren hinterlassen, als auch die fehlende Jugendarbeit in diesem Stadtteil, der sie so dringend brauchen könnte.

Beschmierte Wände, herumliegende Scherben, zerstörte Fenster, verschreckte Passanten – die Situation an der Martinskirche in Cleverbrück ist prekär. Die Pastoren und der Kirchengemeinderat fordern Unterstützung seitens der Stadt, um die Lage endlich zu verbessern.

Zahlen

1207 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren leben derzeit in Bad Schwartau (Stand Januar 2018), davon wohnen 530, also fast die Hälfte im Stadtteil Cleverbrück.

Insgesamt leben 7714 der 20490 Bad Schwartauer in Cleverbrück, also deutlich weniger als die Hälfte.

„Eine unendliche Geschichte“, nennt es Ernst-Hennig Rohland, stellvertretender Kirchengemeinderatsvorsitzender. Seit einem Vierteljahrhundert bemüht sich die Kirchengemeinde, Kinder- und Jugendarbeit anzubieten. „Als finanziell nicht sonderlich gut ausgestattete Gemeinde leisten wir uns eine volle Diakonenstelle für diese Aufgabe“, erklärt Pastorin Rahe – Personalkosten von jährlich rund 50

000 Euro. Doch das reicht nicht.

„Unser Problem sind nicht die Jugendlichen, die unsere Angebote annehmen. Und das sind zum Glück sehr viele“, erklärt die Pastorin, „unser Problem sind die, die es nicht annehmen, aber unser Gelände sehr attraktiv finden.“ Regelmäßig an den Wochenenden, aber auch sonst treffen sich bis zu 25 Jugendliche an der Kirche. Sie rauchen, trinken Alkohol; alkoholisiert beschmieren sie Kirchenwände, bespucken Schaukästen, zerstören die Fensterscheiben. Stellt sie jemand zur Rede, bepöbeln sie ihn.

„Unsere Mitarbeiter und auch Passanten sind verschreckt und trauen sich nicht mehr, etwas zu sagen“, sagt Anne Rahe. Die Party-Reste lassen die Jugendlichen, die überwiegend aus dem Stadtteil, aber auch aus Vorwerk und dem übrigen Bad Schwartau kommen, liegen. „Jeden Sonntag vor dem Gottesdienst muss unser Hausmeister eine Extra-Runde drehen, es hat sich sogar schon mal jemand gegen die Kirchenfenster übergeben“, sagt Dietlind Jochum, auch sie stellvertretende Kirchengemeinderatsvorsitzende. Rund 3000 Euro gibt die Gemeinde jedes Jahr für die Beseitigung von Vandalismusschäden aus.

Die Verantwortlichen sind rat- und hilflos. Ihre Hoffnung: Dass die Stadt sich endlich der Jugendarbeit in Cleverbrück annimmt. Der Bürgermeister Uwe Brinkmann sei schon vor Ort gewesen und habe sich nach den Problemen erkundigt. Auch er weiß also: Gerade die Jungen und Mädchen, die im Bereich Schmiedekoppel/ AlbertSchweitzer-Straße heranwachsen, brauchen dringend Zuwendung, denn „dass es eine andere Welt als Hartz IV und Chancenlosigkeit gibt, liegt nicht in ihrem Erfahrungsspektrum“, formuliert es Jugenddiakonin Annika Schünicke.

Der Wunsch: „Wir brauchen eine aufsuchende Jugendarbeit“, so Anne Rahe. Einen Streetworker, der zu den Jugendlichen geht, ihr Milieu kennenlernt, Vertrauen aufbaut. „Da muss die Stadt auch mal Geld in die Hand nehmen, sich nicht nur um Senioren kümmern, sondern auch um die Jugendlichen“, sagt Rohland.

Die Kirchengemeinde will mit dem Problem nicht weiterhin allein gelassen werden. „Der Stadtteil wird vergessen, der Frust ist groß“, sagt auch Dietlind Jochum. Auch bei den Mitarbeitern, die immer wieder den Dreck wegmachen müssen. Abschließen wollen sie ihr Gelände dennoch nicht: Kirche sei doch ein Ort der Begegnung.

 Ilka Mertz

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