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Bad Schwartau Nach Unfall: Diskussion über Fahrtauglichkeit von Senioren
Lokales Bad Schwartau Nach Unfall: Diskussion über Fahrtauglichkeit von Senioren
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10:04 21.01.2016
Der Unfall in der Eutiner Straße in Bad Schwartau mit zwei Verletzten wurde durch einen 87-jährigen Autofahrer aus Lübeck verursacht. Quelle: Prey

Ein 87-Jähriger hat beim Verlassen eines Tankstellengeländes am Dienstag zwei Fußgänger angefahren und schwer verletzt. Mit dem Rettungshubschrauber musste eine 72-Jährige, die bei dem Unfall Kopfverletzungen erlitt, in die Klinik geflogen werden. Ein 89-Jähriger kam mit einem Beinbruch ins Krankenhaus. Wie fahrtüchtig sind Senioren? Sollten Gesundheitstests vorgeschrieben werden? Diese Fragen werden jetzt auf der Straße und der Facebookseite von LN-Online diskutiert.

Geht es nach der Polizeistatistik zu Recht: Laut Verkehrssicherheitsbericht 2014 für Schleswig-Holstein — Zahlen für 2015 werden erst im Frühjahr vorgelegt — stieg die Anzahl der durch Senioren verursachten Verkehrsunfälle um 209 (7,5 Prozent) auf 2988. Die Anzahl der dabei Getöteten erhöhte sich um zehn (41,7 Prozent) auf 34 Verkehrsteilnehmer. Landesweit verursachten 2014 Senioren rund 15,7 Prozent der aufgenommenen Unfälle, so Ove Fallesen vom Landespolizeiamt Kiel.

„Die Fahrerlaubnis wird lebenslang erteilt und die Pflicht zur Vorsorge obliegt jedem Verkehrsteilnehmer selbst“, sagt Peter Marx, Teamleiter Fahrerlaubniswesen des Tüv Nord Mobilität in Lübeck. Der Großteil der Senioren gehe verantwortungsbewusst vor und schränke zum Beispiel entsprechend des eigenen Könnens Fahrten im Dunkeln oder ähnliches ein. „Alle Senioren zu verpflichten, vorsorglich zum Arzt zu gehen, um die Fahrtauglichkeit festzustellen, ist nicht angebracht“, sagt der Experte. „Jeder muss für sich Sorge tragen. In erster Reihe sind darüber hinaus die Mediziner wie Hausärzte gefragt, Senioren zu beraten.“

Um die Fahrtauglichkeit einzuschätzen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. „Das sind drei Stufen“, erklärt Peter Marx. Die Einfachste: Senioren können freiwillig in Fahrschulen den in Zusammenarbeit mit dem ADAC angebotenen Fahr-Fitness-Check absolvieren. „Mit dem Fahrlehrer können sie dann ihre Fähigkeiten testen. In Lübeck bieten das zum Beispiel die Fahrschulen Girod und Trautmann an.“ In Gleschendorf und Pansdorf steht Stefan Rath in seinen Fahrschulen Senioren zur Seite.

Wer nicht nur die Fahrpraxis sondern auch die medizinischen Voraussetzungen prüfen lassen möchte, könne dies beim Mobilitäts-Check vom Tüv Nord tun. Dabei werde von Experten unter anderem die Reaktionsfähigkeit, Belastbarkeit und Aufmerksamkeit getestet. „Das ist die zweite Stufe“, sagt Marx. „Die Letzte ist ein amtlicher Vorgang.“ Würden die Fahrer auffällig oder verursachen sogar einen Unfall werde dies von der Polizei ans Verkehrsamt weitergegeben. „Wir bekommen dann den Auftrag, ein Gutachten über die Fahreignung zu erstellen.“ In solchen Fällen könne der Entzug der Fahrerlaubnis drohen.

Auch Siegfried Müller, Vorsitzender des Seniorenbeirates in Stockelsdorf, kennt das Problem: „Es gibt öfter bei älteren Menschen Einschränkungen.“ Um Senioren aufzuklären, hat Müller die kostenlose Veranstaltungsreihe „Mobil bleiben — aber sicher“ initiiert. Auftakt in Stockelsdorf ist am Mittwoch, 27. Januar, von 10 bis 12 Uhr im Gemeindehaus (Ahrensböker Str. 5) — dann jeweils am letzten Mittwoch im Monat. In Ratekau gibt es das Projekt ebenfalls: Treffen ist jeden ersten Mittwoch im Monat um 10 Uhr im Seniorentreff Ratekau, Bäderstraße 13. „Es ist ein schwieriges Thema“, gesteht Müller. „Aber ich kenne im Bekanntenkreis einige, die freiwillig den Führerschein abgegeben haben.“

• Einen Fahrtauglichkeit-Selbsttest gibt es unter www.dvr.de/html/aktionen/online-selbsttest

Gesundheitstests werden kommen
Einen Unfall zu verursachen, davor ist keiner gefeit. Das Alter spielt da nicht die entscheidende Rolle. Die letzte Verkehrsstatistik spricht aber auch eine klare Sprache: In Ostholstein wurden in 2014 deutlich mehr Unfälle durch Senioren (285) als durch junge Autofahrer (218) verursacht. Ob des demografischen Wandels werden die Unterschiede mit Sicherheit noch größer. Die Unfallzahlen durch Senioren werden drastisch wachsen. Über kurz oder lang führt wohl kein Weg daran vorbei, ab einem gewissen Alter Gesundheitstests für Verkehrsteilnehmer vorzuschreiben. Nicht, um Senioren zu gängeln, ihre Freiheit einzuschränken oder einfach nur abzukassieren. Es geht um das Wohl und die Sicherheit der Allgemeinheit.
Sebastian Prey (48) über Senioren im Straßenverkehr. Hintergrund ist der schlimme Unfall am Dienstag mit zwei Verletzten.

Kim Meyer

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