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Bad Schwartau Sicherheitsberater: „Betrüger arbeiten mit der Angst der Leute“
Lokales Bad Schwartau Sicherheitsberater: „Betrüger arbeiten mit der Angst der Leute“
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17:19 08.01.2019
Bad  Schwartauer Sicherheitsberater Axel Gieseler  im Gespräch über Abzocktricks mit  Renate Fester (v.re.), Renate Szelag, Gisela und  Marianne (l.) Quelle: Doreen Dankert
Bad Schwartau

Es gibt wohl niemanden, der nicht schon mal gehört hat von Abzocker-Methoden der Marke Enkeltrick. Und doch passiert es immer wieder, dass Bürger reinfallen auf die Maschen der Betrüger. Axel Gieseler, pensionierter Polizeibeamter und seit vier Jahren Sicherheitsberater der Stadt Bad Schwartau, weiß das. Gieseler sagt, er kenne die Statistik, die bei dem Lübecker Staatsanwalt, der für Betrugsdelikte dieser Art zuständig ist, vorliege. „Und diese Statistik sagt“, erklärt Axel Gieseler, „dass 70 Prozent aller Versuche, das Geld anderer Leute zu holen, klappen.“ Dabei sei der altbekannte Enkeltrick, der laut Gieseler vor etlichen Jahren in Polen ausgetüftelt worden ist, nur eine Methode, um Leute übers Ohr zu hauen. „Es gibt im Ostblock regelrecht Schulen, die diese Langfinger ausbilden“, sagt Gieseler. Beim Enkeltrick würden Telefonbücher regelrecht studiert. Altklingende Namen wie Wilhelm oder Elsbeth kommen ins Visier der Betrüger. Wohnort und Adresse stehen in Telefonbüchern gleich dabei. Es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, um illegal an Geld und Wertsachen zu kommen. Plötzliche Zahlungsaufforderungen, die nicht zuzuordnen sind, verlockende Gewinnspiele oder wenn sich jemand unter einem Vorwand der Fürsorge, als „falscher“ Klempner zum Beispiel, Zutritt zur Wohnung verschafft.

Seltsame Abbuchungen vom Konto

Wenn Axel Gieseler einmal im Monat seine Sprechstunde hält, dann kommen solche Sachen auf den Tisch. Dann kommen Bürger zu ihm, die Gieseler Begebenheiten schildern und hoffen, dass der ehemalige Polizeibeamte einen hilfreichen Tipp hat. So wie bei Marianne, die ihre Kontoauszüge zur letzten Sprechstunde des alten Jahres mitgebracht hat. Die 77-Jährige hat nämlich festgestellt, dass von ihrem Konto der von ihr nicht zuzuordnende Betrag von 39,80 Euro von einer gewissen Premium Service AG abgebucht wurde. „Sowas immer sofort von der eigenen Bank zurückbuchen lassen“, ist Gieselers Tipp in solchen Fällen. Acht Wochen Zeit habe man, um eine Rückbuchung in die Wege zu leiten. Marianne hatte die Rückbuchung schon vor der Sprechstunde veranlasst, denn sie habe gewusst, dass hier was nicht koscher ist.

„In letzter Zeit erlebe ich es öfter, dass es bei älteren Herren und Damen Abbuchungen vom Konto gab, die nicht zuzuordnen waren“, sagt Gieseler, „und diese Abbuchungen sind nicht so auffällig, weil es meist relativ kleine Summen von unter 50 Euro sind.“ Möglicherweise ist solch einer mysteriösen Abbuchung geraume Zeit vorher ein Telefongespräch mit einem Unbekannten vorausgegangen, bei dem der Angerufene unbedacht und arglos mit „Ja“ geantwortet hat. Gieseler hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Bürgern die Augen zu öffnen für Warnhinweise und plädiert für ein gesundes Misstrauen: „Bei seltsamen Anrufen von Fremden geht es immer ums Geld“, erklärt der Sicherheitsberater, „diese Anrufer wollen keine Wohltaten vergeben, die wollen immer unser Geld.“ Auch dann, wenn sie versichern, man habe etwas gewonnen. So wie Renate Fester das erlebt hat. Sie hätte angeblich eine Luxusreise nach Griechenland gewonnen, hieß es in der Nachricht. Und irgendwie hatte sie auch Grund zu glauben, dass das stimmen könnte, denn sie wusste, dass sie an einem Preisausschreiben teilgenommen hatte. Das Ende vom Lied: Die Luxusreise fand nie statt. Dafür hat Renate Fester überraschenderweise ein Jahres-Abo für ein populärwissenschaftliches Magazin. Die 76-Jährige hat die Sache mit dem Abo-Vertrag prüfen lassen. „Da komme ich nicht raus“, sagt sie, „aber immerhin – ich lese das gern, was in diesem Magazin steht.“

Psychologisch geschulte Betrüger

„Die Leute sind zu leichtgläubig“, stellt Gieseler fest, „und die Leute haben oft auch Angst, dass sie für unhöflich gehalten werden, wenn sie Fremde abwimmeln und Anfragen nach Hilfe ausschlagen.“ Das bedeute nicht, so Gieseler, dass man dem Rest der Welt mit einem grundsätzliche Misstrauen gegenüber stehen solle. „Aber ein gesundes Misstrauen ist angebracht, wenn Angebote von Fremden verlockend klingen“, betont Gieseler, „denn solche Betrüger sind psychologisch geschult, die wissen genau, auf welche Knöpfe sie drücken müssen.“

Taschenalarm und Sprechstunde

Zur Vorbeugung von Taschendiebstahl kann das relativ einfache Hilfsmittel namens Taschenalarm beitragen. Dieses wird an der Tasche oder auch an der Brieftasche befestigt und das Band am anderen Ende am Körper oder am Einkaufswagen. Wird die Tasche entfernt, löst sich schon nach sehr kurzer Distanz in Armlänge das Band und damit der Kontakt vom Gerät, welches dann sofort einen Alarm von sich gibt. Das erzeugt Aufmerksamkeit und wirkt auf Diebe abschreckend. Für fünf Euro ist so ein Taschenalarm im Rathaus Bad Schwartau erhältlich. Die nächste Sprechstunde mit dem Sicherheitsberater findet am Mittwoch, 9. Januar, von 10 bis 12 Uhr im Haus der Senioren, Eutiner Straße 4b, statt.

Einer der bittersten Betrugsfälle, von denen Giesler erfahren hat, ist der Fall einer Bad Schwartauer Seniorin, die nach ihrem Hausverkauf knapp 40 000 Euro an einen Enkeltrickbetrüger verloren hat. Der finanzielle Verlust war die eine Sache. Die andere, dass sie sich dafür, dass sie den Betrug nicht vor dem Geldfluss erkannt hat, so sehr schämte, dass sie sich nicht ihrer Familie anvertrauen konnte. „Die Frau war so am Ende, die wollte aus dem Fenster springen und Selbstmord begehen“, berichtet Gieseler und mahnt: „Solche Betrüger richten nicht nur finanziell und materiell Schaden an, sondern auch seelisch.“ Denn besonders beim Enkeltrick werde zum Opfer zunächst einmal Vertrauen aufgebaut – welches dann zu einem späteren Zeitpunkt gezielt und gnadenlos missbraucht wird. Deshalb rät Axel Gieseler, gegenüber Fremden „nie zu viel von sich preiszugeben.“ Und wenn sich zwei Menschen – egal in welcher Altersgruppe – auf romantischer Ebene kennenlernen, und einer den anderen beim ersten oder zweiten Date nach finanziellen Verhältnissen fragt oder ob der andere seine Passwörter immer speichert oder nicht, „dann würden bei mir sofort die Alarmglocken angehen“, versichert Gieseler, „denn solchen Personen geht es um einen finanziellen Vorteil und nicht um das Interesse an der Person.“

Lernen, Nein zu sagen

Die 73-jährige Gisela glaubt, manche Leute begünstigen den Umstand, Betrugsopfer zu werden. „Man muss schon das Kreuz grade machen und selbstbewusst sein. Wenn man vom Auftreten her wirkt wie das kleine Hascherl, das sich nicht traut, was zu sagen, dann ist das leichte Beute für Betrüger.“ Axel Gieseler stimmt dem zu: „Selbstbewusst auftreten, das ist wichtig. Und nett sein, ja, aber sich selbst nicht dabei vergessen. Man muss das Gefühl, unhöflich zu sein, ablegen. Man muss lernen, Nein zu sagen.“

Doreen Dankert

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