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Bad Schwartau Wenig Frauen in der Führung: Doch es gibt Ausnahmen
Lokales Bad Schwartau Wenig Frauen in der Führung: Doch es gibt Ausnahmen
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23:06 22.01.2016
Stefanie Kunz ist Geschäftsführerin bei Unizell in Bad Schwartau. Quelle: Fotos: Meyer (2), Prey

Die Akten warten sorgfältig sortiert, an der Wand hängen zwei große Bilder, Collagen auf denen alle Mitarbeiter zu sehen sind, davor sitzt Stefanie Kunz an ihrem Schreibtisch. Die 46-Jährige ist gemeinsam mit Jürgen van der Smissen Geschäftsführerin von Unizell. Sie hat es an die Unternehmensspitze geschafft. Viele Frauen finden sich in den Führungsetagen deutscher Unternehmen allerdings noch immer nicht, das ergab jüngst eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Demnach sitzen etwa in den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen nur sechs Prozent Frauen. Auch in Bad Schwartau und Stockelsdorf sind in den Führungspositionen der größeren Unternehmen wenig Frauen zu finden, einige Ausnahmen gibt es allerdings.

„Im Vergleich zu Männern müssen Frauen immer eine Schaufel oben drauf legen“, sagt Stefanie Kunz. Nachdem sie physikalische Technik studiert hat, absolvierte sie ein zweites Studium im Bereich Qualitäts- und Sicherheitsmanagement. „Danach habe ich mich selbstständig gemacht und Unternehmen beraten.“ In dieser Zeit habe sie viele Maschinenbauunternehmen besucht. „Da war ordentlich Männerüberschuss, da wurde ich sehr beäugt, ob ich weiß, wovon ich rede.“ Seit 1998 ist sie Mitarbeiterin bei Unizell. Damals hatte das Unternehmen, das Pflegehilfsmittel vertreibt, rund 20 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von etwa zehn Millionen Euro. „Damals habe ich irgendwie alles gemacht“, sagt die gebürtige Harzerin. Nach drei Monaten bekam sie Handlungsvollmacht, seit 2008 ist sie Geschäftsführerin. Heute ist Unizell auf 110 Mitarbeiter und einen Umsatz von 45 Millionen gewachsen.

„Frauen müssen sich nicht hinter Männern verstecken“, sagt Kunze. Familie und Karriere in einer Führungsposition zu vereinbaren, hält Kunze allerdings für schwierig. „Heute arbeite ich ungefähr 40 Stunden, früher noch mehr.“ Da sei es besser, sich für eins zu entscheiden. Kunze selbst ist verheiratet und hat keine Kinder.

Stockelsdorfs Bürgermeisterin Brigitte Rahlf-Behrmann hat den Spagat geschafft — zwei Söhne hat das Oberhaupt der Gemeinde. „Familie und Beruf zu vereinbaren, war das Schwierigste“, räumt die 62-Jährige ein. Nach einer sechsjährigen Verwaltungsausbildung hat sie 18 Jahre als leitende Beamtin gearbeitet, 17 Jahre ist sie nun amtierende Bürgermeisterin. „Mein erster Mann war Hausmann, von dem habe ich mich getrennt, als die Kinder klein waren.“

Zehn Jahre war sie alleinerziehend. „Keine leichte Zeit — mit der Arbeit ging das nur mit einem Kindermädchen und Unterstützung meiner Familie.“ Heute sei eine derartige Situation nicht einfacher, obwohl sich das Betreuungsangebot verbessert habe. „Frauen haben immer diesen Spagat“, sagt Rahlf-Behrmann. „Man fragt sich, ob was zu kurz kommt.“ Außerdem hätten Frauen am Anfang in einer Position das Gefühl, mehr beweisen zu müssen — als Männer. „Dann ist die Akzeptanz aber meistens da — so war es bei mir auch.“ Nach Meinung der Bürgermeisterin lieferten Frauen entscheidende Qualitäten: „Sie bringen Ruhe in die Arbeit und versuchen alle mitzunehmen. Außerdem können sie mehrere Sachen gleichzeitig und bringen sich gefühlsmäßig stärker ein.“

Das betont auch Susanne Voß: „Ich glaube, Frauen entscheiden bewusst, was sie tun — da geht‘s nicht um Macht oder nur Karriere.“ Deshalb gebe es wenig Frauen in Führungsposition — sie wägen genau ab, ob es sich lohnt. Die 57-Jährige ist Vorstand der Lebenshilfe Ostholstein, die 200 hauptamtliche und 85 ehrenamtliche Mitarbeiter hat. „Ich kam wie die Jungfrau zum Kinde“, sagt sie lachend. Vor 25 Jahren arbeitete sie ehrenamtlich im Vorstand, dann kam der Übergang zur Hauptamtlichkeit. Die Lebenshilfe sei parallel zu ihren Söhnen gewachsen. „Heute ist es mehr als ein Vollzeit-Job.“

Das größte Problem: „Man will für die Familie da sein und muss die Arbeit aus dem Kopf haben.“ Die Betreuung habe ihr damals wenig Sorgen bereitet. „Das klappte mit dem Kindergarten, nachmittags war mein Ex-Mann da, und wir hatten eine Tagesmutter.“ Einen klaren Vorteil habe auch die Position: „Ich kann entscheiden, wie ich arbeite. Im Krankheitsfall war das gut — das ist ansonsten eine Herausforderung.“ Dass Frauen berufstätig sind — auch in Führungspositionen — werde selbstverständlicher. „Das war in meiner Generation anders“, sagt Voß. „Es ist gut, dass sich das ändert.“

Kim Meyer

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