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Bad Schwartau Wildschweinjagd im Paradies
Lokales Bad Schwartau Wildschweinjagd im Paradies
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22:17 04.01.2018
Schützen postieren sich zu Beginn der Treibjagd im Curauer Moor am Rande des sumpfigen Waldgebietes (rechts im Bild), aus welchem die Wildschweine heraus auf die Wiese getrieben werden sollen. Dorthin also, wo die Schützen bereits warten. Wildschweine gelten auch als extrem gute Schwimmer, deswegen leben sie im Moor auch auf Inseln im Sumpfgebiet. Quelle: Fotos: Doreen Dankert
Curau

Und deswegen wird hier immer wieder zur Jagd geblasen. So wie vor Kurzem zur Treibjagd. Ein bitterkalter Tag. 30 Jäger sind dabei, ein Teil von ihnen aus gutem Grund in brusthohen Wathosen, acht Jagdhunde plus zwei Spezialhunde. Es gibt eine Zeichnung, einen Einsatzplan. Bevor es los geht ins Moor, weiß jeder, was er zu tun hat. Wer wo als Schütze postiert wird, wer zu den Treibern links und rechts vom sumpfigen Gelände im schwer zugänglichen Dickicht gehört – und wer sich direkt in den sumpfigen, den richtig gefährlichen Teil des Waldes begibt.

Ein kleines Stückchen Naturparadies ist es – das Curauer Moor mit seinen sattgrünen Wiesen, sumpfigen Böden und dschungelartigen Mini-Wäldchen. Das Moor ist Lebensraum für Kraniche, Wachtelkönige und Fischotter – und auch ein riesiges Wohnzimmer für immer mehr Wildschweine.

Dorthin, wo es sich die Wildschweine zu Hauf gemütlich machen auf kleinen Inseln im Sumpfgebiet. Gefährlich deshalb, weil ein Moor bei einem falschen Tritt gefährlich werden kann, wie der Fall bei der Jagd wenige Wochen vor dieser zeigt: Ein Jäger konnte sich aus dem sumpfigen Grund nicht mehr allein befreien. Dank eines Seils und der Hilfe anderer Jäger ging diese Sache gut aus. 45 Jäger waren es bei der vorletzten Jagd. Die Bilanz: elf Wildschweine.

Biotop droht zu kippen

„Doch diesmal wird es sehr schwer“, sagt Henning Wilcken, einer der drei Jagdpächter im Curauer Moor, der bei dieser Jagd das Kommando hat. „30 Leute sind nämlich sehr wenig für dieses Gebiet. Aber dass hier regelmäßig gejagt wird, ist extrem wichtig. Wenn nicht, dann drohen die Verhältnisse in diesem Biotop zu kippen.“ Ohnehin gilt das Curauer Moor unter den Jägern als „sehr schwieriges“ Jagdgebiet.

Die Zahl der Bodenbrüter wie Fasane, sagen die Jäger übereinstimmend, sei drastisch gesunken in den vergangenen Jahren. Gelege von Vögeln gelten bei den allesfressenden Borstentieren als Delikatesse.

Abgesehen davon, grenzt das Curauer Moor an eine vielbefahrene Landesstraße, auf der allein in der Woche vor dieser Jagd drei Unfälle mit Wildschweinen verbucht wurden.

Hohe Reproduktionsrate

Er wird geschätzt, dass im rund 400 Hektar großen Curauer Moor derzeit zwischen 200 und 300 Wildschweine leben. „Und bei einer Reproduktionsrate bei Wildschweinen von 300 bis 400 Prozent pro Jahr kann man sich leicht ausrechnen, was das für die Zukunft bedeutet“, sagt Hans-Heinrich Jaacks aus Pansdorf von der Kreisjägerschaft Eutin. „Wildschweine haben keine natürlichen Feinde, höchstens den Wolf, aber der lebt hier nicht.“

„Größere Naturschützer als uns gibt es nicht. Was wir da im Moor leisten, das ist einfach unglaublich“, betont Wilcken. Mal ganz abgesehen davon, dass die Afrikanische Schweinepest im Anmarsch ist und diese bei Tieren in freier Wildbahn im Falle eines Falles nur mit Hilfe der Jäger in Schach zu halten sein wird.

So wie Drahthaar-Rüde „Eddi“ von Asmus Meyer aus Dissau, bekommt jeder der Jagdhunde eine Schutzweste an. Locker 500 Euro kostet die Ritterrüstung für den Vierbeiner. „Das ist die Lebensversicherung für den Hund“, sagt Meyer. Bei der vorletzten Jagd wurden zwei Hunde von Wildschweinen durch die Luft geschleudert und, trotz Schutzweste, schwer verletzt. Sie mussten operiert werden, sind inzwischen aber wieder wohlauf.

„Bei der Jagd ist immer ein Tierarzt in der Nähe in Bereitschaft“, erklärt Wilcken. Denn nicht nur die Wildschweine können für die Hunde gefährlich werden, sondern auch das dicke Unterholz. „Das ist wie im Dschungel hier“, sagt Stockelsdorfs Hegeringleiter Martin Pieper über das Curauer Moor, „da braucht man nicht nach Brasilien, das haben wir hier alles vor der Haustür.“ Aber auch das sagt Pieper: „Eine Jagd ohne Hund ist Schund.“ Ohne die Spürnasen der Hunde sind die Jäger aufgeschmissen, denn die Hunde wittern die Schweine in ihren unsichtbaren Verstecken im Unterholz.

Als alle Jäger in Position sind, werden die Hunde von der Leine gelassen. Das große Treiben beginnt. Nach und nach fallen reichlich Schüsse. Jeder dritte Schuss ist ein Treffer – so lautet die Durchschnittsquote.

Nach etwa drei Stunden wird das Schießen eingestellt. Dann wird das erlegte Wild – zunächst 16 Tiere – eingesammelt, abtransportiert und ausgenommen. Von jedem Tier geht eine Probe an den Veterinär.

Super-Spürhunde zum Schluss Jetzt sind die beiden Super-Spürhunde „Karlo“ und „Arkon“ von Werner und Michael Rahlf, Vater und Sohn aus Schürsdorf, dran. „Diese Hunde sind der absolute Wahnsinn“, flüstert ein Jäger, „was die können, das ist unglaublich.“ Die beiden Hannoveraner Schweißhunde kommen immer erst dann zum Einsatz, wenn die Jagd vorbei ist. „Das sind nämlich reine Fährtenhunde“, sagt Werner Rahlf. Diese Hunde sind absolute Spezialisten darin, angeschossenes und mit Adrenalin vollgepumptes Wild, das geflüchtet ist, aufgrund von speziellem Schweißausstoß aufspüren zu können.

Und tatsächlich. Keine zehn Minuten dauert es, bis sie ein angeschossenes Wildschwein aufstöbern. Es bekommt den Gnadenschuss. Die Alternative wäre, elendig zu verrecken. „Aber das lassen wir nicht zu“, erklärt Wilcken, „dass wir solche Tiere aufspüren, gehört zum Tierschutz, denn wir lassen kein verletztes Tier leidend im Wald zurück.“

Um Würde und Respekt vor jedem einzelnen Tier geht es da. Und um das Paradies, das geschützt werden muss. Von Menschen. Für Tiere. Und auch für Menschen.

Afrikanische Schweinepest

... ist eine Tierseuche, von der Haus- und Wildschweine betroffen sind. In den afrikanischen Ursprungsländern wird die Seuche durch Lederzecken übertragen, hier in Europa durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren. Diese Seuche hat sich besonders in Osteuropa schon weit ausgebreitet. In Polen wurden bis Ende 2017 bereits über 800 Fälle gemeldet. Diese Seuche ist anzeigepflichtig.

 Doreen Dankert

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