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Bad Schwartau Zu Gast im Land der „schönen Autos“
Lokales Bad Schwartau Zu Gast im Land der „schönen Autos“
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18:12 05.07.2017
Empfangen wurden die Gäste aus Indien auch im Stockelsdorfer Rathaus von der Bürgermeisterin. Quelle: Foto: Dankert
Stockelsdorf

Von „Kulturschock“ will Pastor Hans Kilian nicht sprechen, was die achtköpfige Delegation der indischen Partnergemeinde beim aktuellen Besuch in Stockelsdorf erlebt. „Aber ein großes Erlebnis ist es für die natürlich schon“, sagt Pastor Kilian, der vor wenigen Jahren für ein paar Monate in Indien gelebt hat. Empfangen wurden die Gäste im Rathaus, sie besuchten die kirchlichen Kindergärten, das imposante Hansemuseum in Lübeck, die Hansestadt Hamburg und waren beim Gemeindefest in Stockelsdorf dabei.

Über Kilian kam der Kontakt zustande und letztlich auch die Partnerschaft zwischen den Kirchengemeinden Stockelsdorf und Majhiguda, einer Provinzgemeinde im Bundesstaat Orissa, 1000 Kilometer südwestlich von der Millionenstadt Kalkutta. Diese Metropole ist nicht zuletzt deswegen so bekannt, weil hier Mutter Teresa gewirkt hat.

Mit der berühmten katholischen Ordensschwester hat Stockelsdorfs Partnergemeinde aber nichts zu tun, denn erstens ist diese Gemeinde evangelisch-lutherisch und zweitens wurde sie gegründet von Missionaren aus Schleswig-Holstein, die sich vor rund 200 Jahren an der Seite von Kaufleuten auf Segelschiffen auf den Weg nach Indien machten.

„Dass es überhaupt Christen in Indien gibt, das ist schon etwas Besonderes“, sagt Hans Kilian, „denn Indien ist ein Land, das sehr weit weg davon ist, dass alle Menschen vor Gott gleich sind.“

Zu Zeiten der Missionierung waren für die Idee vom Christentum empfänglich – wenn überhaupt – eigentlich nur die Menschen, für die es eine Verbesserung darstellte, so Kilian. Und eine Verbesserung war diese Religion im Grunde nur für Menschen auf der untersten Stufe des dortigen Kastensystems, das bis heute praktiziert wird. Auch die Naturvölker wie das Bergvolk der Adivasi gehören in Indien zur untersten Kaste. Und irgendwo mitten im schwer zugänglichen Gebiet der Adivasi ist die Partnergemeinde von Stockelsdorf.

35 Stunden hat die Anreise in die norddeutsche Provinz gedauert. Von der Bürgermeisterin Brigitte Rahlf-Behrmann wurden die Inder zunächst mit einem freundlichen „Namaste“ („Verbeugung vor dir“) begrüßt, bevor sie die Gäste durch das Rathaus führte.

Die Verständigung war über die gesamte Besuchszeit eine kleine Herausforderung. Ein Profi-Dolmetscher war nicht dabei. Und nur zwei der Delegationsmitglieder sprachen einigermaßen solides Schul-Englisch. Und so musste oft zunächst von der Muttersprache Oriya ins Englische und danach in Deutsche übersetzt werden.

Was den Indern an Deutschland besonders aufgefallen ist ? Abgesehen davon, dass es hier im norddeutschen Sommer viel kälter ist als bei den Adivasi im Winter, „haben sie bemerkt, dass hier relativ wenige Menschen auf der Straße unterwegs sind“, sagt Kilian, „dass die Deutschen so viele schöne Autos fahren und dass die Leute alle so gut angezogen sind.“ Überrascht seien die Inder von den für ihre Verhältnisse extrem hohen Kosten, die für ein normales Leben in Deutschland anfallen. „Drei Euro für einen Kaffee und so weiter, wie viel man hier bezahlen muss für Miete, Strom und so“, sagt Pastor Kilian, „das hatten sie so nicht erwartet.“

Fasziniert haben sich die Inder von den Pfadfindern gezeigt. „Die finden es sehr gut, dass diese Gruppe sich so intensiv mit der Natur beschäftigt“, erklärt Kilian.

Und was die Inder als Idee unbedingt mit nach Hause nehmen wollen, das ist die Idee vom Kindergarten. „So etwas haben die da nicht“, weiß Kilian, „aber die waren total begeistert davon.“ Alle Kitas unter Trägerschaft der Kirchengemeinde Stockelsdorf haben die Gäste besucht.

Nach zwei Wochen reisen sie jetzt zurück. Auch der Rückweg dauert 35 Sunden. Von Hamburg zehn Stunden Flug bis Kalkutta und dann noch einmal 25 Stunden auf unwegsamen Straßen von Kalkutta bis in die Berge von Orissa – in eine andere Welt.

Religionsfreiheit im System der Kasten

Indien ist ein Staat in Südasien mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Es ist ein Vielvölkerstaat, in dem mehr als 600 Stämme anerkannt sind. Das Gebiet Indiens ist mindestens seit der bronzezeitlichen Indus-Hochkultur zivilisiert. Trotz verfassungsmäßiger Religionsfreiheit wird Indien vom religiösen hierarchischen Kastensystem bestimmt. Die mit Abstand größte Religionsgruppe sind die Hindus, gefolgt von Muslimen, Christen und anderen.

Im Hinduismus bleibt man von der Geburt bis zum Tod ein Hindu und an seine Kaste gebunden. Zur höchsten Kaste gehören Gelehrte und Priester, zur untersten Kaste die Unberührbaren wie Wäscher oder Müllentsorger. Die genaue Herkunft des Kastenwesens ist nicht geklärt. Es gibt Ansichten, wonach sich die Kasten durch die Einteilung der Menschen nach ihrer Hautfarbe entwickelten. Je heller die Haut, desto höher die Kaste.

Rund 80 Prozent der Inder sind Hindus. Nach der indischen Verfassung von 1950 darf zwar kein Inder wegen seiner Kaste diskriminiert werden. Aber die Realität jedoch ist eine andere.

Doreen Dankert

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