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Lauenburg 300 Euro Geldstrafe für 23-jährigen Brandstifter
Lokales Lauenburg 300 Euro Geldstrafe für 23-jährigen Brandstifter
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21:34 24.08.2017
Brennende Grillanzünder hat ein junger Schwarzenbeker im Jahr 2015 durch gekippte Fenster in der Siedlung an der Rülau (Foto) geworfen. Quelle: Fotos: Timo Jann

Vier gleich geartete Fälle, bei denen brennender Grillanzünder in auf Kipp stehende Fenster von Einfamilienhäusern geworfen wurden, gab es im Herbst 2015 und im Frühsommer 2017 in der Siedlung am Schwarzenbeker Stadtrand, in der der Angeklagte selbst lebt. Doch nur für eine Tat – nämlich für den Fall vom 10. September 2015 am Eichenweg – wurde der 23-Jährige auch angeklagt.

Brandserie

Zahlreiche weitere Brandstiftungen beschäftigen die Menschen in Schwarzenbek und Umgebung. Mehr als zehn Autos wurden wohl mit Grillanzündern in Brand gesetzt.

Auch eine Werkstatt und ein ehemaliges Restaurant brannten. Eine Verbindung zu dem 23-Jährigen sehen die Ermittler in diesen Fällen nicht.

Mit dem jüngsten Fall vom Mai 2017, der zeitlich mit der Zustellung der Anklageschrift an den 23-Jährigen zusammenfiel, konnte der Angeklagte nicht in Verbindung gebracht werden. Zwei der älteren Fälle wurden eingestellt, weil der Angeklagte dort vom Versuch der Brandstiftung zurückgewichen sei, indem er die Bewohner selbst vor dem Feuer warnte.

Richter Aden und seine beiden Schöffinnen hatten es während des Prozesses mit einem speziellen Fall von versuchter schwerer Brandstiftung, so der Tatvorwurf, zu tun. Der Mann auf der Anklagebank neben Verteidiger Heiko Metz im roten Hoody des FC Bayern München saß eingeschüchtert da, stützte seinen Kopf oft auf den rechten Arm, erinnerte sich nicht so richtig, hatte Schwierigkeiten, den Ausführungen zu folgen und sich zu artikulieren. Der 23-Jährige leidet seit seiner Kindheit unter einer Epilepsie, der psychiatrische Sachverständige des psychiatrischen Zentrums in Rickling, der ihn im Januar und März 2016 zwei Mal begutachtet hatte, bescheinigte ihm eine Intelligenzminderung. „Leichte Schlüsse kann er ziehen, aber was wäre, wenn dies und dann noch jenes, das überfordert ihn“, erklärte der Sachverständige. Pyromanen hätten andere Motivationen, sagte der Sachverständige. Eine Wiederholungsgefahr sah er nicht.

Jedenfalls – und das räumte der 23-Jährige schon früh im Verfahren gegen ihn ein – war er am Abend des 10. September 2015 in der Siedlung unterwegs. Mit draußen gefundenem Grillanzünder und einem Feuerzeug, das ihm wohl jemand in die Tasche gesteckt hätte, wie er ausführte. Am Eichenweg warf er den brennenden Anzünder durch ein gekipptes Badezimmerfenster. Der Bewohner bemerkte das Feuer, löschte den Brand, schloss das Fenster und bemerkte draußen seinen Nachbarn.

In den beiden eingestellten Fällen ging es nicht ganz so schnell, da warnte der damals 21-Jährige die Bewohner durch Klingeln an der Haustür. Zudem rief er selbst die Feuerwehr. Allerdings schickte er sie an falsche Adressen in der Siedlung, um die Retter dann persönlich an den richtigen Ort zu leiten. Aus dem Grund, weil er sich als Held fühlen wollte, wie Anwalt Metz ausführte. Sein Mandant, der in einer Lebenshilfe-Werkstatt arbeitet, hätte einmal zündelnde Kinder gesehen, wegen denen eine Zeugin Polizei und Feuerwehr informiert hatte. Das habe ihm imponiert, so etwas wollte er auch machen.

Die Staatsanwältin wandte sich direkt an Nachbarn, die im Prozess saßen. Nicht einmal einem verurteilten Straftäter dürfe man drohen oder ähnliches, machte sie deutlich. Im Prozess war deutlich geworden, dass Anwohner den 23-Jährigen beschimpft hätten. Die Familie des jungen Mannes motivierte sie, sich notfalls mit Anzeigen zu wehren. „Jedes Mal, wenn ich das höre, kriege ich ein schlechtes Gewissen und bin traurig“, hatte der Angeklagte mit dem Hinweis auf Aussagen wie Brandstifter und Feuerteufel über ihn erzählt. Die Staatsanwältin forderte ein Strafmaß von vier Monaten Freiheitsstrafe, für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Eigentlich stehen auf schwere Brandstiftung mindestens fünf Jahre. Weil der 23-Jährige aber nicht vorbestraft ist, weil er vermindert schuldfähig ist und weil nicht wirklich viel passiert sei – was den Schaden angeht – und ihm auch keine weiteren Taten in den zwei Jahren seit der angeklagten Brandstiftung nachzuweisen waren, reduzierte sie das Strafmaß. Verteidiger Metz forderte gar nur eine Verwarnung durch das Gericht, gegebenenfalls mit einer Arbeitsauflage verbunden.

Aden kam nach drei Stunden Verhandlungsdauer, die er sehr geduldig und einfühlsam leitete, zu der Entscheidung mit der Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu fünf Euro. „Wir haben es mit einem Sonderfall zu tun. Der Angeklagte weicht erheblich vom Normalfall einer schweren Brandstiftung ab“, begründete der Richter die den Nachbarn gering erscheinende Strafe. „Der Grad der Gefährlichkeit“, sagte Aden, der eine Einweisung in eine Fachklinik rechtfertigen würde, sei nicht überschritten.

 Timo Jann

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