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40 Jahre Anti-Atom-Protest im ehemaligen Schweinestall

Geesthacht 40 Jahre Anti-Atom-Protest im ehemaligen Schweinestall

Aus mehr als 40 Jahren Atomkraft-Protest haben die beiden Geesthachter Aktivisten Bettina und Gerhard Boll Dokumente und Fundstücke gesammelt: Eine kleine "AUS-Stellung" in Anspielung auf den Atomausstieg, die inzwischen sogar Gäste aus Japan zu den Bolls lockt.

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Zahlreiche teils einmalige Zeitdokumente der Anti-Atomkraft-Bewegung: Grünen-Kreistags-Fraktionssprecherin Anna Granz (l.) und Grünen-Spitzenkandidatin Monika Heinold (3. v. r.) lassen sich das kleine Archiv von Gerhard und Bettina Boll zeigen.

Quelle: Fotos: Holger Marohn

Geesthacht. An den Wänden hängen Plakate, Transparente und Zeitungsausschnitte. Im Regal stehen gelb angemalte Konservendosen mit dem Atomzeichen. Auf den Tischen liegen Ordner, Broschüren und Bücher über Atomkraft und die Protestbewegung. Aus mehr als 40 Jahren Atomkraft-Protest haben die beiden Geesthachter Aktivisten Bettina und Gerhard Boll Dokumente und Fundstücke gesammelt: Eine kleine „AUS-Stellung“ in Anspielung auf den Atomausstieg, die inzwischen sogar Gäste aus Japan zu den Bolls lockt.

LN-Bild

Das Geesthachter Ehepaar Boll hat ein kleines Museum eingerichtet.

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„Ursprünglich lagerte das hier alles mal bei uns im Keller. Doch der wurde irgendwann zu klein“, sagt Gerhard Boll, während die Grünen-Spitzenkandidatin Monika Heinold in einem dicken Ordner blättert. Vor zehn Jahren entschieden sich beide, mit ihrem kleinen Archiv in den ehemaligen Schweinestall des 1918 erbauten Angestelltenhauses für Mitarbeiter der Dynamit-Fabrik Nobel umzuziehen.

Die Umbauarbeiten an dem etwa 20 Quadratmeter großen Raum zur neuen Küche wurden gestoppt. Seitdem bekommen die beiden von vielen Seiten immer mehr Dokumente und Erinnerungsstücke. „In dem Koffer da sind gesammelte Bettlaken mit Sprüchen von den Demonstrationen“, sagt Gerhard Boll und zeigt auf das Gepäckstück früherer Jahrzehnte mit seinen abgewetzten Ecken.

Für Bettina Boll ist der Kampf gegen die Atomkraft eine Herzensangelegenheit. Die heute 62-Jährige ist nur 480 Meter von dem späteren Reaktorkern aufgewachsen – in der ehemaligen Casinoküche der Dynamitfabrik Nobel am Nobelplatz 7. Dort wo später das Kraftwerk gebaut wurde, spielte Boll als Kind in den Ruinen und Bunkern der von Bomben zerstörten Pulverfabrik. „Ich kenne da jeden Stein und jeden Trampelpfad“, sagt Boll. Das Gelände des Kraftwerkes war für sie jedoch lange tabu. „Wir haben immer gesagt, wir gehen da erst rein, wenn das Ding endgültig abgeschaltet ist“, sagt Boll und greift eine selbstgebastelte und kopierte Zeitung aus der „AUS-Stellung“. Es ist ein Exemplar der ersten Protestschrift gegen das Atomkraftwerk Krümmel aus dem Jahr 1976 – sieben Jahre vor Inbetriebnahme des Reaktors.

In dem Bollschen Archiv geht es allerdings nicht nur um die Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung. Auch ein Jahrbuch der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt GKSS aus dem Jahr 1957 liegt hier. In einem Grußwort habe schon damals der Atomminister Siegfried Balke (CSU) auf das Spannungsfeld der Atomenergie zwischen Nutzen und Gefahren hingewiesen, zeigt Boll die Seite.

Aber auch für sie selbst war ihr Engagement lange mit persönlichen Anfeindungen verbunden. Noch 2009 legte Vattenfall vor einer Veranstaltung ein Dossier mit Anweisungen zur Behandlung der 62-Jährigen an. „. . . argumentiert rein emotional, ausschweifende Wortbeiträge, muss nach ein bis zwei Minuten ermahnt werden“ und „war nicht eingeladen, hat sich selbst angemeldet, nicht ausladbar“, heißt es dort. Auch über eine niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete hatte Vattenfall Infos gesammelt.

Wenige Wochen später musste sich der damalige Vattenfall-Geschäftsführer Ernst Michael Züfle in einem persönlichen Brief entschuldigen. Vattenfall erstelle keine derartigen Dossiers. Eine einzelne Mitarbeiterin sei schuld, heißt es in dem Schreiben. Boll glaubt nicht, dass sie ein Einzelfall war. „Es wäre schon ein Zufall, wenn nur über zwei Besucher der Veranstaltung, die im Alphabet direkt hintereinander folgen, so ein Dossier angelegt worden wäre“, sagt Boll.

Solche Zeiten sind allerdings vorbei. Bei Veranstaltungen wird von den Bolls inzwischen mit Vattenfall-Vertretern auf Augenhöhe diskutiert. „Selbst in der Geesthachter Ratsversammlung wird meiner Frau inzwischen schon mal ein Cappuccino ausgegeben“, sagt Gerhard Boll. Noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Das Bollsche Anti-AKW-Archiv

Seit fast 40 Jahren engagieren sich Bettina und Gerhard Boll gegen Atomkraft. Es gibt kaum eine Großdemonstration oder wichtige Diskussionsveranstaltung, bei der die beiden nicht dabei sind. In ihrem Engagement sind die Bolls auch europaweit gut vernetzt.

In ihrem Wohnhaus in der Bergstraße in Geesthacht haben die beiden ein umfangreiches Archiv anlegt. Aus Anlass der 31. Jahrestages der Atom-Katastrophe von Tschernobyl öffnen sie es am Sonntag, 23. April, von 11 bis 17 Uhr für Besucher.

 Holger Marohn

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