Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lauenburg Ärger um die Nackten im Gotteshaus
Lokales Lauenburg Ärger um die Nackten im Gotteshaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 16.10.2015
Niendorf

Vergessen Sie mal die Elbphilharmonie und den neuen Berliner Flughafen — in Sachen Bauzeit werden sie durch ein Gotteshaus mitten im Lauenburgischen deutlich übertrumpft: An der St. Anna-Kirche im Dörfchen Niendorf an der Stecknitz wurde mehr als 200 Jahre gebaut. Dabei kann heute niemand mehr genau sagen, wann damit begonnen wurde.

Niendorf gehört zur Kirchengemeinde Breitenfelde, und das dortige Pastorat ist im Jahr 1685 abgebrannt — samt aller Unterlagen über den Bau der Kirche im Nachbarort. „Man geht davon aus, dass der älteste Teil unserer heutigen Kirche 1581 auf dem Fundament einer vorher schon bestehenden Kapelle errichtet wurde“, sagt Niendorfs Pastorin Gabriele Gusek. Diese Kapelle war sehr klein, der Breitenfelder Pfarrer hielt hier nur gelegentlich mal einen Messgottesdienst ab. Wahrscheinlich 1581 sorgte dann der damalige Besitzer des Gutes Niendorf, Hans Vollrath von Scharffenberg, dafür, dass eine neue, größere Kapelle erbaut wurde. Er übernahm das Patronat über die Kirche und berief bald darauf einen eigenen Pastor. Verpflichtet wurde Christian Rode, bis dahin in Basthorst tätig.

In den folgenden zwei Jahrhunderten gab es ständig Umbau- und Erweiterungsarbeiten an der auf einem Hügel stehenden Kirche. Sie wirkt zwar heute „wie ein Kleinod aus einem Guss“, so Pastorin Gusek, aber wer genau hinschaut, entdeckt zum Beispiel im Fachwerk Unterschiede am Baustil. Die bisher einschneidendste Veränderung war die Vergrößerung des Gotteshauses nach Westen samt Anbau eines Turmes.

Die Angabe „Anno 1745“ rechts neben der Kirchentür erinnert daran.

Der größte Fachwerk-Sakralbau im Lauenburgischen ist von außen allemal sehenswert, von innen aber fast noch mehr. Berühmt sind vor allem die Stützstreben, auch „Knaggen“ genannt, denn sie sind kunstvoll mit nackten Menschen bemalt. Lange störte sich niemand daran, doch Ende des 18. Jahrhunderts, zu Zeiten eines prüden Rationalismus‘, galten die Abbildungen plötzlich als skandalös und wurden übertüncht. Inzwischen sind sie wieder freigelegt, genauso wie die Bemalungen einiger Deckenquerbalken.

Das älteste Stück in der Kirche, zugleich wohl auch das wertvollste, ist ein Luther-Bild, 1569 geschaffen von einem Schüler des Künstlers Lucas Cranach. Die jeweiligen Gutsherren, stets auch Patrone der Niendorfer Kirche, haben viele weitere Stücke gespendet, die heute noch eine Zier des Gebäudes sind, vom Altar über die Kanzel bis zu den ursprünglich drei Glocken, von denen jedoch zwei ein unseliges Ende fanden: Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg wurde jeweils eine Glocke für die Waffenproduktion eingeschmolzen. Der Taufstein ist übrigens modern, die Taufschale aber alt. Sie stellt Maria und den Engel Gabriel dar. „Da ich Gabriele heiße, hat diese Schale für mich schon eine besondere Bedeutung", sagt Pastorin Gusek.

Die Zahl der Taufen in Niendorf ist angesichts der demografischen Entwicklung in unserem Land allerdings überschaubar, die Zahl der kirchlichen Trauungen dagegen fällt für ein kleines Dorf erstaunlich hoch aus: „Wir sind als Hochzeitskirche auch für Paare aus anderen Orten sehr beliebt“, freut sich die Pastorin. 150 Sitzplätze, alle in Bänken hinter kleinen Türchen, stehen zur Verfügung.

Selbst das Fernsehen hat das schmucke Gotteshaus schon entdeckt, das ZDF drehte hier eine Komödie. Was jedoch nicht stimmt, ist die in Niendorf gern erzählte Geschichte vom Geheimtunnel, der von der Kirche zum Herrenhaus führt. Hinabsteigen kann man nur in die kleine dunkle Gruft, in der 14 Särge von ehemaligen Gutsherren und ihren Angehörigen liegen.

Norbert Dreessen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit stehenden Ovationen quittierten rund 150 Zuschauer die Darbietung des Jugendtheaterprojektes der Ratzeburger Volkshochschule „Auf der richtigen Seite des Zauns“ ...

16.10.2015

An der Heinrich-Hertz-Straße hat der Offene Kanal Lübeck ein neues Außenstudio bezogen.

16.10.2015

Wie im Möllner Bauausschuss einmal Grundsätzliches geklärt wurde.

16.10.2015
Anzeige