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Lauenburg Schwarzenbeker Einzelhandel sagt: Hände weg vom Internet!
Lokales Lauenburg Schwarzenbeker Einzelhandel sagt: Hände weg vom Internet!
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23:00 08.12.2018
Die Werbegemeinschaft Passage Treff Schwarzenbek mit ihrem Betreiber Andreas Ellermann (4. v. r.) macht gegen den Online-Handel mobil. Quelle: Joachim Strunk
Schwarzenbek/Ratzeburg

Amazon & Co. bereiten dem traditionellen (Einzel-)Handel immer heftigere Kopfschmerzen. „Der Online-Handel nimmt in den letzten Jahren stark zu“, sagt Andreas Ellermann, bekannter Radio- und TV-Moderator (NDR) und Betreiber des Passage Treffs in Schwarzenbek. Konkrete Umsatzrückgänge für die Schwarzenbeker Passage könne er zwar nicht benennen – „hier läuft es noch gut“ –, aber schaue er nach Hamburg, gebe es da schon starke Tendenzen im Einkaufsverhalten Richtung Internet.

Auch eine jüngste Einzelhandelsstudie für Mölln (die LN berichteten) hat das ergeben. Demnach hat der Umsatz des E-Commerce bundesweit aktuell 53 Milliarden Euro erreicht, was einem Anteil von elf Prozent am Gesamtumsatz des deutschen Einzelhandels entspricht. Irritierend für den traditionellen Handel sind dabei die fast durchweg zweistelligen Umsatzzuwachsraten. Die wichtigsten Umsatzträger national sind Bekleidung, Bücher, Elektronik und Schuhe.

Internet macht Läden kaputt

Vor Ort kaufen die Leute zwar noch am liebsten und öftesten ein – in Mölln 57 Prozent der Befragten. Danach fahren die Kunden gerade mal noch nach Lübeck (23 Prozent) oder Hamburg (16 Prozent). Die Couch-Käufer haben sich diesbezüglich aber schon klar und deutlich mit 18 Prozent in die Spitzengruppe gedrängt.

Grund genug für Ellermann und die Mitglieder der Werbegemeinschaft, eine provokante Aktion ins Leben zu rufen: „Hände weg vom Internet!“. Die Aktion läuft „open end“ – Ellermann: „Unser Feind ist das Internet. Das wird in den nächsten Jahren noch viele Einzelhändler treffen. Wir müssen etwas tun.“ Wie? Die Kunden und Verbraucher dafür sensibilisieren, lieber vor Ort in den Geschäften zu kaufen, als sich von den großen Versandhändlern im WorldWideWeb beliefern zu lassen.

Kompetenz und Qualität vor Ort

„Nur so kann in Schwarzenbek – und nicht nur hier – weiterhin ein großflächiges Warenangebot bestehen bleiben“, erklärt Ellermann. Der Kauf über das Internet mache immer mehr Läden kaputt, sind sich die 30 Mitglieder der Werbegemeinschaft im Passage Treff Schwarzenbek einig.

„Die Kunden bestellen gerne weiter online – aber dann bei den Geschäften vor Ort. Der Vorteil: Ihre Waren können sie hier abholen. Das vermeidet die zunehmenden Lieferprobleme der Speditionen, gewährt ihnen die Garantie, dass die Waren pünktlich und ordnungsgemäß ankommen, dass sie bei Reklamationen und Fragen kompetente Antworten und Hilfe bekommen. Die von uns garantierte Qualität ist der absolute Vorteil: Für uns sind die Kunden first class. Im Internet sind sie nur eine kleine Nummer.“

Weihnachtsgeschäft

Im Weihnachtsgeschäft wird der Umsatz im norddeutschen Einzelhandel erstmals über acht Milliarden Euro liegen. Dabei wird erneut der Online Handel stärker profitieren.

Der Handelsverband Nord erwartet in den Monaten November und Dezember ein Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr von zwei Prozent. Präsident Andreas Bartmann begründet die zuversichtliche Prognose mit guten gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Für Schleswig-Holstein prognostiziert der Verband 3,8, für Hamburg 2,7 und für Mecklenburg-Vorpommern 1,6 Milliarden Euro. Allerdings seien die Erwartungen der Unternehmen sehr unterschiedlich. „Kleinere Händler gehen deutlich pessimistischer in den Jahresendspurt als größere“, so Bartmann.

Das Weihnachtsgeschäft ist die umsatzstärkste Zeit im Einzelhandel: Der stationäre Handel erzielt knapp 20 Prozent, der Online-Handel sogar gut ein Viertel seines Jahresumsatzes im November und Dezember. In Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern werden im Weihnachtsgeschäft ca. 1,1 Milliarden Euro im Internet ausgegeben. Das ist eine Steigerung um knapp zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Laut einer Umfrage, des ifes Instituts der FOM Hochschule, will gut ein Viertel der Verbraucher im Norden im Weihnachtsgeschäft mehr Geld ausgeben als im Vorjahr. Fast jeder Sechste möchte dagegen sparen. In Summe lasse das Mehrausgaben erwarten.

Das Institut hat errechnet, dass im Durchschnitt jeder Verbraucher in Schleswig-Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern 462 Euro und in Hamburg sogar 482 Euro für Weihnachtsgeschenke investieren wird.

„Ich sehe die derzeitige Entwicklung als große Bedrohung an“, erklärt Ellermann. In ein paar Jahren würde es wahrscheinlich kaum noch Geschäfte vor Ort geben, befürchtet der Investor. Er selbst hatte die Passage 2015 mit neun Leerständen von seinem Vorgänger übernommen. „Momentan suchen wir nur noch für die Geschäftsfläche im jetzigen DRK-Markt einen neuen Mieter.“ Die Räume sind im März 2019 frei.

Am Ende nur noch Geisterstädte

Alle seien sich einig, die Innenstädte zu stärken. Doch viele bewirkten das Gegenteil, indem sie eben online shoppen gehen würden. „Was bringen uns leere Innenstädte, da will doch keiner mehr durchspazieren. Das sind am Ende Geisterstädte!“, erregt sich Ellermann über ein Phänomen, das ja nicht nur Schwarzenbek betrifft.

In Ratzeburg sieht der dortige Wirtschaftsförderungsverein Inselstadt Ratzeburg (W.I.R.) das Problem ähnlich. W.I.R.-Vorsitzender Gunnar Koech dazu: „Wir haben selbst auch eine ähnliche Aktion laufen, die heißt ,Hier lebe ich, hier kaufe ich’, das ist das gleiche Grundprinzip“.

Zweischneidiges Schwert

Eine rigorose Ablehnung des Internet-Handels will Koech selbst – auch aus eigener Erfahrung mit der Familie – nicht unbedingt befürworten. „Das ist ein zweischneidiges Schwert, weil das Konsumverhalten der Leute sich geändert hat.“

Fahrradhändler Koech plädiert eher dafür, „den Kunden die Vorteile des Handels vor Ort und dessen Mehrwert bewusst zu machen, den sie bei einem Einkauf bei uns haben“. Da sei zu nennen, dass man die Ware im Laden „anfassen“, sich direkt ein Bild von dem Produkt machen könne.

Serviceleistung kostet etwas mehr

Außerdem habe man vor Ort in der Regel eine sehr gute Beratung und auch die Möglichkeit, bei späteren Problemen sich wieder zu melden und den Kauf notfalls zu reklamieren. „Die Serviceleistung kostet dann eben etwas mehr, aber diese sichert ja dann auch wertvolle Arbeitsplätze“, erklärt Koech.

Einfach zu sagen „Online-Handel ist Mist“, das könne man nicht machen. Weil man indirekt dann ja auch die eigenen Kunden, die sicherlich bei anderen Produkten im Internet einkauften, kritisiere. „Wir hatten schon mal überlegt, einen Tag einfach die Geschäfte zu zu machen und sich davor zu stellen mit dem Hinweis: So sieht’s aus, wenn Ihr nur noch im Internet einkauft. Dann ist hier Schluss!“

Neu erfinden

Aber das sei der falsche Weg, so Koech. „Damit vergraulen wir ja im Grunde noch die Kunden, die uns letztlich treu sind. Die anderen sind eh schon weg.“ Am Ende müsse sich der Handel vielleicht auch wieder neu erfinden. Aber das ist nun mal auch das Geschäft. Der Handel lebt nun mal auch von der Konkurrenz.

Joachim Strunk

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