Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lauenburg Als Oma-Aupair die weite Welt erobern
Lokales Lauenburg Als Oma-Aupair die weite Welt erobern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:56 14.04.2016
Die Fotos von ihrem Granny-aupair-Abenteuer schaut Rita Barten sich gern und ein wenig stolz an. Quelle: Baumm

Im Ruhestand kann man endlich das tun, was man will. Man muss es nur wollen. Ein schlauer Spruch, ehrlich. Jahrzehnte hat man sich gewünscht, frei zu sein.

Neue Organisation bietet unternehmungslustigen Frauen ab 55 Jahren den ungewöhnlichen Weg zur Traumfamilie.

Frei von Chef, Zeitdruck und sonstigen Unerquicklichkeiten. Nur um mit dem Eintritt ins Rentenalter festzustellen: Da ist so ein Beigeschmack. Dieser Hauch von Alteisen — gar nicht schön. Wie gut ist es dann, sich an Träume zu erinnern, an lang gehegte Wünsche. Und sich aufzumachen, diese Träume und Wünsche Realität werden zu lassen. Das Projekt „Granny aupair“ zum Beispiel ist ideal für ungebundene, reiselustige Frauen, die Spaß an Kindern haben. Wie Rita Barten. Die 66-Jährige aus Schwarzenbek hat ein Vierteljahr bei einer Familie in Cambridge verbracht. Ihr Fazit: „Es war ein schönes Erlebnis. Für mich war das Wichtigste: Ich habe mich aufgerafft, von Zuhause losgelöst, mich etwas getraut“.

Dabei zählt Barten nicht zu den Frauen, die den ersten Tag im Ruhestand bejubeln. Als ihr Mann starb und eine Freundin aus der Doppelkopf-Runde meinte, nun sei sie doch endlich frei, könne tun und lassen, was sie wolle, reisen, ins Ausland gehen, da war ihre erste Reaktion: Was soll ich da? Dann wurde auch noch die jüngere Tochter schwanger. Und als das Enkelkind vier Monate alt war, übernahm Rita Barten die Betreuung. Wunderschön war das, glücklich war sie mit dem Baby. Nur entschied ihre Tochter: Das Kind kommt mit einem Jahr zu einer Tagesmutter. Noch heute hat Rita Barten Tränen in den Augen, wenn sie daran zurückdenkt: „Die Trennung ist mir so schwer gefallen.“ Damals wurde ihr klar: „Ich muss loslassen!“ Und: „Wenn ich jemals reisen will, dann jetzt — irgendwann bin ich dafür zu alt."

Rita Barten hatte vor Jahren eine Busreise nach Irland unternommen, „das hat mir so gut gefallen!“, Irland also, das konnte sie sich vorstellen. Und dann war da dieser Bericht über die Organisation „Granny aupair“, das hat sie angesprochen, da hat sie einfach mal nachgeforscht. Rita Barten ist eine, die von sich selbst sagt, sie brauche eine Struktur im Alltag, feste Aufgaben, sonst falle es ihr schwer, sich überhaupt zum Aufstehen zu motivieren. Andererseits ist sie aber auch eine, die nicht lange fackelt. Granny aupair gegoogelt, Kontakt aufgenommen, eine Familie in Cambridge gefunden mit zwei kleinen Jungs, die eine Granny suchte, zugesagt. Oha — schon lief die Zeit. Blieb nur ein knappes Vierteljahr, um alles zu regeln, vorzubereiten.

Am 8. Januar 2015 ist sie nach England geflogen. Ein bisschen bange war ihr schon, andererseits, „wenn‘s mir nicht gefällt, hau ich eben wieder ab“. Und dann war sie auch schon ratzfatz in ihrem neuen Alltag angekommen. Die Familie hat Hin- und Rückflug gezahlt und Kost und Logis übernommen. Rita Barten hat sich für einige Stunden einen Fahrlehrer geleistet: „Der Linksverkehr war mir doch ein bisschen ungeheuer.“ In den letzten drei Wochen ihres Aufenthaltes hat sie nachmittags für zwei Stunden eine Sprachschule besucht: „Ich wollte wenigstens ein bisschen Englisch lernen in der Zeit.“ Da der Gastvater Deutscher ist, sollte sie nämlich mit den beiden Jungs Deutsch reden.

Rita Barten ist froh, dass sie den Schritt gewagt hat. Sie hat die beiden Jungs ins Herz geschlossen — so sehr, dass sie gerade jetzt noch einmal für eine Woche mit der Familie nach Österreich in den Winterurlaub gefahren ist. Dass sie sich als gestandene Frau in eine fremde Familie einfügen musste, das war eine Herausforderung. Dass sie in ein fremdes Land gereist ist, fremde Sprache, Linksverkehr: eine Herausforderung. Sich um Kinder kümmern, ohne wirklich etwas zu sagen zu haben: eine Herausforderung. „Ich bin wirklich stolz auf mich, dass ich das geschafft habe.“

Bei ihrer Rückkehr war ihr Garagentor bunt besprayt: „Home is where your heart is“. Und weil das stimmt, ist Rita Barten überglücklich, die Enkeltochter wieder täglich sehen zu können. Trotzdem — vielleicht setzt sie sich doch noch einmal in den Flieger und nimmt eine Auszeit von Schwarzenbek als Granny aupair. Immerhin ist da noch Irland. Davon träumt sie doch schon so lange

Weltweit: Der schnelle Weg zur Leihoma

Michaela Hansen hat das Web-Portal www.granny-aupair.com gegründet. Sowohl interessierte Frauen — Voraussetzung: 55plus, ungebunden und Spaß an Kindern — als auch Gastfamilien können sich bei ihr bewerben. Den Frauen wird freie Kost und Logis gewährt, über Reise- und andere Kosten müssen sich Granny aupair und die Familie einigen. Mehr Infos: ☎ 040/8797

6140.

Von Dorothea Baumm

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige