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Andacht an der Bahre gegen Bares

Ratzeburg Andacht an der Bahre gegen Bares

Wer nicht in der Kirche ist, kann jetzt geistlichen Zuspruch einfach kaufen: Benjamin Westermann ist Ratzeburgs erster Mietpastor.

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Benjamin Westermann aus Ratzeburg ist der erste Seelsorger, der für die Internetplattform rent-a-pastor arbeitet.

Quelle: wr

Ratzeburg. Auch der Medienhype um den Papstrücktritt kann nicht darüber hinwegtäuschen: In unserer säkularen Gesellschaft wenden Menschen der institutionalisierten Kirche zunehmend den Rücken zu. Dennoch bleibt ein Restbedürfnis nach religiös fundierter Seelsorge. Was etwa Weihnachtsgottesdienste belegen. Schwieriger wird es für konfessionell Ungebundene, wenn es um Hochzeit und Beerdigung geht. Beim Wunsch nach kirchlicher Zeremonie ohne Kirchenzugehörigkeit sagen Seelsorger schon mal Nein.

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Pröpstin Frauke Eiben.

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In diese „Lücke“ stößt jetzt rent-a-pastor.com. Fast so einfach wie eine Pizza lässt sich nun auch ein Pastor ordern. So ein „Instant-Seelsorger“ ist demnächst auch in Ratzeburg und Umgebung zu mieten. Benjamin Westermann (33) aus Ratzeburg kommt zu Trauungen und Hochzeiten — nicht als zuständiger Gemeindepastor, sondern weil er für jeden einzelnen Auftritt honoriert wird: Beerdigungen kosten ab 350 Euro, Hochzeiten gibts schon für 400 Euro. Westermann dürfte also der erste religiöse Dienstleister im Kreis Herzogtum Lauenburg sein: Segen und Zuspruch gegen Bares.

Ganz so flockig-locker wie der Flyer und die Homepage von rent-a-pastor — („Wir haben nur die besten Redner, wer schlechte Kritiken bekommt, fliegt raus“ / „Jeder Mensch hat eine gute Beerdigung verdient“ / „Kirchenferne ist kein Problem“) — kommt der 33-jährige verheiratete Pastor nicht daher. Westermann strahlt Ruhe und Ernsthaftigkeit aus. Pastorales im herkömmlichen Sinne fehlt seinem Auftreten. Der Ostholsteiner, der mit seiner Ratzeburger Ehefrau in St. Georgsberg lebt und in der Freien Ev. Christengemeinde (50 Mitglieder kreisweit) arbeitet, ist familiär christlich geprägt und absolvierte seine Pastorenausbildung am Prediger-Seminar in Erzhausen bei Darmstadt.

Verhaftet in Glauben und Christentum, ist ihm der herkömmliche institutionalisierte Betrieb einer Landeskirche eher fremd. Westermann predigt auf keiner Kanzel, sondern ist Gottesdienst in einer ausgedienten Motorradwerkstatt in einem Gewerbegebiet gewöhnt, so wie es in der Freien Christengemeinde praktiziert wird.

Benjamin Westermann zeigt weder Berührungsängste mit dem traditionellen Kirchenbetrieb noch mit dem zeitgeistorientierten Auftritt von rent-a-pastor. Unkonventionelle Ansprache und Seriosität sind für ihn kein Widerspruch. Westermann, der der Pfingstbewegung angehört, verweist auf die wörtliche Übersetzung des aus dem Lateinischen kommenden Wortes Pastor: „Es heißt ja Hirte, und der Hirte kümmert sich um die Schafe generell — unabhängig von ihrer konfessionellen Bindung.“ Was den Seelsorger reizt, ist eine eben andere Form der Seelsorge: losgelöst von Glocken und Kirchenprunk — quasi Glaube ohne Lametta. Und was Westermann an rent-a-pastor gefällt, ist Abwesenheit von jeglichem Kirchendogmatismus. Wenn ein verstorbenes Familienmitglied nicht in der Kirche war, die Angehörigen es aber sind, sollte sich die Kirche nicht nachträglich abstrafend verweigern. Westermann ist sich sicher: „Wenn die Kirche etwa in dieser Frage die Tür weiter öffnen würde, gäbe es rent-a-pastor vielleicht nicht.“

Bei diesem neuen christlichen Mietservice geht es hauptsächlich um Beerdigungs- und Hochzeitszeremonien — und da ist fast alles möglich: Trauungen auf einem Schiff, in einem Garten am See oder zu Hause. Trauerfeiern werden ebenso nach Wunsch der Angehörigen „geliefert“. Die Redner von rent-a-pastor können gemeinsam mit den Kunden „niedrigschwellige Angebote entwickeln“, heißt es auf der Homepage. Westermann ist sich mit dem Plattformgründer, Samuel Diekmann aus Rödermark (Landkreis Offenbach), einig, dass dies eine Chance ist, Menschen zu erreichen, die sonst nicht erreichbar wären.

Als „verkapptes Missionarentum“ sieht der Ratzeburger rent- a-pastor allerdings keineswegs.

Benjamin Westermann ist bewusst, dass sein künftiges Wirken — er kann ab sofort gebucht werden — auf Kritik stoßen wird. Der er aber ganz unbefangen entgegen sieht. „Ich würde mir wünschen, dass die großen Volkskirchen näher zu den Menschen rückten. Vielleicht tragen wir auch ein Stück mit dazu bei.“

Vertreter des Kirchenkreises sind skeptisch
Keine wirkliche Konkurrenz sehen Vertreter der Evangelischen Landeskirche in dem neuen Internet-Angebot, einen Seelsorger mieten zu können. Rent-a-pastor wird aber doch mit deutlicher Skepsis betrachtet.


Frauke Eiben, Pröpstin im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg, reagiert zunächst formell: „Die Bezeichnung Pastor ist zwar nicht geschützt, aber es handelt sich beim Personal von rent-a-pastor nicht um Pastoren der Landeskirche.“ Das müsse nicht ein Problem darstellen, räumt die Pröpstin ein, doch es sei wichtig zu wissen, „wofür jemand steht“. Frauke Eiben sieht da eine „gewisse Rollenunklarheit“ und warnt vor einer zu großen Beliebigkeit in der Suche nach seelsorgerischer Begleitung. Diese sei schließlich als lebensumfassend in der herkömmliche Kirche tradiert und das sei sinnvoll. Die Pröpstin hält es für fraglich, ob ein Dienstleister wie rent-a-pastor die notwendige Ganzheitlichkeit in der seelsorgerischen Arbeit leisten könne.


Jürgen Hensel, Gemeindepastor in Schmilau, machte vor kurzem Schlagzeilen, weil er der Familie einer Verstorbenen die volle christliche Trauerzeremonie verweigerte, weil sie nicht in der Kirche war. Hensel steht nach wie vor zu seiner damaligen Entscheidung und sieht in dem konfessionslosen Angebot von rent-a-pastor dennoch keine echte Konkurrenz. „Das ist in erster Linie ein Geschäftsmodell; eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.“ Es sei aber auch erkennbar, dass es offenbar zunehmend eine Tendenz gebe, auch im seelsorgerischen Bereich sich nur das zu suchen, was man gerade benötige.

„Die Volks-

kirchen sollten näher zu den Menschen rücken.“
Benjamin Westermann

Matthias Wiemer

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