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Lauenburg Anschlag auf Gedenkstein: „Keine Würdigung für Nazi“
Lokales Lauenburg Anschlag auf Gedenkstein: „Keine Würdigung für Nazi“
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21:58 10.04.2018
Der Wandschneider-Gedenkstein am Kreismuseum im Originalzustand (li.), kurz nach der Beschädigung und jetzt mit entferntem Relief. Quelle: Fotos: Hfr/wr (2)
Ratzeburg

Die Täter, die sich selbst wohl eher als Aufrüttler sehen, haben offenbar im Schutz der Nacht die Gedenkplatte für Gerhard Wandschneider (1906 bis 1981) auf einem Findling vor dem Kreismuseum beschädigt und mit blutroter Farbe begossen. Am nächsten Morgen fand sich in diversen Briefkästen in Ratzeburg und Umgebung ein „Erklärungsschreiben“. Ohne Absender, aber mit einer ausgefeilt formulierten, fast wissenschaftlich anmutenden Beschreibung des „wahren“ Lebenswerks des Gerhard Wandschneiders, der nicht nur von 1950 bis 1969 parteiloser Landrat des Kreises Herzogtum Lauenburg war. Sondern, so soll durch mehrere Quellenhinweise belegt werden, auch ein glühender Nationalsozialist in den Jahren davor. Er soll an der Deportation polnischer Zwangsarbeiter nicht nur beteiligt gewesen sein, sondern sogar die Hinrichtung von im Nazi-Jargon so genannter „Ostarbeitern“ befördert und ihnen beigewohnt haben. Keine Würdigung, sondern klare Kante gegen „Verehrung faschistischer Mörder“, steht am Ende des Schreibens.

Grober Unfug oder brachialer Denkanstoß? Die politisch motivierte Attacke auf den einzigen Gedenkstein, den es für einen lauenburgischen Landrat in Ratzeburg gibt, stößt offenbar eher auf Nachdenklichkeit als auf Empörung. War Gerhard Wandschneider ein Nazi-Verbrecher?

Ein später, radikaler Aufarbeitungsbeitrag lokaler NS-Geschichte? Ehrung für einen Mann mit einer solchen Vergangenheit?

Gerhard Wandschneider, der zusammen mit seiner Frau auf dem Domfriedhof beerdigt ist, war über seine Tätigkeit als Landrat hinaus vielfach im öffentlichen Leben engagiert. Er wurde aber nicht für seine Verdienste als Landrat und nicht vom Kreis Herzogtum Lauenburg geehrt, stellt der jetzige Landrat Dr. Christoph Mager auf LN-Anfrage klar. Es gebe weder eine Amtsträgergalerie noch Gedenksteine für die lauenburgischen Landräte. Der attackierte Stein stammt von der Stiftung Mecklenburg, die im unweit entfernt gelegenen „Haus Mecklenburg“ ansässig war, bevor sie ihre Arbeit im Jahr 2010 nach Schwerin verlagerte. Die Würdigung Wandschneiders gilt seinem Einsatz für seine frühe deutsch-deutsche Kontaktpflege. Eine Anzeige wegen Sachbeschädigung wurde erstattet, die zerstörte Inschrift-Platte sichergestellt, der Findling gereinigt.

Aber was passiert jetzt mit dem Gedenkstein? Eine Wiederherstellung des alten Zustands erscheint fraglich. Denn sowohl in Ratzeburg als auch in Schwerin gibt es niemanden, der so ganz über die fragwürdige Vergangenheit des Gerhard Wandschneider hinwegschauen will. Florian Ostrop von der Stiftung sagte gegenüber den LN, man befinde sich gerade in einem Prozess der geschichtlichen Aufarbeitung, wozu auch die Entscheidung über die Zukunft des Gedenksteins gehöre. Viele Optionen stünden zur Verfügung. Die Aktionisten hätten zwar teilweise „ziemlich unscharf“ aus seiner Abhandlung („Einheimische und Fremde“) unter anderem auch über Wandschneider und seine Aktivitäten als NSDAP-Mitglied seit 1937 interpretiert. Wandschneider sei trotz Ermittlungen gegen ihn nie juristisch wegen der nachzuweisenden Hinrichtung von zwei Zwangsarbeitern in dem dem von ihm bis 1945 geführten Landkreis Wismar belangt worden. Er habe „seinen Handlungsspielraum aber auch nie zugunsten der Opfer ausgelegt“, so Ostrop.

Der Möllner Historiker William Boehart sieht in dem brachialen „Denkanstoß“ ein Beispiel für häufiger anzutreffende „Renazifizierung“ früherer NS-Größen in der Nachkriegszeit, wofür „der Kreis besonders anfällig war“. Kreisarchivar Christian Lopau bestätigte auf LN-Anfrage, die Vorgeschichte Wandschneiders sei ihm bislang nicht bekannt gewesen. Bei der Aufarbeitung, das belegten neuere Studien, habe es Versäumnisse gegeben.

 Von Matthias Wiemer

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