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Lauenburg Atomkraftgegner fordern mehr Klarheit
Lokales Lauenburg Atomkraftgegner fordern mehr Klarheit
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09:14 12.12.2018
Ein gutes Dutzend Einwender ist zu dem Erörterungstermin nach Krümmel gekommen. Quelle: Holger Marohn
Reinbek

Mehr als 400 Stühle stehen im Zuschauerraum des großen Saales des Reinbeker Sachsenwaldforums. Genug für jeden einzelnen der 390 Einwender zum Rückbauantrag für das Kernkraftwerk Krümmel. Mehr als 60 davon sind mit Tischen und Mikrofonen ausgestattet. Doch gerade einmal 13 Kritiker haben den Weg nach Reinbek gefunden.

Atomkraftgegner haben hohe Erwartungen

Ihnen gegenüber sitzen je sieben Vertreter der Kieler Atomaufsicht als Genehmigungsbehörde, des Atomkonzerns Vattenfall als Kraftwerksbetreiber und von der Atomaufsicht beauftragte externe Experten. In bis zu drei Tagen, möglicherweise auch länger, wird es um den Rückbau des Atommeilers gehen.

„Ich erwarte viel von den Tagen hier“, hatte Bernd Redecker bereits im Vorfeld angekündigt. Das Mitglied im Lüneburger Aktionsbündnis gegen Atom (LagAtom) ist einer der Einwender. Immer wieder hakt er bei den einzelnen Themen nach, will es bei den von Vattenfall angeführten Verfahren und Plänen ganz genau wissen. Auf insgesamt sechs Themenbereiche mit wiederum bis zu sieben Unterkategorien beziehen sich die Fragen.

Mittlerer Detailierungsgrad für Erörterung

Ihm werde viel zu oft „gegebenenfalls“, „eventuell“ und „voraussichtlich“ in den Unterlagen geschrieben, beklagt ein Vertreter des BUND die aus seiner Sicht „schwammigen“ Formulierungen. Und auch Redecker kritisiert die aus seiner Sicht nicht vollständigen Unterlagen. So gebe es keine ausreichenden Angaben zu Konditionierungsanlagen, Freigabeverfahren oder anstehenden Transporten. „Das, was hier vorliegt, reicht nicht aus, um eine Genehmigung zu erteilen.“ Für Vattenfall kein Problem. „Die Unterlagen sind nicht vollständig für eine Genehmigung, aber für eine Erörterung.“

Zeitplan zum Rückbau Krümmel

Der Rückbau des Kernkraftwerkes Krümmel ist in drei Phasen vorgesehen.

Für die derzeit laufende Antrags- und Genehmigungsphase sind drei bis vier Jahre veranschlagt. Es wird erwartet, dass eine Genehmigung zum Rückbau im Jahre 2020 erteilt werden kann.

In der Folge erfolgt der eigentliche Abbau der Anlagen. Voraussetzung für diesen Schritt ist die Brennstofffreiheit des Kernkraftwerkes. Anfang Dezember ist dafür der letzte noch erforderliche Castorbehälter in Krümmel angeliefert worden. In diesen soll nun noch letzte Brennstäbe aus defekten Brennelementen eingelagert werden.

Anschließend werden die atomaren Anlagen im Kernkraftwerk abgebaut und die Einbauten dekontaminiert und konditioniert, also in die üblichen gelben Fässer verpackt. Begonnen werden soll dabei mit dem Zerlegen unter Wasser des Reaktordruckbehälters.

Die gelben Fässer werden später im noch zu bauenden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle am Standortzwischenlager (LasmAaZ) eingelagert. Für den Abbau der atomaren Anlagen ist ein Zeitraum von zehn bis 15 Jahren vorgesehen. Den Abschluss bildet die Entlassung der Anlage aus dem Atomrecht.

Abschluss bildet dann die Phase des konventionellen Abrisses. Dafür ist ein Zeitraum von zwei bis drei Jahren veranschlagt. Hier werden auch die größten Mengen Abfall anfallen – allerdings nur noch konventioneller Abfall, der zu einem großen Teil recycelt werden kann.

Für Jan Backmann, Leiter der Atomaufsicht des Landes, ist es eine gewollte Gratwanderung. Man habe man den Erörterungstermin bewusst relativ weit an den Anfang des Genehmigungsverfahrens bei einem „mittleren Detailierungsgrad“ gesetzt. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass die Beteiligung nur noch als Scheinbeteiligung hätte wahrgenommen werden können, so Backmann. So gebe es genug Spielraum, dass die Einwendungen aus der Erörterung auch noch Eingang in das weitere Verfahren finden.

„Ich bin langsam matschig“

Wenig Hoffnung macht Vattenfall den Anwohnern für Entschädigungen aufgrund es Kraftwerkabrisses. „Es wird zu Beeinträchtigungen der Nachbarschaft durch die Großbaustelle kommen“, sagt ein Vattenfall-Vertreter. Das sei zulässig und hinnehmbar. Für Entschädigungen sehe er keinen Raum.

FR Foto:Lutz Roeßler - kraftwerkerk vattenfall Das Kernkraftwerk Krümmel liegt in Geesthacht, 30 Kilometer südöstlich von Hamburg. Das Kraftwerk, mit dessen Bau im Jahr 1974 begonnen wurde. Quelle: Lutz Roeßler

Mehr als acht Sunden detaillierte Nachfragen und Diskussion zehren aber auch an Nerven und Kondition der Teilnehmer. Und so gibt dann zu später auch ein Einwender nach einem Versprecher unverhohlen zu Protokoll: „Ich bin langsam matschig“. Und auch in den Reihen von Vattenfall hat der Technische Geschäftführer Ingo Neuhaus aus dem „Herr Fricke“ ein kollegiales „Thorsten“ bei der Ansprache seines Kraftwerksleiters gemacht.

Lob für Kieler Atomaufsicht

Zum Auftakt des ersten Tages der Erörterung hatte Staatssekretär Tobias Goldschmidt die Veranstaltung als „Sternstunde des Rechtsstaates“ bezeichnet. Jedes Argument komme zu seinem Recht. Und letztlich sei der Rückbau des Kernkraftwerkes Krümmel „Energiewende pur der besten Art“.

Ganz soweit wollte LagAtom-Aktivist Redecker in Sachen „Sternstunde“ denn doch nicht gehen. Allerdings habe er die Kieler Atomaufsicht anders als in anderen Bundesländern als sehr offen erlebt. Und letztlich stelle er als Einwender auch den Rückbau des Atomkraftwerkes nicht grundsätzlich infrage.

Holger Marohn

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