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Lauenburg Atommüll verbleibt länger
Lokales Lauenburg Atommüll verbleibt länger
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21:47 04.05.2018
Im Standtortzwischenlager in Krümmel stehen derzeit 41 Castorbehälter mit abgebrannten Brennelementen. Insgesamt ist dort Platz für 65 der Hochsicherheitsbehälter. Die Castoren werden dort allerdings deutlich länger stehen, als ursprünglich geplant. Quelle: Foto: Ln-Archiv
Geesthacht

„Selbst wenn die Suche nach einem Endlager sportlich flockig gelingen sollte, wird es eine Lücke geben“, sagte SPD-Kreisvorsitzende Nina Scheer am Donnerstagabend in Geesthacht. Denn selbst, wenn ein Endlagerstandort wie vom im Januar 2014 in Kraft getretenen Standortauswahlgesetz vorgesehen bis Ende 2031 gefunden wäre, müsste die für die Ewigkeit möglichst Sicherheit gebende Lagerstätte noch geplant, genehmigt und gebaut werden. Und dann müssen die etwa 1900 bundesweit lagernden Castoren, darunter auch 41 derzeit im Zwischenlager Krümmel stehende Hochsicherheitsbehälter, noch ins Endlager transportiert werden.

Prozesse, die auch nach Einschätzung von BfE-Präsident Wolfram König nicht bis zum Auslaufen der 40-jährigen Betriebsgenehmigung des Standortzwischenlagers 2046 zu schaffen sind. „Wir brauchen eine Zwischenlösung. Damit müssen wir uns frühzeitig auseinandersetzen“, sagte König. Die Diskussion darüber werde Mitte des Jahres beginnen, erwartet der Strahlenschützer. Fest steht für König, dass bei einer Verlängerung der Genehmigung die Standorte entschädigt werden müssen.

Eine andere Frage ist, wie sich die abgebrannten Brennstäbe in den Castoren und die Castor-Behälter selbst langfristig verhalten. Diskutiert wurde dies erst zu Jahresbeginn während eines Workshops des Nationalen Begleitgremiums unter dem Titel „Zwischenlager ohne Ende?“ in Karlsruhe. So entsteht im Castor über die Zeit durch Zerfallsprozesse Gas. Auch der Kernbrennstoff zerbröselt mit der Zeit.

Während ein Druckaufbau im Castor während einer Zeitspanne einiger Jahrzehnte bis Jahrhunderte durch physikalische Zerfallsprozesse nicht zu erwarten sei, sei diese zunehmende Lockerung des Kornverbunds der Urandioxid-Matrix über einen langen Zeitraum „das Wesentlichere“, sagt Dr. Walter Tromm, Sprecher des Programms Nukleare Entsorgung, Sicherheit und Strahlenforschung (Nusafe) des Karlsruher Instituts für Technologie. Auch könne Wasserstoff bewirken, dass die Hüllrohre der Elemente spröde würden.

BfE-Präsident König betonte bei der Veranstaltung in Geesthacht, dass bei einer längeren Lagerung der Castoren im Zwischenlager grundsätzlich keine Gefahr von den Behältern ausgehe. Die Beschränkung der Betriebsgenehmigung auf 40 Jahre sei damals nicht durch die Sicherheit begründet worden, sondern politischer Wille, um keine „verkappten Endlager“ zu schaffen. Klar müsse aber jedem auch sein, dass die Sicherheit nicht das Zwischenlager als Gebäude biete, sondern der Behälter. Es bestehe auch die Möglichkeit, einen zusätzlichen Deckel auf den Castor zu schweißen. Insgesamt gelte es, Risiken und Unsicherheiten immer wieder neu zu bewerten.

Gelagert wird in den Castoren allerdings nur der hochradioaktive Abfall wie die abgebrannten Brennelemente. Den im Vergleich mengenmäßig deutlich größeren Anteil hat der schwach- und mittelradioaktive Abfall. Nach der Lagerung in einem in der Genehmigung befindlichen zweiten Zwischenlager in Krümmel soll er 2027 in Schacht Konrad eingelagert werden.

Nur gut ein Prozent radioaktiver Abfall

Welche Müllmengen in welcher Qualität anfallen, wird im Rahmen der Genehmigung des Rückbaus der kerntechnischen Anlagen in Krümmel genau berechnet. Beim Rückbau des Forschungsreaktors, des Reaktordruckbehälters des Atomfrachters „Otto Hahn“ und weiterer Anlagen auf dem Gelände der ehemaligen Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS) in direkter Nachbarschaft des Atommeilers Krümmel sind 37.400 Tonnen der insgesamt etwa 39.000 Tonnen Abfall ganz normaler Müll. Dieser, darunter vor allem Bauschutt, kann zu einem wesentlichen Teil recycelt werden.

Radioaktiv kontaminierte Teile, voraussichtlich 1350 Tonnen, müssen dekontaminiert werden. Einmal gesäubert, werden sie auf Reststrahlung hin überprüft und danach ebenfalls zu normalem Müll. Die kontaminierten Reinigungsrückstände hingegen zählen als Sekundärabfall zum schwach und mittelradioaktivem Abfall. Sie werden wie die radioaktiven Abfälle selbst gesondert in Fässer verpackt, zusammengestellt und endgelagert. Zusammen wird ihr Anteil mit rund 410 Tonnen gerade einmal gut ein Prozent der Gesamtmasse betragen.

Ähnlich ist das Verhältnis beim geplanten Rückbau des Atomkraftwerkes Krümmel. Von den geschätzt 541.000 Tonnen anfallen Abfall der kernbrennstofffreien Anlage, werden voraussichtlich gerade einmal 8000 Tonnen endzulagernder radioaktiver Abfall übrigbleiben – rund 1,5 Prozent.

Mitentscheidung

Als Standortgemeinde einer Atomanlage ist Geesthacht Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Standortgemeinden mit kerntechnischen Anlagen in Deutschland (Asketa).

Als Vertreter Geesthachts sitzt Bürgermeister Olaf Schulze (SPD) in dem Gremium. Und da der derzeitige Vorsitzende, der Brunsbütteler Bürgermeister, demnächst Landrat werde, brauche das Gremium einen neuen Chef, sagt Schulze und bringt sich als Nachfolger ins Spiel. Doch damit nicht genug.

So fordert Asketa einen Sitz in der künftig größer werdenden Endlagersuchkommission. Damit könnte Schulze in einigen Jahren möglicherweise über ein Atommüll-Endlager mitentscheiden.

 Holger Marohn

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