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Lauenburg Atomschrott aus Krümmel soll in die USA
Lokales Lauenburg Atomschrott aus Krümmel soll in die USA
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17:02 12.12.2018
Beim Rückbau des Kernkraftwerkes Krümmel fallen auch rund 39 000 Tonnen verstrahlte Bauteile an. Quelle: Lutz Roeßler
Krümmel/Reinbek

 Der Kernkraftswerks-Betreiber Vattenfall plant, radioaktiv verstrahlten Metallschrott aus dem Innersten des Atomreaktors in die USA zu verschiffen. Dort sollen die Teile eingeschmolzen und wiederverwertet werden. Das teilte Vattenfall-Geschäftsführer Ingo Neuhaus während der Erörterung der Rückbau-Pläne mit. Aus den Reihen der Atomkraft-Gegner kommt Kritik.

„Es handelt sich um schwach aktivierten Stahlschrott, der einen Wertstoff darstellen kann“, sagte Wolfgang Schappert, Strahlenschutzbeauftragter des Kraftwerkes. Insgesamt gehe man von etwa 800 Tonnen aus. Mit der Firma Energy Solutions mit Sitz im US-Bundesstaat Utah gebe es ein Unternehmen, das in der Lage sei, den Schrott einzuschmelzen und daraus Abschirmblöcke für Linearbeschleuniger herzustellen.

„Amerikaner haben selbst genug Atomschrott

Da diese bei der Verwendung später ohnehin hochgradig durch schnelle Neutronen aktiviert würden, spiele die Vorbelastung praktisch keine Rolle. Nicht zuletzt sei gesetzlich vorgeschrieben, dass die Wiederverwertung Vorrang vor der Entsorgung habe. „Andernfalls müsste neuer Stahl verwendet werden“, so Schappert. Auch würden andernorts aus leicht verstrahltem Metallschrott Fässer für die Endlagerung von leicht- und mittelradioaktivem Abfall hergestellt. Zu dem wiederverwertbaren Metallschrott könnten auch Teile des Reaktordruckbehälters gehören.

Für einige Einwender im Rahmen des derzeit laufenden Anhörungsverfahrens im Reinbeker Sachsenwaldforum ist die Wiederverwendung im Ausland nicht zu akzeptieren. „Ich kann das alles nicht nachvollziehen. Die Amerikaner haben doch selbst genug verstrahlten Metallschrott“, sagt Bettina Boll aus Geesthacht. Und auch über die Sinnhaftigkeit von Linearbeschleunigern könne man durchaus streiten.

Verbrennung reduziert Volumen

Doch der radioaktiv verstrahlte Metallschrott ist nicht der einzige Atommüll, der transportiert werden könnte. Denn um den Atommüll einlagern zu können, muss das Volumen minimiert werden. Und entsprechende Verfahren sind am Standort nicht immer möglich.

So prüft Vattenfall, leicht und mittelradioaktiven Abfall zur Verbrennung in die schwedische Anlage Studsvig bei Nyköbing zu bringen. „Eine entsprechende Anlage gibt es in Deutschland nicht“, sagt Schappert. Bei der Verbrennung werde das Volumen um den Faktor zehn reduziert. Nur die zurückbleibende Asche und die Filter müssten anschließend zurück nach Krümmel gebracht und in Fässern eingelagert werden.

Auf externe Anlagen angewiesen

Aber auch das eigentliche Verpacken und Verpressen der radioaktiven Abfälle in die vorgeschriebenen Fässer und Sammelgebinde, das Konditionieren, ist nicht immer in Krümmel selbst möglich. „Wir sind angewiesen auf externe Konditionierungsstätten“, gesteht Schappert ein. So könnte das Verpressen in Jülich stattfinden. Andere auf die Behandlung und Konditionierung von schwach- und mittelradioaktiven Abfall spezialisierte Anlagen gibt es in Karlsruhe, Braunschweig, Lubmin und Krefeld.

Konditionierung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle

Bei Rückbau des Kernkraftwerkes Krümmel werden voraussichtlich etwa 39 000 Tonnen verstrahlte Komponenten und Bauteile sowie 8000 Tonnen schwach- und mittelradioaktive Abfälle anfallen. Diese müssen behandelt und konditioniert werden. Nicht alles davon kann in Krümmel selbst gemacht werden.

Die Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad hat auf ihrer Homepage Atommüllreport verschiedene Einrichtungen zur Konditionierung in Deutschland aufgelistet.

Einen großen Konditionierungsstandort betreibt die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) in Duisburg. 2015 erklärte die GNS, den Standort in Duisburg schließen zu wollen.

Gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich (FZJ) betreibt die GNS eine Abfallbehandlungs- und Konditionierungsanlage auf dem Gelände des FZJ mit höherem Zwischenlagerinventar. Die Anlage wurde in den vergangenen Jahren mehrmals erweitert. Ein weiterer Ausbau im Zuge der Schließung des Standortes Essen ist im Gespräch.

Die Hauptabteilung Dekontaminationsbetriebe (HDB) in Karlsruhe umfasst inklusive der Lagereinrichtungen 17 Betriebsstätten am Standort. Auch Abfälle von Dritten, die die Annahmebedingungen der HDB erfüllen, werden konditioniert. Die HDB betreibt das größte Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle der Bundesrepublik.

Ursprünglich sollten die Einrichtungen in Greifswald nur dem Rückbau der Atomkraftwerke der ehemaligen DDR in Greifswald und Rheinsberg dienen. Inzwischen werden dort Abfälle aus ganz Deutschland konditioniert, gelagert oder freigegeben.

Eckert und Ziegler Nuclitec (EZN) konditioniert in Braunschweig radioaktive Abfälle aus dem eigenen Betrieb und für Dritte. Abfälle, die EZN nicht dekontaminieren und freigeben kann, werden in Braunschweig und im Außenlager der EZN in Leese zwischengelagert.

Siempelkamp verarbeitet in seiner Schmelzanlage schwachradioaktive metallische Abfälle aus dem ganzen Bundesgebiet. Die Abfallprodukte werden teilweise für den Bau von Transport- und Lagerbehältern für radioaktive Abfälle verwendet, werden zum Abfallanlieferer zurückgeschickt oder freigegeben.

Im Ausland sind weitere Firmen im Gespräch. Dazu gehört die Anlage Studsvig in der Nähe von Nyköbing/Schweden. Studsvik ist ein Anbieter von Nuklearanalyse-Software und spezialisierten Dienstleistungen für die internationale Nuklearindustrie. Vattenfall hält sich die Option offen, dort leicht- und schwachradioaktive Abfälle zu verbrennen. Damit soll das Volumen der Abfälle um den Faktor zehn reduziert werden. Die Reste werden dann wieder zurück nach Krümmel gebracht. Eine vergleichbare Anlage gibt es laut Vattenfall in Deutschland nicht.

An die US-amerikanische Firma Energy Solutions mit Sitz im Bundesstaat Utah könnte leicht verstrahlter Metallschrott geliefert werden. Dieser könnte dort eingeschmolzen und in Abschirmblöcken für Linearbeschleuniger wiederverwendet werden. Nach Krümmel müsste nichts zurückgebracht werden.

Nach Berechnungen von Vattenfall fallen beim Rückbau des Kernkraftwerkes Krümmel rund 39 000 Tonnen an nuklearen Komponenten und Bauteilen an, die leicht und mittelradioaktiv verstrahlt sind. Überschläglich müssten dafür zehn Jahre lang 440 Transporte stattfinden. Hinzu kämen für 8000 Tonnen schwach- und mittelradioaktive Abfälle zehn Jahre weitere 120 Transporte pro Jahr in Verarbeitungs- und Konditionierungsanlagen und die entsprechenden Rücktransporte.

Stahlschrott per Schiff in die USA

Nach Berechnungen von Einwendern wären das zusammen mit den Transporten ins spätere Endlager bis zu 6800 Transporte in zehn Jahren. Hinzu kämen noch entsprechende Atomtransporte aus dem Rückbau des benachbarten ehemaligen GKSS-Forschungsreaktors.

Vattenfall verweist darauf, dass es sich bei den Angaben in der Umweltverträglichkeitsuntersuchung um Maximalwerte handelt. Auch könnten Transporte möglicherweise zusammengefasst werden. So gehe man von 70 bis 135 Transporten für 5400 Tonnen nach Schweden sowie entsprechende Rücktransporte aus. Soweit es den Stahlschrott zur Weiterverwendung in den USA betreffe, schätze man den Aufwand auf zehn bis 15 Lastwagen-Transporte und einen Seetransport.

Bundesweit bis zu 500 000 Atomtransporte im Jahr

Ein Teil der Transporte wird sich laut Vattenfall auch auf die Anlage selbst beschränken. So habe man auch auf der Anlage selbst einige Möglichkeiten. Außerdem prüfe man, mobile Anlagen beispielsweise zur Hohlraumverpressung nach Krümmel zu holen. Da gebe es aber noch viele offene Frage. Was die Anzahl der erforderlichen Transporte angehe, werde man sich aber noch nicht festlegen, so Vattenfall-Geschäftsführer Neuhaus. Auch eine abschließende Zusage zu mobilen Konditionierungsanlagen werde man nicht machen.

Pro Jahr gibt es in Deutschland derzeit 400 000 bis 500 000 radioaktive Transporte. Für den Rückbau des Kernkraftwerkes Krümmel wären auf zehn Jahre verteilt durchschnittlich 680 pro Jahr erforderlich. Hinzu kämen anschließend die Lastwagen-Fahrten mit konventionellem Bauschutt aus dem späteren Abriss der Gebäude.

Holger Marohn

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