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Lauenburg Auf den Spuren des Zweiflers in Ratzeburg
Lokales Lauenburg Auf den Spuren des Zweiflers in Ratzeburg
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20:24 26.10.2013
Im Haus des heutigen Barlach-Museums lebte der Künstler. Im Gesicht der Skulptur „Der Zweifler“ glauben Gäste häufig Barlach zu erkennen.
Ratzeburg

In der Ratzeburger Vorstadt, auf dem Friedhof, liegt ein wunderschönes Familiengrab, über das ein „Singender Klosterschüler“ aus Klinkern wacht. Das ist kein Widerspruch, schon gar nicht für Ratzeburger. Das Familiengrab (6) ist nicht nur schön angelegt, es weist auch auf einen berühmten Bewohner der Stadt hin: Der Bildhauer, Zeichner und Literat Ernst Barlach (1879-1938) lebte nur sieben Jahre, bis zum 14. Lebensjahr, in der Inselstadt. Doch der wichtige deutsche Expressionist wählte als Ort für seine letzte Ruhe Ratzeburg aus. Die Stadt dankt es ihm nicht nur mit einem gut sortierten Barlach-Museum (2). Vielerorts auf und um die Dominsel kann der Besucher auf den Spuren des Künstlers wandeln, der an der Gesellschaft zweifelte, Not und Elend in seiner Kunst abbildete. Anlässlich seines 75. Todestages gehen die LN auf Spurensuche.

„Die meisten Besucher wollen in den Barlach-Film nur reinschauen. Doch dann gucken sie ihn gebannt bis zum Ende“, berichtet Christel Brause, Mitarbeiterin des Museums am Barlachplatz, am Fuße der Petrikirche. Es sei neben der Kunst das Leben Barlachs, das Gäste fessele: die bittere Bezeichnung seiner Kunst als „entartet“ durch die Nazis — und Privates. Das „Alte Vaterhaus“ nennt der Künstler in seiner Autobiographie (1928) das heutige Museum. Ein Haus mit überragendem Dach und toskanischen Säulen. Im Jahre 1878 kauft sein Vater, der Landarzt Dr. Georg Barlach, das schöne Haus, als die Familie aus Schönberg zureist. „Ist das da, wo das schöne Wasser war?“, soll der siebenjährige Knabe bei der Ankündigung des Umzuges gefragt haben.

Es zeigt, wie diese Landschaft dem jungen Barlach gefallen haben muss. Er schildert in seinen Aufzeichnungen auch die Eindrücke beim Streifen durch das Fuchsholz. Er berichtet vom Aufkeimen der Idee, Mensch und Natur künstlerisch darstellen zu wollen. Die frühe Zeichnung des Ansveruskreuzes in Einhaus (1888) deutet darauf hin.

Bevor die Barlachs in die Nachbarschaft der Petrikirche ziehen, wohnt die Familie in einem gedrungenen Haus in der heutigen Seestraße 6 (1), wo nun unweit der Polizeistation Bagger den Weg für die Südliche Sammelstraße ebnen.

Ernst Barlach, erfährt man in seinen Schriften, erkundete zuweilen die Stadt, wenn sein Vater ihn zu Patientenbesuchen mitnahm. Die Landschaft hinter dem früheren Gymnasium, dem heutigen Rathaus am See mit Blick auf den Dom hinterließ zum Beispiel einen bleibenden Eindruck beim Knaben. Der Platz an der Nordecke der Insel ist noch heute als Barlachblick (4) bekannt.

Doch die Familie wird 1884 davon erschüttert, dass der Vater an Lungenentzündung stirbt. Die Mutter nimmt die Kinder mit zurück ins mecklenburgische Schönberg, wo sie sich finanziell mit Zimmervermietung über Wasser halten möchte. Barlach kehrt immer wieder zurück. 1911 schreibt er nach einem Besuch mit seiner Mutter und Sohn Nikolaus in Ratzeburg: „Schöne Tage, es war viel Wind, und die Wälder rauschten denselben Ton wie vor dreißig Jahren.“

1937 nach einem Besuch am Grab des Vaters in der Vorstadt schreibt er: „Ratzeburg ist und bleibt schön.“ Am Ende seines Lebens in Güstrow, wo er seit 1910 wohnte, verfügte er, im Familiengrab in Ratzeburg neben seinem Vater bestattet zu werden.

Auch bei einem Besuch des Ratzeburger Doms kann ein Spurensucher sich davon überzeugen, wie die Familie Barlach sich mit Ratzeburg verbunden fühlte. Seit 1979 steht im Innenhof des Kreuzgangs Barlachs Bronzeplastik „Bettler auf Krücken“ (5). Sohn Nikolaus Barlach, gestorben im Jahre 2001, schenkte sie der Domgemeinde.

Ratzeburg erinnerte sich immer gern an den früheren Bürger. Die Straße am Kreishaus trägt seinen Namen. Auch der Barlachplatz, am Fuße der Petrikirche, zeugt davon.

Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt dieser Tradition treu bleibt. Bis Sommer 2013 hieß die Realschule am Seminarweg zu Ehren des Küstlers „Ernst-Barlach—Realschule“ (3). Sie wurde durch die Gemeinschaftsschule ersetzt. Die späte Barlach-Skulptur, „Der Sinnende“ (1934), ist heute im neuen Schulstandort an der Heinrich-Scheele-Straße 1 zu sehen.

Florian Grombein

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