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Lauenburg Bauern wollen offen, ehrlich und echt sein
Lokales Lauenburg Bauern wollen offen, ehrlich und echt sein
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15:29 21.05.2016
Carsten (25, v. l.), Hermann (56) und Christian Wilke (27) aus Labenz mit Hofhund „Emma“. Quelle: Fotos: Joachim Strunk
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Labenz

„Letzten Winter hatte ich ein Erlebnis im Supermarkt. Da behauptete eine Käuferin an der Fleischtheke, die Schweine und Rinder würden doch alle nur in dunklen Ställen vor sich hinvegetieren, bis sie geschlachtet würden. Ich habe ihr angeboten, sie sofort mit mir auf unseren Hof und auf die Schweinemastanlage unseres Nachbarn mitzunehmen, quasi unangemeldet, um ihr das Gegenteil zu beweisen. Aber diese Zeit hatte die Dame leider nicht“, erzählt Hermann Wilke, Landwirt aus Labenz.

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Carsten (25, v. l.), Hermann (56) und Christian Wilke (27) aus Labenz mit Hofhund „Emma“.

Dieses Erlebnis ist ein wichtiger Grund für ihn, sich am morgigen bundesweiten „Tag des offenen Hofes“ zu beteiligen: „Offen, ehrlich, echt“ lautet das Motto, unter dem der Bauernverband versucht, die oftmals unwissende Öffentlichkeit über die tatsächlichen Verhältnisse auf den landwirtschaftlichen Betrieben, vor allem aber auch über die Hintergründe der derzeit herrschenden Krise in der Landwirtschaft aufzuklären.

Die Probleme der Bauern sind mannigfaltig. Ganz aktuell betroffen sind Milchbauern, die unter den stark gefallenen Preisen wegen des Überangebotes leiden. Viele stehen trotz oder gerade wegen hoher Investitionen in mehr Weideland, höhere Melktechnik oder Vergrößerung des Viehbestands kurz vor dem Aus. Sie bekommen nicht einmal mehr 20 Cent je Liter, bräuchten aber mehr als 40 Cent, um ihre Kosten auszugleichen.

Immer wieder unter Beschuss geraten die Bauern auch wegen angeblicher Überdüngung oder Einsatz giftiger Pestizide und Unkrautvernichtungsmittel (Glyphosat). Eine Überdüngung schließt Wilkes Sohn Carsten quasi aus: „Bei der heutigen GPS-gesteuerten Technik auf den Traktoren und Maschinen wird aufs Kleinste genau die Menge des ausgebrachten Düngers berechnet. Dünger ist teuer. Eine Überdüngung ist Verschwendung, die wir uns gar nicht leisten können“.

Ähnlich sei es bei der Mastbullenzucht, die auf dem Hof Wilke mit 600 Tieren hauptsächlich betrieben wird: „Nur wenn es dem Tier, in unserem Fall dem Mastbullen, gut geht und es sich wohl fühlt, kann man auch eine ,Gegenleistung’ von ihm erwarten“, betont Hermann Wilke. Mit Gegenleistung meint er saftige Steaks, gesundes Fleisch. Das kann und muss er auch bis ins kleinste Detail belegen. Bei der Geburt werden die Kälber registriert und mit Ohrmarken versehen. Die Abgabe des Züchters an den Viehhändler wird genauso festgehalten wie der Kauf durch den Mäster und später beim „Abgang“ zum Schlachter. In den rund 21 Monaten der Mast wird jedes Tier, das über ein Halsband vom Computer an der Futter- und Wasserstelle erkannt wird, individuell gewogen und gleich mit dem notwendigen Futtergemisch versorgt.

Jede Kleinigkeit wird erfasst. Der Käufer im Supermarkt kann jedes Stück Fleisch bis zum Ursprungsbetrieb, wo das Tier geboren wurde, zurück verfolgen. Der bürokratische Aufwand dafür ist entsprechend riesig. Hermann Wilke zeigt in jedem Stall verschiedene Ordner mit einem Stapel abgehefteter Papiere. „Im letzten Jahr sind wir dreimal kontrolliert worden: von der Landwirtschaftskammer zum Pflanzenschutz; Blut- und Futterproben bei den Tieren wurden genommen, um festzustellen, ob und welche Antibiotika gegeben wurden; und das Landesamt für Ländliche Räume und Umwelt hat den ganzen Hof umgekrempelt, alle Aufzeichnungen geprüft, gecheckt, ob die Mitarbeiter die geforderten Qualifizierungen vorweisen konnten und und und“.

Morgen können sich interessierte Leute ein eigenes Bild von den Verhältnissen vor Ort machen. Und manchem könnte hinterher die Forderung von Bauernpräsident Werner Schwarz einleuchten, der dringend einen Abbau der Bürokratie fordert, damit die Bauern wieder mehr Zeit haben, um sich um ein – auch für sie – gesundes Wirtschaften zu kümmern.

Teilnehmende Höfe

Unter dem Motto „Offen, ehrlich, echt“ beteiligen sich morgen (10 bis 16 Uhr) fünf Bauernhöfe aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg an der bundesweiten Aktion „Tag des Offenen Hofes“.

In ganz Schleswig-Holstein öffnen 44 Betriebe ihre Tore und bieten Einblicke in die landwirtschaftliche Praxis ebenso wie einen unterhaltsamen und kurzweiligen Tag auf dem Land.

Die lauenburgischen Höfe, die sich an dem Aktionstag beteiligen, sind der Landhof Buhk (Besenhorst 34, Geesthacht), die Reitanlage Pfeiffer (Radelsweg 10, Escheburg), Lödings Bauernhof am Ratzeburger See (Auf dem Ortskampe 1, 23911 Buchholz), Hof Teut (Borgkamp 1, Bäk) sowie der Hof Wilke (Lüchower Weg 6, Labenz).

 Joachim Strunk

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