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Bliestorf ehrt sein SPD-Urgestein

Bliestorf Bliestorf ehrt sein SPD-Urgestein

Seit 70 Jahren ist Ex-Bürgermeister Karl-Heinz Hinz Sozialdemokrat, liebt seine Partei und hadert mit ihr.

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Manfred Matzke führt zur Zeit den Bliestorfer Ortsverein der Sozialdemokraten, der sein 70-jähriges Bestehen feierte.

Bliestorf. Sichtlich bewegt hat Karl-Heinz Hinz aus Bliestorf über seine Jugendzeit bei der damaligen Wehrmacht gesprochen. Und auch aus der Zeit, als er vor 70 Jahren Mitglied der SPD wurde. Die Zuhörer merkten schnell, dass beides eng miteinander verknüpft ist. Der heute 89-jährige Jubilar wurde am Wochenende für seine 70-jährige Mitgliedschaft in der SPD geehrt.

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Seit 70 Jahren ist Ex-Bürgermeister Karl-Heinz Hinz Sozialdemokrat, liebt seine Partei und hadert mit ihr.

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Karl-Heinz Hinz ist Gründungsmitglied des SPD-Ortsvereins Bliestorf, der ebenfalls vor 70 Jahren gegründet worden ist und heute von Manfred Matzke geführt wird. Für die Parteimitglieder natürlich ein Grund, gemeinsam mit Hinz zu feiern.

Vorsitzender Matzke, der amtierende Bürgermeister Georg Rudolf von der Bliestorfer Wählergemeinschaft, dessen Vorgänger Rolf Feddern oder Amtsvorsteher Karl Bartels (CDU) lobten Hinz‘ Engagement in der Gemeinde, deren Bürgermeister er von 1966 bis 1997 war. Heute ist er Ehrenbürgermeister von Bliestorf. Aber auch im Kreistag, dessen Abgeordneter er lange Jahre war, hat sich Hinz viele Verdienste und hohe Anerkennung erworben.

„Ich wusste gar nicht, dass ich so ein guter Mensch bin“, begann Hinz seine mit Spannung erwartete Rede, die nicht, wie geplant, 15 Minuten dauerte, sondern deutlich mehr als eine halbe Stunde. „Ihr wollt sicherlich wissen, warum Karl-Heinz Hinz in der SPD ist und was er da eigentlich zu suchen hat. Aber meine Kriegserlebnisse ließen mir keine andere Wahl. Ich wollte nie wieder Krieg, nie wieder Soldaten und auf keinen Fall eine Wehrpflicht“, so Hinz. Es sei ihm überhaupt nicht recht gewesen, dass er seinerzeit nicht selbst über sein Leben entscheiden durfte, sondern dass das von anderen Menschen bestimmt wurde. Er erinnere sich an ein Wahlplakat von Kurt Schumacher, auf dem ein Kriegsversehrter mit nur einem Bein abgebildet war. Diese Leute hätten damals keine Chance mehr gehabt, ein vernünftiges Leben zu führen.

Er selbst sei als Panzergrenadier zur „Division Groß Deutschland“ eingezogen worden. „Diese Erlebnisse im Alter von 17 Jahren haben mich geprägt“, so Hinz. Er spricht von seiner ersten Feindberührung, von seinen Verwundungen und davon, dass er in Notwehr geschossen und dabei auch Menschen getötet hat. Es ist ihm anzumerken, dass ihn diese Erinnerungen auch heute, mehr als 70 Jahre später, noch immer tief bewegen. „Ich wollte einem Verwundeten, den wir gefangen genommen hatten, etwas zu trinken geben. Mein Vorgesetzter hat mir die Trinkflasche aus der Hand geschlagen, weil man einem Gefangenen eben nichts gibt. Stellen sie sich mal vor, was ich damals als 17-Jähriger für eine Gratwanderung machen musste. Das hat mich geprägt. Deswegen schildere ich das so deutlich. Ich habe das nie vergessen, auch nicht die Blicke des Gefangenen.“

Kurt Schumacher, der erste Bundesvorsitzende der SPD, der das Wahlplakat mit dem Kriegsversehrten drucken ließ, wurde zum großen Vorbild für Karl-Heinz Hinz. Dass er einmal so viel Arbeit durch die Politik haben würde, hatte er damals überhaupt noch nicht abgesehen. Heute ist Hinz der „letzte Mohikaner“, wie er es bezeichnete, der noch aus den Jahren nach dem Krieg aus Bliestorf berichten kann und vor allen Dingen vom Aufbau des SPD-Ortsvereins, dessen Vorsitzender er 30 Jahre lang war. Allerdings durfte Hinz noch nicht gleich in der Gemeindevertretung aktiv werden. „Damals durfte man sich zwar mit 17 totschießen lassen, aber noch nicht einmal wählen. Das ging erst mit 18, und als Gemeindevertreter musste man schon 25 Jahre alt sein“, erinnert sich der 89-Jährige. Elfmal habe er sich in die Gemeindevertretung wählen lassen und habe dabei neunmal die meisten Stimmen erhalten.

Was in den vielen Jahren in Bliestorf erreicht worden sei, sei nur durch den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde zustande gekommen. Darauf könnten alle gemeinsam stolz sein, auch über die Parteigrenzen hinaus.

Am Ende kommt Hinz dann noch einmal auf den Krieg zurück. Allerdings nicht auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auf die Zeit, als der damalige Kanzler Gerhard Schröder Soldaten nach Afghanistan schickte. „Da hab ich gedacht: Sind die jetzt verrückt geworden? Oder müssen wir eine Welttruppe von Männern gründen, die dort freiwillig hingehen und sich freiwillig totschießen lassen? Es gibt sicherlich genug Freiwillige, die so etwas gegen Bezahlung machen würden.“ Und nach 70-jähriger Parteizugehörigkeit nahm sich Hinz das Recht heraus, auch noch kurz Kritik an der Bundespartei zu üben.

„Willy Brandt und auch Helmut Schmidt haben uns immer erklärt, was sie machen, worauf es ankommt und was das sein soll und worüber sie entscheiden. Heute entscheidet die Politik über unsere Köpfe hinweg und manchmal auch gar nicht, obwohl etwas zur Entscheidung ansteht. Wir wurden nicht bei der Euroeinführung gefragt, nicht bei der Eurokrisenhilfe, nicht bei den Flüchtlingsproblemen und auch nicht bei den Freihandelsabkommen. Was soll das Volk davon halten, wenn es völlig ausgeschlossen wird, dass wir etwas über solche Dinge überhaupt erfahren?“ Hinz habe große Angst, „dass wir alle Arbeiter zu einer kleinen Nummer machen. Wer denkt noch an Umweltprobleme? Wer denkt an die Plastiktüten im Meer? Die kann man doch mit einem Fingerzeig verbieten“. Und er denke auch an Hartz IV, wie die Leute da kontrolliert, ja sogar drangsaliert würden. Die müssten doch eigentlich an die Decke springen. Auch die Deckelung der Krankenkassenbeiträge für Arbeitgeber prangert Hinz an. Genauso wie die Strompreisumlage und weshalb Siegmar Gabriel so einen schlechten Ruf hat. Man könne doch den Strompreis, nur damit einige wenige viel Geld verdienen, nicht für den kleinen Mann teurer machen. So sei es kein Wunder, dass der Wähler der SPD, seiner Partei, einen Denkzettel verpasst habe und die Zahlen tief in den Keller gerutscht seien. „Ich hätte das schon früher gemacht, wenn ich nicht so ein treues Parteimitglied wäre.“

Für seine offenen Worte, für seinen Dank an seine politischen Gegner und auch an seine Parteifreunde erhielt Hinz am Ende „Standing Ovations“. Aus der Hand der Bundestagsabgeordneten Gabriele Hiller-Ohm bekam Hinz ein Buchpräsent und eine Ehrenurkunde. Eine goldene Ehrennadel heftete ihm die Bundestagsabgeordnete Nina Scheer ans Revers. Zu den Gratulanten zählte auch Eckard Kuhlwein, langjähriger politischer Weggefährte von Karl-Heinz Hinz.

Von Jens Burmester

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