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Lauenburg Bürgerwehr verhinderte die Sprengung der Kanalbrücke
Lokales Lauenburg Bürgerwehr verhinderte die Sprengung der Kanalbrücke
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20:10 29.04.2015
Mölln

Sie riskierten Kopf und Kragen — und das wenige Tage vor Kriegsende. Mutige Möllner Männer und Frauen ließen sich vor 70 Jahren nicht von drastischen Drohungen der NS-Machthaber abschrecken, sondern retteten ihren Heimatort vor Tod und Zerstörung. Zur selben Zeit versanken noch immer Teile des Deutschen Reiches in Schutt und Asche.

Am südlichen Ortsrand der lauenburgischen Kleinstadt spielte sich an der Kanalbrücke zwischen Mölln und Alt-Mölln eine besonders dramatische Szene ab. Einzelheiten des Geschehens sind nicht überliefert, aber es bedarf wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass dem einen oder anderen Akteur die Hände zitterten: Wer mitmachte, musste damit rechnen, auf der Stelle erschossen zu werden.

Soweit kam es jedoch nicht. Mitglieder einer bewaffneten Bürgerwehr überfielen das achtköpfige Wachkommando der Brücke, sperrten die Soldaten in einem benachbarten Haus ein und entfernten die Sprengladungen, mit denen die heranrückenden britischen Truppen aufgehalten werden sollten.

Heino Dörr hielt sich damals als Fünfjähriger nicht am Ort des Geschehens auf, aber er erinnert sich lebhaft an die Schilderungen seines Vaters, der eine treibende Kraft in der Bürgerwehr war. Der Unternehmer Dr. Richard-Eugen Dörr (1896-1975), Generaldirektor von fünf Werken zur Herstellung von Zellwolle, organisierte in Mölln gemeinsam mit dem Getreidekaufmann Rudolf M. Michelsen (1887-1962) den Widerstand gegen die NS-Strategie der verbrannten Erde und des Kampfes bis zur letzten Patrone. „Mein Vater war ein echter Macher“, sagt der 75-Jährige aus der Villenstraße in Mölln. Er ist stolz auf das vor 40 Jahren verstorbene Familienoberhaupt. Eine umfangreiche Materialsammlung, zusammengetragen von Heino Dörr, dokumentiert die Geschehnisse von vor 70 Jahren.

Mit der Entfernung der Sprengladungen an der Kanalbrücke war der Weg frei für die britischen Einheiten, die von Süden her anrückten. Schüsse fielen in Mölln nicht, weil es einen Kontakt gab zwischen den Briten und der Bürgerwehr. „Mölln ist durch den Einsatz dieser Männer und durch das Mitwirken militärischer Führer verschont geblieben, und das sollten wir uns von Zeit zu Zeit in Erinnerung rufen“, schrieb Martha Kreimeyer in einem Leserbrief, den die LN am 10. Juli 1969 veröffentlichten. Die Frau aus Mölln, eine enge Mitarbeiterin von Rudolf M. Michelsen, besaß damals, fast 25 Jahre nach Kriegsende, noch die weiße Flagge, „die am Morgen des 1. Mai 1945 auf dem Dach des Silos der Firma Michelsen & Sohn am Hafen hing“. Sie selber vermittelte an diesem Tag das Telefonat mit einem englischen Kommandeur in Breitenfelde.

Am Wasserturm und an anderen Stellen der Stadt waren ebenfalls große weiße Flaggen zu sehen. „Meine Mutter hat auch eine genäht“, erinnert sich Heino Dörr. Sein Vater und Michelsen riefen außerdem mit 9000 Flugblättern die Bevölkerung der ganzen Umgebung und die deutschen Soldaten dazu auf, jedes „weitere sinnlose Hinmorden“ und „weitere sinnlose Zerstörungen“ zu verhindern. Dr. Dörr und Dr.

Hugo Koch, der ebenfalls zur Bürgerwehr gehörte, gingen der britischen Vorhut mit weißer Flagge entgegen. Weil die Soldaten den Absichten der Deutschen offensichtlich misstrauten, mussten die beiden Unterhändler auf dem ersten Panzer gemeinsam mit den Briten in die Stadt einfahren. Eine entsprechende Darstellung der Ereignisse fand sich auch in einem „Möllner Brief“ des Heimatbund und Geschichtsvereins, 1949 herausgegeben.

Dennoch gab es in den 60er Jahren über das örtliche Kriegsende eine Kontroverse, die sich in den LN widerspiegelte. Einer der Beteiligten war der aus Mölln stammende ehemalige Generalmajor Heino Oetken (1894-1987). Er schrieb es sich 1964 zu seinem 70. Geburtstag selber zu, seine Vaterstadt aus den Kämpfen der letzten Kriegstage herausgehalten zu haben. Dr. Dörr „hat nur trocken geschluckt“, erzählt dessen Sohn von der Reaktion seines Vaters auf Oetkens Einlassungen. Als 1969 zum 75. Geburtstag des früheren Generals erneut entsprechend berichtet wurde, meldeten sich Dr. Dörr und andere protestierend zu Wort: „Da platze meinem Vater der Kragen“, berichtet Heino Dörr.

Unter der Überschrift „Mölln in den Tagen des Zusammenbruchs — Wie es wirklich war“ verfasste der Unternehmer eine Stellungnahme, in der er auch aus einem Bericht des Heimatbundes zitierte: „Wenn unsere Stadt aussieht, als wäre kein Krieg der Zerstörung und Vernichtung über die deutschen Lande dahingegangen, wenn in Mölln kein Ziegel vom Dach gefallen ist, sondern es in seiner alten Schöne weiter blüht, dann verdanken wir dies, nächst der Güte eines Schicksals, das diese Stadt hier im Norden unseres Vaterlandes bestehen ließ, dem Einsatz einiger mutiger und um ihre Heimat besorgter Männer, Bürger und Freunde unserer Stadt.“ Dörr und Michelsen sind nach diesem Bericht die Hauptakteure gewesen.

Dr. Dörr erinnerte außerdem an die 750-Jahr-Feier Möllns im Januar 1952, bei der Bürgermeister Hermann Franck das Kriegsende in der Eulenspiegelstadt ansprach. Damals habe der Verwaltungschef ihn selber, Dr. Dörr, und Rudolf M. Michelsen gewürdigt. Ihnen sei es zu danken, dass die Stadt nicht sinnlos zerstört worden sei — eine Tat, die unvergessen bleibe. Ex-Generalmajor Oetken meldete sich mit einem Leserbrief am 28. Juni 1969 in den LN noch einmal zu Wort. Er verteidigte seine vorausgegangenen Aussagen, bestätigte aber zugleich die Darstellung der Ereignisse am Kriegsende in Mölln, wie sie seine Kritiker vorgetragen hatten. Außerdem bemerkte Oetken, dass „die Verdienste dieser Herren“ (gemeint waren Dr. Dörr und Michelsen) „von mir voll und ganz anerkannt werden“.

Martin Stein

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