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Bundespolizei blickt zurück auf ein Jahr Flüchtlingsproblematik

Ratzeburg Bundespolizei blickt zurück auf ein Jahr Flüchtlingsproblematik

Der Einsatz an der deutsch-österreichischen Grenze hat viele der jungen Beamten an ihre Belastungsgrenze gebracht - und plötzlich waren auch Bundespolizisten aus Ratzeburg mitten drin. „Da haben wir im Grunde nur funktioniert“, sagt Philip Grupe. Der 35-Jährige ist Zugführer bei der Bundespolizei.

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Zu ihrer großen Erleichterung sind die Bundespolizisten heute nicht mehr mit mehreren 1000 Flüchtlingen täglich konfrontiert. Zum Einsatz an der deutsch-österreichischen Grenze werden die Kräfte jedoch immer noch angefordert – auch aus dem weit entfernten Ratzeburg.

Quelle: BuPo/hfr

Ratzeburg. Ein Jahr ist es jetzt her. Alle Welt blickte auf Bayern, wo plötzlich täglich 3000, 4000 Menschen Aufnahme in Deutschland begehrten. Plötzlich waren der Krieg in Syrien und seine Auswirkungen ganz nah. Und plötzlich waren auch Bundespolizisten aus Ratzeburg mitten drin, im Brennpunkt des Weltgeschehens, dort, wo Geschichte geschrieben wurde. 

LN-Bild

Der Einsatz an der deutsch-österreichischen Grenze hat viele der jungen Beamten an ihre Belastungsgrenze gebracht – „Da haben wir im Grunde nur funktioniert“.

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„Am 13. September um 17.30 Uhr kam die Alarmierung“, erzählt Philip Grupe. Der 35-Jährige ist Zugführer bei der Bundespolizei. Am Tag zuvor war er noch im Einsatz beim „Tag der Patrioten“ in Hamburg, „eigentlich hatten wir uns auf freie Tage eingestellt und gefreut.“ Daraus wurde nun erstmal nichts. 17.30 Uhr die Alarmierung, kurz vor Mitternacht war Aufbruch. Ziel: Rosenheim in Bayern.

Viel Zeit blieb da nicht. Klamotten packen, für mehrere Tage Abschied nehmen von Familie und Freunden. „Klar sind wir mit gemischten Gefühlen gestartet“, sagt Grupe, „wir wussten nicht im Geringsten, was auf uns zukommt.“ Nach einer ersten Besprechung wurde den Ratzeburgern der Einsatzraum Freilassing zugewiesen. Und dort, am Bahnhof der oberbayerischen Stadt im Landkreis Berchtesgadener Land, traf Philip Grupe und seinen Zug die Realität mit voller Wucht.

Die Realität: Das war das, was in den bundesweiten Medien ebenso wie im privaten Gespräch oder am Stammtisch als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird. Ein Ausdruck, der im Sprachgebrauch der Bundespolizei nicht benutzt wird, die Beamten sprechen von Problematik. Und problematisch war die Situation ganz eindeutig. „Der Bahnhof war voll, die Straßen waren voll, in der ersten Zeit noch überwiegend mit Familien, mit vielen Kindern. Nichts war strukturiert, nichts organisiert.“ Ziel der Bundespolizisten: Die Menschenmassen in geordnete Bahnen zu leiten, „und das ging einher mit der Wiedereinführung von Grenzkontrollen.“

Von Anfang an mitten drin waren auch Jano Siepel und Bernd-Robert Schulz. Beide arbeiten in Ratzeburg im Sachgebiet Lage- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie hatten den Kollegen in Bayern spontan ihre Hilfe angeboten – und schon waren auch sie etwa 900 Kilometern von Ratzeburg entfernt. „Plötzlich im Rampenlicht der bundesweiten Öffentlichkeit zu stehen – das ist schon beeindruckend.“ Während ringsum das Chaos tobte, mussten Siepel und Schulz vor laufender Kamera Statements abgeben – Mikrofon vor der Nase, im Rücken Menschenmassen, das sind Momente, die man nicht vergisst.

Die Bilder der ungezählten Menschen wirkten schon auf den Fernsehbildschirmen heftig. Für die teils sehr jungen Polizeibeamten vor Ort war die Situation nahezu überwältigend. „Zu dem Zeitpunkt haben wir im Grunde nur funktioniert“, erinnert sich Grupe. Für den Polizeihauptkommissar galt es, die sogenannte Chaosphase zu beherrschen und den Dienst bestmöglich zu versehen. Im Rückblick weiß Philip Grupe genau: Damals waren seine Leute und er selbst auch sehr hohen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt, so mancher sogar stieß an seine Belastungsgrenze. „Gerade für die Familienväter waren die Bilder schlimm, die vielen entwurzelten, verängstigten Kinder.“ Und dennoch wussten sie: „Wir haben hier einen Job zu machen – wenn nicht wir, wer dann?“

Bis zu 2500 Menschen täglich liefen allein in Freilassing auf. Dort hatte kurz zuvor ein Möbelhaus geschlossen, das konnte nun genutzt werden, um Migranten für ein, zwei Nächte als Notunterkunft zu dienen. Dort kam es auch zu zwei Begebenheiten, an die Grupe sich gern erinnert. Zum einen hatte irgendwann einer die Idee, ein kleines Fußballturnier für die Migranten zu organisieren – eine kurze Auszeit für Körper und Seele, übrigens auch für die Bundespolizisten. Und dann war da noch ein Beamter, der spontan aus ein paar Bauzaunelementen ein „Klassenzimmer“ baute, Zeigestock, Eddings und Din A3-Papier organisierte, im Nu etwa 40 Kinder um sich scharte – und den Knirpsen ihre ersten paar Worte Deutsch beibrachte. „Das entschärfte die Situation erheblich. Gerade in der ersten Zeit drohte die Stimmung immer wieder zu kippen“, berichtet Grupe. „Die weniger schönen Erinnerungen überwiegen.“

Am Dienstag ist wieder ein Bus Richtung Rosenheim gestartet, Grupe selbst rechnet damit, am 4. Oktober wieder nach Bayern zu müssen. Aber aus den bis zu 4000 Migranten täglich in den ersten Wochen sind heute zehn bis 70 geworden, die die Inspektion Rosenheim erreichen. Die Führung der Abteilung fährt noch immer alle drei Wochen zum Einsatz nach Bayern. Zeitweilig waren es bis zu zwölf Leute, „jetzt waren wir gerade unter Führung von Polizeirat Olaf Sacherer zu dritt dort“, erklärt Jano Siepel. Auch für die Hundertschaften ist es ruhiger geworden. „Anfangs sind wir immer dienstags los und den Mittwoch der Folgewoche zurückgekehrt. Neun Tage Dienst, vier Tage frei – eine immense Belastung für die Kollegen.“

Ziehen Grupe, Siepel und Schulz heute Bilanz, sind sie auf die Leistung der Ratzeburger Bundespolizei stolz. Was ihre Aufgaben angeht, ist die Flüchtlingsproblematik eingedämmt. „Was bleibt“, sagt Grupe, „ist das Bewusstsein, Teil der Zeitgeschichte gewesen zu sein.“

DREI FRAGEN AN . . .

1 Haben die Einsätze im Rahmen der Flüchtlingsproblematik sich auf Ihr Leben ausgewirkt?

Auf jeden Fall. Über einen so langen Zeitraum immer wieder so viele Tage am Stück von der Familie und den Freunden getrennt zu sein, macht sich massiv bemerkbar. Dem hält nicht jede Ehe oder Beziehung stand.

2 Das war ja zum Teil eine Arbeitssituation, wie sie sonst eher die Soldaten erleben.

Ja, das war zum Teil sehr heftig. Aber wir haben im Laufe des Jahres doch gelernt, das Ganze ein bisschen von uns zu schieben. Man kann nicht alles mit nach Hause nehmen.

3 Gibt es ein Erlebnis, von dem Sie sicher sind, dass Sie es nie vergessen werden? Einmal ist ein Doppelstockbus voll mit jungen Familien losgefahren. Nach etwa 20 Minuten kam ein junges Paar angerannt, ganz aufgelöst. Die ganze Habe der jungen Leute steckte in einem Rucksack, inklusive ihrer Papiere. Und ausgerechnet diesen Rucksack, das einzige, was sie besaßen, haben sie in der Möbelhalle auf dem Bett liegen lassen. Natürlich haben wir uns erbarmt und beim Suchen geholfen. Und wir haben den Rucksack auch tatsächlich gefunden. Als wir aber dachten, das Problem sei nun gelöst, kam es ganz dicke: Die waren einfach an einer Ampel aus dem Bus gesprungen und zurückgerannt – und hatten ihr etwa anderthalb Jahre altes Kind allein im Bus zurückgelassen. Zum Glück hatten wir die Telefonnummer von den Busfahrern, und wir konnten die überreden zurückzukommen.

Sie waren schon 100 Kilometer entfernt. Da konnten wir nur noch mit dem Kopf schütteln. Wie kann man denn sein eigenes Kind vergessen?

 Dorothea Baumm

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