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Lauenburg Chefsachen auf dem Marktplatz
Lokales Lauenburg Chefsachen auf dem Marktplatz
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20:23 21.06.2016
Eine „alte Bekannte“ für Bürgermeister Voß ist Waltraud Schaupke. Die 93-Jährige bummelt immer wieder gerne über die Ratzeburger Insel.

Das Banner (Neudeutsch: Beachflagg) mit der Aufschrift „Bürgermeister-Stammtisch“ ist weithin sichtbar in der Mitte des Ratzeburger Marktes. Daneben steht Bürgermeister Rainer Voß an einem Bistrotisch, ein dickes Notizbuch vor und einen Schirm gegen Regenwolken neben sich. Sieht irgendwie verloren aus, der Verwaltungschef, aber das täuscht. Lange ist er nicht allein. Eben vielleicht ein Viertel Mettwurst gekauft, kommt eine Marktbesucherin schnurstracks auf Rainer Voß zu. „Das mit dem Hundedreck in unserer Straße geht so nicht weiter“, unterbreitet eine resolute Dame ihr Anliegen ganz unverblümt. Voß hört aufmerksam zu, macht auf der nächsten freien Seite seines Stammtisch-Buches Notizen. Die Bürgerin, die vor den LN ihren Namen nicht preisgeben möchte, hat gleich noch ein Problem. Die Gaststätte in der Nähe ihres Hauses („Wir sind extra aus der lauten Großstadt in dieses ruhige Städtchen gezogen“) – übertrage ihre Livemusik immer wieder über Lautsprecher nach draußen. Der Bürgermeister solle sich mal darum kümmern, das sei schließlich Ruhestörung und sie wolle ja auch nicht immer gleich die Polizei rufen.

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Seit vier Jahren geht Ratzeburgs Bürgermeister zwischen Wurst-, Käse- und Blumenständen auf die Bürger zu.

„Wann kommt endlich wieder ein Baum auf diesen Platz?“

Waltraud Schaupke, Marktbesucherin

Der nächste „Kunde“ ist Peter Tatuszka. Er wirbt für die Aktivitäten der DGzRS (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger). Voß’ Stammtischbuch wird um eine Broschüre dicker. Wer jetzt kommt, meint es wirklich gut mit dem Bürgermeister: Bürgervorsteher Ottfried Feußner bringt ihm einen heißen Kaffee.

Etwas zu trinken ist durchaus angebracht, denn bei den Gesprächen mit den Bürgern kann schon mal der Hals etwas trocken werden. Erstaunlich, was so alles die Ratzeburger bewegt. Nicht nur die „Klassiker“ wie Lärm, Hundehaufen oder ungepflegte Fußwege. Es geht auch um rasende Radler, die gegen die Fahrtrichtung flitzen. Oder um den jetzt aktuellen Strauchschnitt am „Spucknapf“ (der kleine Küchensee auf Ratzeburgisch), der einfach so liegen bleibe; und das sei doch kein schöner Anblick. Ein Paar konfrontiert den Verwaltungschef mit der provokanten Feststellung: „Sie bauen ja in Ratzeburg überall die Behindertenparkplätze ab!“ Voß bleibt ganz ruhig, weiß, wie er der Attacke am besten begegnet: „Das sagen Sie jetzt bewusst überspitzt, um ihr Anliegen vorzutragen, aber so ist es nicht.“ Eine Viertelstunde später sind alle anfänglichen Spannungen verflogen, und man ist mittlerweile auf einen durchaus allgemeingültigen Nenner gekommen: Rücksicht nehmen sollte jeder – mit oder ohne Handicap.

Als eine kleine alte Dame forschen Schrittes an den Marktstand des Bürgermeisters herantritt, lächelt dieser sofort. Man kennt sich. Waltraud Schaubke nutzt immer wieder diese eineinhalb Stunden im Monat zu einem Klönschnack mit dem Ratzeburger Bürgermeister. Mit gespieltem Zorn in den wachen Augen hebt die 93-Jährige den Zeigefinger und schaut Voß streng an: „Ich vermisse hier einen Baum auf dem Markt! Wann kommt hier endlich wieder einer hin?“ Wie viele Debatten hat es um diese Frage bereits gegeben – scheint Voß jetzt auf der Stirn zu stehen. Aber auch bei dieser Ansprache bleibt er ruhig und gelassen, findet schnell einen Weg zu einem entspannten Gespräch. Und erfährt dabei, dass die einst aus Westpreußen Geflüchtete oft von St. Georgsberg zum Markt kommt, auf der Insel eine Runde am See dreht und sich gern im „Lavastein“ mit einem Bierchen und einem Korn belohnt. „Und mein Arzt sagt, das ist alles in Ordnung“, lacht die Frau und geht wieder ihrer Wege.

Als die Turmuhr der Stadtkirche St. Petri zwölf schlägt, hat Rainer Voß Feußners Kaffee ausgetrunken und ein paar weitere Seiten voll geschrieben. Später im Büro wird er die für die Verwaltung relevanten Dinge auswerten, „und einige Mitarbeiter bekommen von mir ein paar E-Mails mit der Bitte, sich der jeweiligen Sache anzunehmen“. Rainer Voß klappt das Buch zu, ein Mitarbeiter schnappt sich das Banner und den Bistrotisch. Bis in vier Wochen.

Idee entstand bei Brückenprojekt

Als die Stadt Ratzeburg vor rund vier Jahren ihr großes Brückenvorhaben im Zuge der Erneuerung der Südlichen Sammelstraße umsetzte, ging damit die Idee einer besseren Bürgerbeteiligung und Information einher. Das Bauprojekt sollte so transparent wie möglich sein. Daraus entwickelte sich auch der Ansatz für einen Bürgermeisterstammtisch auf dem Markt.

Einmal im Monat haben die Ratzeburger im Sommer Gelegenheit, ihrem Bürgermeister direkt ihre Anliegen in den Block zu diktieren.

Matthias Wiemer

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