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Der Brückenschlag der Wehren

Kittlitz Der Brückenschlag der Wehren

Kittlitzer und Kneeser Feuerwehren bauten vor 26 Jahren in einem Akt zivilen Ungehorsams eine Brücke zwischen damaliger DDR und BRD. Über einen Graben zwischen den beiden Orten wurde zunächst eine Leiter gelegt, dann eine stabile Holzbrücke errichtet.

„Ich kannte jeden Fleck als Grenzsoldat – und plötzlich durften wir rüber!“Rolf Carstensen, Feuerwehr Kittlitz

Kittlitz. Deutschland, einig Vaterland. Ja, was denn sonst? Wer so denkt, irrt gewaltig – und ist vermutlich noch jung an Jahren. Heute vor 27 Jahren gab es hier noch die Bundesrepublik Deutschland und im Osten die Deutsche Demokratische Republik. Was Deutschland, uneinig Vaterland, für die Menschen bedeutete, die direkt an der Landesgrenze lebten, klingt für die 30-Jährigen und Jüngeren heute in weiten Teilen wie eine Räuberpistole. Mal eben von Kittlitz nach Kneese: Fehlanzeige. Da waren nicht nur die Grenzschützer zu beiden Seiten davor – es gab vor allem überhaupt keine direkte Straße.

LN-Bild

Kittlitzer und Kneeser Feuerwehren bauten vor 26 Jahren in einem Akt zivilen Ungehorsams eine Brücke.

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Ein unbefestigter Schotterweg und ein Graben, der je nach Wetterlage mal mehr, mal weniger Wasser führt. So sah es bis 1990 dort aus, wo heute eine solide, schmucke Brücke den ehemaligen Grenzbach zwischen den Ortsteilen Rosenhagen (Gemeinde Kittlitz) und Dutzow (Gemeinde Kneese) überspannt. Quer durch Deutschland waren Menschen es gewöhnt, über die Landesgrenze zu blicken, Häuser und Menschen zu sehen, doch – heute unvorstellbar – nicht dorthin gehen zu dürfen.

Das alles änderte sich mit dem legendären TV-Auftritt des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski. Der stammelte am 9. November 1989, zum neuen DDR-Reisegesetz und ab wann die Reisefreiheit gelten solle befragt, vor laufender Kamera: „Das trifft nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich“. Kleiner Versprecher, große Wirkung: Bereits in der Nacht vom 11. auf den 12. November legten die DDR-Grenzer los. Geplant war ein Grenzübergang an der hinter Mustin in Richtung Gadebusch gesperrten B 208. Die Kittlitzer staunten – Feuerwehrmann Wolfgang Farken fuhr noch in dieser Nacht los, um sich „von dem Unglaublichen“ zu überzeugen.

Die Wehren von Kittlitz und Kneese traten sofort nach der Grenzöffnung in Kontakt – Treffen, die meist hochprozentig unterlegt waren, aber die Basis für das bis heute anhaltende enge und gute Miteinander schufen. Und so waren es die Brandschützer, die beschlossen, initiativ zu werden. Der Graben, der im Wortsinne die beiden Gemeinden trennte, sollte fortan kein Hindernis mehr darstellen.

Jetzt, so beschloss man, sollte auch hier zusammenwachsen, was, da war man sich einig, zusammengehört. Ein Brückenschlag musste her!

Nach dem Motto „wer viel fragt, kriegt viel Antwort“, und wissend, dass es sich bis zum Sankt Nimmerleinstag hinziehen könnte, würde man eine Straße von hier nach dort beantragen, waren sich die Kittlitzer Feuerwehrleute schnell einig: Wir bauen. Immerhin hatten sie Mahatma Gandhi hinter sich, der gesagt hatte: „Ziviler Ungehorsam wird zur heiligen Pflicht, wenn der Staat den Boden des Rechts verlassen hat“, und dass Rosenhagen und Dutzow nur wenige Meter trennte und dennoch kein Hinkommen war, durfte wohl als unrecht verstanden werden. Und so trafen sich am 12. Mai 1990 die beiden Wehren in aller Frühe am Graben.

Beide waren mit schwerem Gerät und mindestens 15 Kameraden angerückt,. „Eine schwankende Leiter über den Grenzbach war die erste Verbindung“, erinnert sich Wolfgang Farken. Bis zum Abend war mit Sachverstand und Muskelschmalz eine stabile Holzbrücke aus Telegrafenmasten und Baumstämmen gebaut. Landwirt Heinrich Eggert war der erste, der die Tragfähigkeit testete – mit seinem Trecker. Danach tuckerten die beiden Wehren mit Ello und Magirus hin und her – und dann gab es kein Halten mehr.

„Es war eine super aufregende Zeit, erst der Fall der Mauer, dann der Bau der Brücke“, erinnert sich Andreas Keller, der damals stellvertretender Kneeser Wehrführer war, „wir sind noch heute dankbar, dass wir das erleben durften.“

Brückenfest zum Tag der Deutschen Einheit: Montag, 3. Oktober, ab 10 Uhr am ehemaligen Grenzbach zwischen den Ortsteilen Rosenhagen (Gemeinde Kittlitz) und Dutzow (Gemeinde Kneese). Beginn mit einem Frühschoppen – mit Musik, Kulinarischem und dem Feuerwehrmusikzug aus Tramm.

 Dorothea Baumm

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