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Lauenburg „Der Körper stellt sich darauf ein“
Lokales Lauenburg „Der Körper stellt sich darauf ein“
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16:26 02.07.2017
An seinem 33. Tourentag erreichte Anderson sein Halbzeitziel: Palermo, Hauptstadt Siziliens.

„Der Schmerz war nur anfangs da, vor allem bei anstrengenden Fahrten im Gebirge. Aber nach und nach habe ich nichts mehr gemerkt. Der Körper stellt sich darauf ein.“

Krummesser Radler Harald Anderson ist gesund und abgespeckt von seiner Sizilien-Tour zurück gekehrt.

Immerhin hatte sich der Krummesser mehr als ein halbes Jahr durch intensives Lauf- und Radfahrtraining auf diese Fahrt vorbereitet. In der Endphase seiner Reise waren Tagesstrecken von bis zu 150 Kilometern fast gar kein Problem mehr, erzählt der pensionierte Polizist. Was er an Kraft und Beinmuskeln zugelegt hat, das hat er allerdings an Gewicht verloren: Beim Reisebeginn brachte er noch 74 Kilogramm auf die Waage, bei seiner Rückkehr waren es nur noch 70,4.

„Obwohl ich eigentlich ständig gegessen habe“, erzählt er. Statt drei Mahlzeiten, habe er fünf, sechs Mal am Tag gegessen. Was aber durchaus ein Problem war: „Ich musste mich morgens immer im Supermarkt eindecken mit Brötchen, Wurst und Obst. Mittags bekommt man in Italien bis auf einen Kaffee und etwas Gebäck kaum etwas.“ Die Südländer speisen lieber abends – und dann ausgiebig. Für Anderson war das aber oft ein weiteres Problem. „Auf den Campingplätzen war man noch nicht auf Touristen eingestellt. Die Saison beginnt jetzt erst.“

Ein geringeres Problem war die Versorgung mit Flüssigkeit. „Schon in jedem kleineren Ort gibt es Brunnen, wo man umsonst Trinkwasser abfüllen kann.“ Abends gab’s zur Belohnung mal ein Bier oder ein Glas Rotwein.

Erschrocken war der 63-Jährige von der Umweltverschmutzung in Italien: „Als normaler Reisender auf der Autobahn bekommt man das gar nicht so mit. Aber auf der Fahrt über Land und durch die kleinen Orte insbesondere an der Westküste war es schlimm. Die Leute werfen ihren Hausmüll einfach an die Straße oder in die Gegend. Und weil auch viele Lebensmittel dabei sind, hängt ständig ein Verwesungsgeruch in der Luft.“

Zweimal hatte er auch gefährliche Situationen zu überstehen, als ihn – auf Sizilien – verwilderte Hunde angriffen. „Die leben teilweise von dem Müll. Einen musste ich regelrecht wegtreten und dann sehen, dass ich Land gewann.“ Das war der Grund, dass er – nur ein einziges Mal – sogar in der Dunkelheit weiterfuhr. „In solcher Gesellschaft möchte man nicht frei zelten.“

Mit den Menschen dagegen hat Anderson fast ausnahmslos angenehme Erfahrungen gemacht. „Italienisch spreche ich zwar nicht, aber mit Händen und Füßen kann man sich schon verständlich machen“, erzählt er. Wenn er auf der Suche nach einer guten und günstigen Bar war – so nennen sich die meisten kleinen Restaurants dort –, „dann habe ich immer geschaut, wo viele ältere Männer saßen. Dort gab es anständiges Essen, es war günstig und man wurde nicht übers Ohr gehauen“.

So richtig günstig will er seinen „Giro d’Italia“ nicht bezeichnen. „Ich musste jeden Tag einkaufen, das läppert sich.“ Wohnwagentouristen könnten sich immerhin selbst versorgen. Orientiert hat sich der Krummesser ausschließlich über sein Smartphone und eine entsprechende App. „Google Maps findet immer einen Weg, manchmal ist der aber gruselig“, erzählt er von eine Piste mit metertiefen Schlaglöchern, wo er mit seinem Drahtesel – ein Tourenrad mit 27 Gängen und drei Zahnkränzen – nur schiebend voran kam. Insgesamt 69 Reisetage brauchte er für die 6535 Kilometer lange Strecke. Die Netto-Gesamtfahrzeit betrug 386,3 Stunden, die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei etwa 16 km/h – inklusive einiger freier Tage, wo er nicht fuhr, sondern „Urlaub“ machte. „Meine Maximalgeschwindigkeit habe ich bergab in den Alpen erzielt: 57,7 Stundenkilometer!“

 Joachim Strunk

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