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Der fast vergessene Atomreaktor

Geesthacht Der fast vergessene Atomreaktor

35 Jahre lagerte der Nuklearantrieb des Forschungsschiffes „Otto Hahn“ in einem Betonschacht auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums. Ursprünglich sollte der strahlende Schiffsschrott nur fünf bis sechs Jahre in Geesthacht bleiben. Nun soll er entsorgt werden.

Der von einem Atomreaktor angetriebene deutsche Frachter „Otto Hahn“ vor Kapstadt. Im Jahr 2003 hatte der Fernsehsender „Phoenix“ unter dem Titel „Das Atomschiff – Die ,Otto Hahn‘ und der Traum von der deutschen Atommacht“ über das Schiff und die deutschen Ambitionen berichtet. Jetzt ist dieses Kapitel deutscher Geschichte fast vergessen.

Quelle: PHOENIX/HFR

Geesthacht. Er sollte einst die zivile Schifffahrt revolutionieren: der Atomfrachter „Otto Hahn“. Übriggeblieben ist vom Forschungsprojekt der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS) in Geesthacht nur der Reaktordruckbehälter (RDB). Von der Öffentlichkeit fast vergessen lagert er in der hintersten Ecke des Helmholtz-Forschungszentrums als GKSS-Nachfolger in einem 15 Meter tiefen Sarg aus 60 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden – direkt neben zerbombten Bunkern der einstigen Dynamit-Fabrik. Doch nun soll das Relikt kernenergietechnischer Ingenieurskunst vergangener Generationen geborgen werden.

Im Hamburger Hafen aus der „Otto Hahn“ ausgebaut kam der Reaktordruckbehälter 1981 trotz großen Protests nach Geesthacht. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie das Monster auf dem Schwertransport am Geesthachter Rathaus vorbeigerollt ist“, sagt Atomgegnerin Bettina Boll über den Transport des 480 Tonnen schweren Aggregates. „Wir alle wollten das Ding hier nicht“, sagt Boll. Zum ersten Mal hätte sie da auch „diese vermummten Polizisten mit ihren Schilden gesehen“ gesehen, wie sie später auch in Brokdorf dabei gewesen seien. „Diese Bilder haben sich eingebrannt“, sagt Boll.

Bis zu drei Zugmaschinen mussten zum Transport vor den Tieflader mit Schiffsreaktor gespannt werden. (HZG)

Auf dem Gelände der GKSS hatten die Forscher einen Schacht mit 60 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden in den Boden graben lassen. Der damals stärkste in Deutschland verfügbare Kran stellte den 480-Tonnen-Koloss senkrecht auf und setzte ihn in den Betonsarg. Mit einem strahlenabschirmenden Stahlbetondeckel wurde der Schacht abgedichtet. Der Spiegel zitierte 1981 den damaligen GKSS-Geschäftsführer Erich Schröder, wonach der strahlende Schiffsschrott nur „fünf bis sechs Jahre“ in Geesthacht gelagert werden solle, damit Wissenschaftler die „einmalige Chance“ nutzen könnten, „Stahlqualitäten von einem Reaktor zu untersuchen“. Immerhin bauten die Forscher damals neben dem Betonschacht die Hakona, eine „Halle für Komponentennachuntersuchung“. Ein Plan, wie der Behälter dort jemals wieder herauskommen sollte, schien damals nicht zu existieren.

Das ist nun mehr als 35 Jahre her und der Reaktordruckbehälter liegt immer noch strahlend in seinem Interimsgrab. „Die Wiedervereinigung mit dem Rückbau des Kernkraftwerkes Lubmin ist dann dazwischengekommen“, sagt der heutige Leiter des benachbarten Forschungsreaktors des Helmholtz-Zentrums Geesthacht (HZG), Dr. Peter Schreiner. Den Forschern standen damit acht Reaktorblöcke für ihre Untersuchungen zur Verfügung – der ausgemusterte kleine Block der „Otto Hahn“ war da nicht mehr interessant.

Die schwarze Abdichtung des Schachtes ist vor der Halle zu sehen – der Schnee ist dort geschmolzen. (HM)

Doch nun soll die Chance genutzt werden, den strahlenden Atommüll (Atomgegner) oder das potentielle Forschungsobjekt (HZG) aus der Stahlbeton-Grube zu holen. Auch wenn laut Kieler Atomaufsicht die „Lagerung für wissenschaftliche Untersuchungen“ nicht zwingend daran gebunden sei, dass dann auch wirklich Forschungsarbeiten durchgeführt werden.

Doch der Behälter wird nicht ewig in dem Schacht bleiben können. Selbst das HZG geht davon aus, dass der Schacht nicht ausreichend gegen eindringendes Wasser gesichert ist. Es müsse „davon ausgegangen werden, dass am Betonschacht von außen Wasser ansteht und eventuell bereits Schäden am Beton vorhanden sind, ohne dass dies aufgrund der Wanddicke in der bisherigen Zeit zu sichtbaren Problemen geführt hat“, heißt es in einem Gutachten im Auftrag des HZG. Für eine längerfristige Zwischenlagerung sei dies kein „hinzunehmender Zustand“.

Die „Otto Hahn“

Die Forscher der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS) in Geesthacht haben Anfang der 1960er Jahre das frachtfahrende atomgetriebene Schiff „Otto Hahn“ entwickelt. Sie war nach dem sowjetischen Eisbrecher „Lenin“ und der US-amerikanischen „Savannah“ das dritte nuklearbetriebene zivile Schiff der Welt. 1964 lief die „Otto Hahn“ bei den Kieler Howaldtswerken vom Stapel.

Doch die Forscher-Freude währte nur wenige Jahre. Viele Länder sperrten ihre Häfen für ein Atomschiff oder verlangten Sicherheitsgarantien von der Bundesregierung. Auch gab es keine Genehmigungen zum Durchfahren des Suez-Kanals oder des Panama-Kanals. Das Experiment endete 1979. Nach 650000 Seemeilen wurde der Druckwasserreaktor ausgebaut und das Schiff verkauft. Unter verschiedenen Namen war es noch bis 2009 auf den Weltmeeren unterwegs.

Bereits 2010 hatte es Überlegungenen gegeben, den RDB herauszuholen und in ein Zwischenlager am ehemaligen Kraftwerk Lubmin zu bringen. Dafür hätte der Koloss nicht nur wegen seines Alters erst einmal saniert und transportfähig gemacht werden müssen, sondern auch mehr als 250 Kilometer transportiert werden müssen.

Nun soll, solange die Einrichtungen des benachbarten Forschungsreaktors noch bestehen, die Gunst der Stunde genutzt werden und im Zuge des Rückbaus des dortigen Forschungsreaktors auch der Reaktordruckbehälter der „Otto Hahn“ an Ort und Stelle auseinandergebaut werden. Seine schwach- und mittelradioaktiven Teile könnten dann in Schacht Konrad endgelagert werden.

 Holger Marohn

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