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Lauenburg Der gefahrvolle Weg zum Liebesglück
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22:34 29.03.2018
Wo tagsüber Jogger ihre Bahn ziehen, wandern nachts Erdkröten zum Laichen. Hier am Hegesee in Mölln schützen mobile Zäune Tausende Amphibien vor den Autos. Quelle: Wiemer
Geesthacht

Wer dieser Tage in Mölln am Hegesee und in Richtung Pinnautal entlangfährt oder dort einen Spaziergang macht, dessen Blick bleibt zwangsläufig an den grünen, etwa 30 Zentimeter hohen Schutzzäunen hängen. Nicht schön der Anblick in der lieblichen Landschaft, aber notwendig sind die endlos erscheinenden Begrenzungen, weil lebensrettend.

Jetzt wandern sie wieder, und die Froschversteher haben wieder schlaflose Nächte: Im größten Vorkommen von Kröten und Fröschen in Schleswig-Holstein, in Mölln und Grambek, suchen die Amphibien derzeit ihre Laichgewässer auf. Ein Geschäft auf Leben und Tod.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und die Stadt Mölln haben ein Herz für Frösche. Seit zehn Jahren existiert eine Kooperation zwischen Stadt und Nabu zum Amphibienschutz. Die Stadt trägt den Großteil der Kosten für die Schutzanlagen, der Nabu übernimmt die Betreuung. Die Möllner Werkstätten haben die Zäune vor etwa zehn Tagen aufgebaut.

Normalerweise ab Mitte März, je nach Witterung aber auch mal später wie in diesem Jahr, machen sich die Kröten auf den Weg. Sie verlassen ab einer Temperatur von etwa fünf bis sechs Grad ihren Winterschutz, Erdlöcher oder Spalten unter Steinen, und haben nur eines im Sinn: Fortpflanzung. Und da Liebe bekanntlich blind macht, denken sie auch selten oder nie an die Gefahren des Alltags. Und der kann für die ziemlich plötzlich massenhaft wandernden Amphibien sehr schnell tödlich sein. Das Auto fährt die sich eher behäbig bewegenden Tiere schlicht platt. Und deshalb haben die Helferinnen und Helfer vom Nabu in den Wochen bis vielleicht Mitte April etwas weniger Schlaf als andere Menschen.

„Einige Hundert fallen den Autoreifen trotzdem zum Opfer“, sagt der Möllner Nabu-Vorsitzende Heinz-Achim Borck. „Nach Ostern wächst der Laichdruck bei den Fröschen.“ Er organisiert seit vielen Jahren diese Möllner Krötenhilfe. Und fügt gleich hinzu, wie wichtig die nächtliche Arbeit der Nabu-Betreuer sei: „Allein in dem Bereich am Möllner Hegesee haben wir schon rund 1000 Tiere des Nachts gerettet.“ Dafür bleiben seine Frau und er sowie weitere Helferinnen und Helfer abends lange auf und gehen dann, mit Taschenlampen versorgt, zum Hegesee. Dort finden sie ziemlich entnervte und desorientierte Erdkröten, die dort überwiegend residieren.

Die Tiere wollen die Straße überqueren, können aber wegen der Schutzzäune nicht weiter und wandern entweder nach links oder rechts, immer am Zaun entlang. Bis es irgendwann „plumps“ macht. Dann sind sie in einen der in die Erde eingelassenen Eimer gefallen, aus dem sie nicht mehr aus eigener Kraft herauskönnen. Die unfreiwillige Krötenparty endet, wenn freundliche Nabu-Hände die Tiere aus der Eimerfalle heben und Richtung See tragen. Dort ist dann unbeschwertes Vermehren angesagt. Oft kommen die Helfer erst nach Mitternacht nach Hause, wenn die Hauptwanderzeit der Frösche vorbei ist. Nicht alle Tiere können auf diese Weise sicher in ihr Laichgebiet geleitet werden, aber ein großer Teil. „Ja, manchmal, spät abends, halten schon mal Autofahrer an, stellen komische Fragen. Manche halten uns für verrückt“, sagt Heinz-Achim Borck. Aber davon lasse sich niemand von den Nabu-Leuten beirren. Zumal es auch immer wieder anerkennende, positive Resonanz gebe.

Das Hauptlaichgebiet mit weiteren Frosch- und Krötenarten liegt etwa zehn Kilometer weiter südlich, in der Nähe des Golfplatzes Grambek und nahe der Deponie. Deshalb sind dort auch stationäre, fest in die Straßenböschung eingelassene Krötenschutzzäune verbaut worden. Im Ortskern von Grambek hat der Nabu gerade erst eine umfangreiche Infotafel zum Thema Krötenvorkommen erneuert. Interessierte werden über einen Kröten-Rundweg durch schöne Landschaft mit Wiesen, Waldrändern und Auen an den wichtigsten Lebensräumen der Amphibien entlanggeführt. Hier ist die artenreichste Amphibienregion im ganzen Land. „Wir haben da ein besonderes Auge drauf“, sagt der Möllner „Krötenvater“.

Umsiedlung von Molch & Co in Geesthacht geplant

Auch im Südkreis sind die Frösche und Kröten aus der Winterstarre erwacht. Entlang der Mercatorstraße und der Wilhelm-Holert-Straße hat in Geesthacht die Amphibienwanderung begonnen.

„Die Tiere haben uns quasi überrannt“, erklärt Ulrike Stüber vom Umweltamt der Stadt. Nachdem es Sonntag und Montag warm und regnerisch war, starteten die Kröten und Molche ihre Wanderung zu ihren Laichgewässern. Am Dienstag vergangener Woche wurden daraufhin sofort die Krötenzäune errichtet, um zu verhindern, dass die Amphibien über die Straßen laufen und überfahren werden. In diesem Jahr hat der späte Frost- und Schneeeinbruch im März die Krötenwanderung stark verzögert. „Zu einem früheren Zeitpunkt hätten wir die Zäune nicht aufstellen können, da war der Boden ja noch gefroren“, so Ulrike Stüber.

Obwohl es wieder kälter geworden war, fand sie am nächsten Morgen Dutzende Tiere in den Auffangeimern entlang des Zauns vor. In einem Eimer entdeckte sie 17 Amphibien auf einen Schlag. Ulrike Stüber sammelte Erdkröten, Grasfrösche, Teichmolche & Co. ein und brachte sie sicher über die Straße in ein Regenrückhaltebecken. Sollte es in den kommenden Nächten wieder etwas frostiger werden, könnten sich die Wanderungen zunächst erledigt haben.

Um das Regenrückhaltebecken am Kreisel soll ein Zaun installiert werden, der den Amphibien künftig die Rückkehr unmöglich machen soll. Hintergrund: Die Ackerflächen entlang der Gutenbergstraße sollen zum Gewerbegebiet werden. Deshalb müssen die dort lebenden Amphibien umgesiedelt werden.

Experten gehen davon aus, dass das Rückhaltebecken und sein Umfeld ein geeignetes Refugium darstellen. Offene Bodenflächen sollen dafür ebenso noch angelegt werden wie Steinhaufen. tja

 Matthias Wiemer

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