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Lauenburg Der heiß geliebte und dennoch kaum bekannte Narr
Lokales Lauenburg Der heiß geliebte und dennoch kaum bekannte Narr
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14:57 05.04.2017
Birgit Riecke (53) aus Werther probiert den Doppelgriff an Karlheinz Goedtkes Till Eulenspiegel auf dem Möllner Markt. „Eulenspiegel gehörte in der DDR zum Allgemeinwissen“, erinnert sie sich. Quelle: Fotos: Julia Weimer

Ob aufmüpfig beim Neujahrsempfang, unterhaltsam bei einer Führung von Feriengästen, voller Schabernak bei einer Taufe am Brunnen oder einfach nur farbenprächtig als ein städtisches Markenzeichen — Till Eulenspiegel ist in Mölln ständig präsent, sein Ruf als Narr und Possenreißer reicht bis in alle Welt. Mit dem Wissen über die Hauptfigur aus Hermann Botes berühmtem Buch aus dem 15. Jahrhundert ist es allerdings heute nicht mehr so weit her. Die LN haben die Probe aufs Exempel gemacht.

Über Eulenspiegel wissen nur wenige Passanten etwas, die in Mölln unterwegs sind. Dass er Schabernack getrieben hat, ist allgemein bekannt, Einzelheiten der Streiche aber nicht. Die ältere Generation ist tendenziell besser informiert. Dazu gehört Hagen Jönsson (70) aus Hamburg, der einmal das Buch des belgischen Schriftstellers Charles De Coster über Eulenspiegel gelesen hat: „Till stand für den Protest gegen die damalige Gesellschaftsordnung. Er nahm vieles wortwörtlich und zeigte damit die Gedankenlosigkeit der Menschen auf. Nicht nur die Oberschicht veralberte er so, sondern auch Menschen bürgerlicher Herkunft.“ Er glaube, dass es sich bei den Eulenspiegel-Geschichten um eine „Wandersage“ handele, die Nachahmer gefunden habe.

Den meisten Passanten fällt es schwer, sich an Details zu erinnern. So auch Günter Keren (70) aus Bad Oldesloe: „Da muss ich lange überlegen, weil ich vor langer Zeit alle Geschichten über ihn gelesen habe.“ Der Hamburger Jönsson erinnert sich, dass Till die Bürger scharf kritisiert habe: „Ich sag es mal auf Hochdeutsch: Er trieb Schabernack, um sie zu ermahnen oder zu verarschen.“ Über einzelne Scherze kann kaum ein Passant etwas sagen: „Er hat da mal so eine Schnur gespannt. Ich weiß gar nicht, ob das über dem Markt hier war. Da wo die Schuhe dran gebunden wurden“, versucht sich Malte Orban (29) aus Breitenfelde zu erinnern. Auch einer Schulklasse mit 16- bis 18-Jährigen aus Lübeck, die an einer Rallye durch Mölln teilnimmt, fällt wenig bis gar nichts über Till ein. Nur die Eule und der Spiegel werden aufgezählt, aber wofür sie stehen, wissen die Schüler nicht. Nur eine Schülerin kann eine Verbindung herstellen: „In einem Film ist der Spiegel ein Hilfsmittel, um Tills Großvater zu finden, und die Eule war das Haustier vom Großvater.“ Dabei bezieht sie sich auf den Trickfilm „Cooler Held & Große Abenteuer“.

Der Leiter des Möllner Till-Eulenspiegel-Museums, Michael Packheiser, geht davon aus, dass die Figur auch heute noch ihre Bedeutung hat. Gerne erklärt auch Möllns Nachtwächter Günter Scholz bei seinen Führungen den Besuchern die richtige Art und Weise, wie man die Till-Figur richtig anfassen sollte. Auch Birgit Riecke (53) aus Werther erhielt diesen Tipp: „Rechte Hand an den Daumen, linke an den Fuß, dann reiben. Sich was wünschen und hoffen, dass es in Erfüllung geht“.

Zwar weiß die ältere Generation mehr geschichtliche Daten über den Narren, aber dafür interessieren sich Jüngere stark für seine Streiche. Museumschef Packheiser: „Meine besten Kunden sind Grundschüler. Die lernen das ja in der Schule.“ Bleibt aber die Frage, ob Till Eulenspiegel nicht doch nur eine literarische Person war. Packheiser: „Wir können keine Hoffnung machen, dass es diese Figur in einer Person wirklich gab.“

Julia Weimer

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