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Der offene Brief von Christel Happach-Kasan an Günter Grass

Ratzeburg Der offene Brief von Christel Happach-Kasan an Günter Grass

Die FDP-Bundestagsabgeordnete fordert den Dichter zum Widderuf auf: „Herr Grass, entschuldigen Sie sich“.

Ratzeburg. Sehr geehrter Herr Grass,

in meinem Bücherschrank steht ein schmaler Gedichtband „steinmetzzeichen im laub“ - deutsche Lyrik der Gegenwart, erschienen1964. Der Band trägt die Spuren häufigen Gebrauchs, weil ich viele der Gedichte dieses Bandes liebe, darunter sechs Gedichte von Ihnen.

Unter anderem für diese Gedichte hat Ihnen das Nobelkomitee in Stockholm den Nobelpreis für Literatur verliehen. In der Begründung für die Verleihung heißt es, Sie würden „in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte“ zeichnen. Erst in diesen Tagen wurde mir bewusst, dass diese Aussage durchaus zweideutig ist. Ihr jetzt veröffentlichtes Gedicht „Was gesagt werden muss“ ist „munterschwarz“, aber es ist keine Fabel, denn es fehlt die Moral. Ohne die in Deutschland schon lange nicht mehr „vergessene“ Geschichte wäre der Staat Israel eine religiöse Verheißung des Judentums und nicht eine „munterschwarze“ Überlebensnotwendigkeit“ für all die Menschen, die die „vergessene deutsche Geschichte“ überlebt haben.

Sie haben unsere Geschichte als Begründung dafür genommen, sich gegen die deutsche Einheit auszusprechen. Bereits vor zwei Jahrzehnten hat mich Ihr mit Verve vorgetragener Einsatz gegen die deutsche Wiedervereinigung von der Vorstellung kuriert, Intellektuelle seinen generell die besseren Politiker. Es gibt Einzelne. Hans-Dietrich Genschers nach langem Ringen verwirklichte Vision der deutschen Einheit war menschlicher als Ihre Rabulistik.

Mit diesem Gedicht werden Sie zum Stichwortgeber rechter Außenseiter. Deshalb wende ich mich an Sie als langjährige Abgeordnete des Kreises Herzogtum Lauenburg. Es gibt bei uns engagierte Menschen, die sich um den hässlichen kleinen Rechtsextremismus in Ratzeburg kümmern. Diese Menschen machen in Aktionen deutlich und sichtbar, dass unsere Demokratie lebt, dass wir Freiheit mit Verantwortung gepaart wissen wollen, dass Rassismus bei uns keinen Platz hat.

Sie haben die Freiheit, zu sagen, was Sie denken, die politischen Kräfteverhältnisse im Nahen Osten objektiv falsch darzustellen und unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ etwas zu sagen, was nicht gesagt werden muss. Aber werden Sie damit Ihrer Verantwortung als denkendem Intellektuellen gerecht? Sie wissen, dass die Grundannahmen falsch sind, auf denen Sie Ihr politisches Pamphlet in Gedichtform aufgebaut haben. Sie missbrauchen Ihre als Schriftsteller erworbene Anerkennung und die damit verbundenen Möglichkeiten der öffentlichen Darstellung, um politisch zu wirken und Hass zu säen. Jeder Gemeinderat eines kleinen Dorfes geht mit seiner politischen Verantwortung sorgfältiger um als Sie.

Der Staat Israel ist der einzige UNO-Mitgliedsstaat, dem von seinen Nachbarn das Lebensrecht abgesprochen wird, dem in der Gründungsnacht der Krieg erklärt wurde. Der Iran - in Ihrem Text vermeintliches Ziel israelischer Aggression - finanziert seit langem die schiitische Hisbollah und rüstet sie mit Waffen iranischer, russischer oder chinesischer Herkunft aus. Diese Waffen werden gegen die israelische Zivilbevölkerung in den Dörfern an der libanesischen Grenze eingesetzt. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad leugnet den Holocaust. Seine Hasspredigten sind keine orientalische Rhetorik, sondern tödliche Realität. Sie machen sich zu seinem Verbündeten. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ein deutscher Schriftsteller Partei ergreift für ein Land, in dem öffentliche Hinrichtungen und Auspeitschungen zum staatlichen Umgang mit der Opposition gehören, in dem Menschenrechte missachtet werden.

Deutschland beliefert Israel nicht nur aus geschichtlicher Verantwortung mit Waffen. Wir tragen damit auch der Tatsache Rechnung, dass Israel die einzige gefestigte Demokratie im Nahen Osten ist und von Despoten und religiösen Fanatikern umringt ist. Ich empfinde die Siedlungspolitik Israels als kritikwürdig, nicht aber die Anstrengungen des Landes, sich zu verteidigen. Wenn es dazu U-Boote als Abschreckung braucht, dann sollten wir diese U-Boote auch liefern. Dass das Konzept der militärischen Abschreckung wirkt, haben wir in Deutschland erfahren dürfen und sind dankbar dafür.

Herr Grass, gesagte und geschriebene Worte sind nicht rückholbar. Entschuldigen Sie sich für Ihr politisches Pamphlet bei den Menschen in Deutschland und Israel, das Sie in dieser Schmähschrift angreifen. Sie könnten so einen kleinen Teil des Schadens wieder gut machen, den Sie verursacht haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Christel Happach-Kasan

LN

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