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Lauenburg Die Angst vor den „Giftblättern“
Lokales Lauenburg Die Angst vor den „Giftblättern“
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21:42 22.07.2016
Lilly (8. Klasse, v. l.), Sophie und Lea (10. Klasse) und Hauke (6. Klasse) haben selbst keine Probleme in der Schule, kennen aber einige Mitschüler, die schlecht sind oder sogar auf der Kippe stehen. Die meisten überspielten ihre Angst mit übertriebener Coolness, sagen sie. Quelle: Strunk
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Ratzeburg

 Auf der anderen Seite aber haben sich auch Schulen und Pädagogen bewegt.

Sie sind nicht mehr die bösen Entscheider, sondern sie beraten meist schon Monate vor dem letzten Schultag ihre „Wackelkandidaten“, suchen das Gespräch mit den Schülern und ihren Eltern, versuchen Wege aufzuzeigen. „Die Angst vor dem schlechten Zeugnis ist nach wie vor ein Problem bei Jugendlichen“, bestätigt dennoch Peter Linnenkohl, Schulsozialarbeiter mit je einer halben Stelle an der Ratzeburger Gemeinschaftsschule Lauenburgische Seen (GLS) und am Gymnasium Lauenburgischen Gelehrtenschule (LG). „Bei vielen herrscht ein starker Leistungsdruck, sei es aufgrund der Familienstruktur, hoher Erwartungen seitens der Eltern, aber auch aufgrund eigener Ansprüche“, erklärt Linnenkohl.

Rund 750 Schülerinnen und Schüler organisierten in diesem Jahr ein öffentliches Fest, bei dem sie selbst besonders viel Spaß hatten.

„Ich persönlich habe keine Angst vor dem Zeugnis, weil ich ganz gute Noten habe“, bekennt Lilly aus der 8. Klasse in der GLS. „Aber selbst bei schlechten Noten hätte ich keine Sorgen, weil ich weiß, dass ich mich nächstes Schuljahr wieder verbessern könnte.“ Viele der Leistungsschwachen hätten ihre eigene Strategie. „Da gibt es tatsächlich welche, denen ist es morsegal“, sagt Linnenkohl. Lilly (14), Lea und Sophie (beide 16) kennen viele, „die tun auch nur so cool“.

Victor* (15, *Name der Red. bekannt) und Fabian* (16) haben beide Fünfen auf dem Zeugnis, Victor bekennt, seine Leistungen seien „unterdurchschnittlich“, Fabian ist froh, dass es „gerade so für die Versetzung in den 10. Jahrgang gereicht“ habe. Während er den Stress, „je dichter es an den mittleren Schulabschluss herangeht“ härter findet, empfindet Victor den Druck nicht mehr so schlimm, weil „die Unterstützung der Lehrer und Eltern hoch“ sei. Existenzängste hätten die Schülerinnen und Schüler nicht gerade, sagt Agnes* (15), aber „Sorge, den gewünschten Schulabschluss nicht zu erreichen“. Hilfe bei einem Sorgentelefon, wo man anonym anrufen könnte, würde sich keiner der Befragten holen. „Bevorzugt wird eine persönliche Beratung vor Ort, da sie individueller ist“, erklären Agnes, Victor und Fabian einhellig.

Für die Lehrer und Schulleiter in Ratzeburg und im übrigen Nordkreis existiert die Zeugnis- oder Zensurenangst eigentlich gar nicht mehr. Henning Nitz, Leiter der GLS, fasst für seine Kollegen zusammen: „Die Noten im Zeugnis sind für die Schülerinnen und Schüler eigentlich nicht überraschend; sie erhalten im Verlaufe des ganzen Schuljahres Rückmeldungen zu den erbrachten Leistungen, und die Kollegen beraten auch im Laufe des Schuljahres dahingehend, wie das Leistungsbild zu verbessern sei. Die Eltern werden über die schriftlichen Leistungsnachweise ihrer Kinder auch immer auf dem aktuellen Stand gehalten. Diverse Elterngespräche und -sprechtage helfen dabei“.

Zu „Spitzenzeiten“ könne es vielleicht mal „zu einer Bündelung von schlechten Noten kommen, ohne Frage. Die Klassen- und Fachlehrer, aber auch die Schulleitung versuchen dann zu erklären, zu beraten und zu begleiten“, so Nitz.

Die angebotene „Nummer gegen Kummer“ vom Kinderschutzbund (siehe Beistück) wird in vielen Schulen am Schwarzen Brett ausgehängt. „Aber: Ein gesonderter ,Service’ im Sinne eines Briefkastens oder einer festen Sprechzeit nur für diese Einzelfälle gibt es bei uns nicht“, sagt Nitz.

Das trifft auch für die LG von Schulleiter Thomas Engelbrecht und für die Grund- und Gemeinschaftsschule Sandesneben von Andreas Korte zu. „In meiner Zeit an dieser Schule“, so Korte, „kann ich von keinen signifikanten Vorfällen berichten“, in dem Sinne, dass Schüler aus Angst „aushäusig“ waren, also sich nicht nach Hause trauten. Außerdem habe mittlerweile jede Schule ihren eigenen Schulsozialarbeiter, der oder die diesbezüglich viel auffingen, sagen Monika Schulze, Grundschulrektor Peter Hansen in Sterley und Thomas Engelbrecht von der LG. Stellvertretend für seine Kollegen bestätigt Peter Linnenkohl dies. Anders als die Pädagogen weiß er aber auch: „Am Zeugnistag selbst und an den Tagen danach gibt es sicherlich wieder einiges für uns zu tun“ – und sei es nur, zwischen Kinder und Eltern zu vermitteln.

Von Joachim Strunk

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