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Lauenburg Die Flucht vor Bomben und Roter Armee
Lokales Lauenburg Die Flucht vor Bomben und Roter Armee
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19:41 22.04.2015
Ratzeburg

In den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkriegs stiegen die Einwohnerzahlen des Kreises Herzogtum Lauenburg durch die Aufnahme von Evakuierten, Flüchtlingen und Vertriebenen dramatisch an. Diese Bevölkerungsbewegung hatte mit den verheerenden Bombenangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 begonnen, setzte sich mit den Flüchtlingsströmen aus den deutschen Ostprovinzen im Winter 1944/45 fort und dauerte durch die Vertreibung der Deutschen aus den von Polen und der Sowjetunion beanspruchten und besetzten Gebieten nach dem Ende des 2. Weltkriegs weiter an.

Der Vormarsch der Roten Armee löste gewaltige Flüchtlingstrecks der deutschen Bevölkerung aus. Ab Oktober 1944 flüchteten hunderttausende Deutsche zunächst aus Ostpreußen, dann aus Schlesien und Pommern bei Schnee und Kälte mit Pferdefuhrwerken, mit Handwagen oder zu Fuß in Richtung Westen.

In Mölln traf am 3. Februar 1945 ein erster Flüchtlingszug mit 600 Frauen und Kindern ein. Die Flüchtlinge wurden zunächst auf dem Saal der Gaststätte „Colosseum“ in der Mühlenstraße untergebracht, ehe sie auf Privatquartiere verteilt wurden. Weitere Transporte erreichten Mölln in den nächsten Tagen und Wochen. Das Ziel war es zunächst, die Flüchtlinge „in Einzelquartieren unter Zurückstellung aller Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung“ unterzubringen. Da privater Wohnraum aber nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stand, gingen die Behörden schon bald zur Einweisung der Flüchtlinge in Massenquartiere über.

Zentrale Leitstelle für Flüchtlinge in Ratzeburg

In Ratzeburg wurde Mitte März 1945 eine Treckleitstelle eingerichtet. Hans Roggenkamp, der mit neun weiteren Hilfskräften in der Leitstelle eingesetzt war, erinnerte sich später: „Täglich kamen 1000 bis 2000 Menschen aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Brandenburg und Mecklenburg in langen Trecks an und glaubten, am Ziel ihrer langen Reise zu sein und hier bleiben zu können. Aber unsere Stadt war schon in den ersten Tagen überfüllt. Trotz Erschöpfung und Entkräftung mussten die armen Menschen weitertransportiert werden, nur die Kranken ließ man zurück.“

In langen Reihen wurden die Wagen in den Hauptstraßen und auf dem Palmberg abgestellt, ehe sie am nächsten Tag weiterzogen. Bis Anfang Mai 1945 wurden 78713 Menschen mit 14054 Wagen und 27

878 Pferden in Ratzeburg durchgeschleust. Viele der Flüchtlinge haben die Strapazen der Flucht nicht überlebt. Die Flüchtlingsgräber auf dem Ratzeburger Friedhof an der Seedorfer Straße legen davon bis heute Zeugnis ab. 191 Flüchtlinge, darunter 25 Kinder sind dort beigesetzt worden.

Auch nach dem Ende der Kampfhandlungen kamen weitere Flüchtlinge im Kreis an. Vier große Lager wurden eingerichtet. In Zeltlagern für jeweils 500 Personen in Krummesse, Schmilau, Gudow und Lütau wurden die Ankommenden registriert, untersucht und entlaust.

Das Flüchtlingsdurchgangslager in Wentorf bei Hamburg mit seinen 9000 Bettstellen war die größte Gemeinschaftsunterkunft im Gebiet der westlichen Besatzungszonen.

Nach statistischen Erhebungen vom 1. März 1946 betrug die durchschnittlich zur Verfügung stehende Wohnfläche im Kreis Herzogtum Lauenburg 5,3 Quadratmeter. Bei Abzug des Wohnraums, der im Winter wegen seines schlechten baulichen Zustandes oder fehlender Feuerung nicht belegt werden konnte, allerdings nur etwa vier Quadratmeter. Eigens eingerichtete Kommissionen hatten die Aufgabe, den für die Unterbringung von Flüchtlingen vorhandenen Wohnraum zu überprüfen und zu erfassen. Die Einheimischen mussten den Eingewiesenen die Mitbenutzung von Küche, Keller und Nebenräumen gestatten.

Trotzdem bedeuteten die katastrophalen Wohnverhältnissen für die Flüchtlinge oft genug eine Unterbringung in Massenquartieren, Scheunen, Gartenhäusern, Kellern, Vereinslokalen, ja manchmal sogar in Erdhöhlen. Die Situation im Herzogtum Lauenburg war so angespannt, dass der Kreis ab März 1947 für weitere uneingeschränkte Zuwanderung gesperrt wurde.

Nicht nur Wohnraum war knapp, auch die Lebensmittelrationen wurden immer weiter gekürzt. Durch die Einrichtung von Gemeinschaftsküchen versuchte man, den Flüchtlingen wenigstens eine warme Mahlzeit zukommen zu lassen. Kleingärten wurden zur Selbstversorgung angelegt. Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 1946 waren im Kreisgebiet 73 Prozent der Männer und 56 Prozent der Frauen untergewichtig.

Mangel herrschte auch an Bekleidung. Viele Flüchtlingskinder konnten in den Wintermonaten die Schule nicht besuchen, da sie keine geeigneten Schuhe besaßen. Es wundert nicht, dass das Verhältnis zwischen Einheimischen und Flüchtlingen nicht frei von Spannungen war. Diese ergaben sich in den Massenquartieren zwangsläufig durch das gedrängte Zusammenleben unter primitivsten Verhältnissen.

Konflikte ergaben sich in den Privatquartieren zwischen Quartiergebern und Einquartierten durch die enge Belegung, sowie die gemeinsame Benutzung von Küche und Mobiliar. Die britische Militärregierung sah sich daher wiederholt gezwungen, sich an die deutsche Bevölkerung zu wenden.

Britischer Appell: Es muss geholfen werden

Der britische Kreisgouverneur in Ratzeburg, Oberstleutnant Clarke, sah sich kurz vor Weihnachten 1945 gezwungen, einen dringenden Appell an die einheimische Bevölkerung zu richten: „Durch den Ratschluss Gottes sind in diesem Distrikt fast alle Personen Flüchtlinge. Wären die Russen schneller vorgegangen, so würde auch die ansässige Bevölkerung heute Flüchtlinge sein. Sie soll sich genau überlegen und die Flüchtlinge so behandeln, wie sie es erwarten würde, wenn sie in derselben Lage wäre. Es muss geholfen werden, wo es irgend möglich ist. Die Alliierten helfen, aber die Deutschen müssen selbst hart mitarbeiten.“

1950 lag der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung des Kreises bei 54 Prozent Flüchtlingsanteil (in Schleswig-Holstein 43 Prozent, in der übrigen Bundesrepublik 16 Prozent).

Rückblickend ist festzustellen, dass die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen eine Erfolgsgeschichte war. Die Aufnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen hat den Kreis Herzogtum Lauenburg stärker verändert als irgendein Ereignis der Geschichte zuvor.

Christian Lopau

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