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13:10 24.12.2014
Kifleyesus Ghebrezghi (30) hat nur einen Wunsch: Er möchte in Deutschland bleiben. Der Eriträer hat nach seiner Flucht alles getan, um sich hier zu integrieren. Bei seiner Gastfamiie in Siebenbäumen fühlt er sich zu Hause. Doch er soll nach Italien abgeschoben werden. Quelle: Alessandra Röder
Siebenbäumen

Kifleyesus Ghebrezghi hat alles getan, um sich in Deutschland zu integrieren. Er fing an, die Sprache zu lernen, und suchte sich selbstständig einen Job. Außerdem fand er hier Menschen, denen er vertraut. Nach seiner traumatischen Flucht aus Eritrea hat er in Siebenbäumen endlich ein neues Zuhause gefunden.

Und jetzt soll er es wieder verlassen. Der Eriträer soll nach Italien abgeschoben werden. Dort sieht er keine Zukunft für sich. Er möchte in Siebenbäumen bleiben. Für jemanden, der hier aufgewachsen ist, klingt es fast seltsam, wie überschwänglich der junge Mann von Deutschland spricht. „Die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen hier hat mich tief beeindruckt. Alle auf der Straße lächeln und sind glücklich“, sagt Ghebrezghi. Er will nicht weg. Er hat zu viel auf sich genommen, um hierher zu kommen.

Vor etwa eineinhalb Jahren entschied sich Kifleyesus Ghebrezghi, aus Eritrea zu fliehen. „ Dort gibt es keine Demokratie“, sagt er. „In Eritrea behaupten sie einfach, du führst etwas gegen die Regierung im Schilde“, erklärt er. Er sei eigentlich kein politischer Mann und trotzdem musste er ins Gefängnis. „Das ist der Grund, warum die Leute fliehen.“ Er wollte an einen besseren Ort. Noch in Afrika stand für ihn fest: Das würde Deutschland sein. Im Fernsehen habe er diese andere Welt gesehen und auch ein Buch darüber gelesen.

Um her zu kommen, riskierte er wie so viele andere sein Leben. Über Äthiopien, ein Land gegen das Eritrea lange Krieg führte, floh er durch den Sudan nach Libyen. Er reiste drei Wochen durch die libysche Wüste. Ohne Essen oder Trinken. Tagelang nur Sand vor Augen. In Libyen hatte er das erste Mal Todesangst. „Die haben mir eine Waffe an den Kopf gehalten.“

Er reißt die Hand in die Höhe und hält sich zwei Finger an die Schläfe. Seine großen dunklen Augen blicken durchdringend.

Ghebrezghi ist klein und schmächtig, aber er war zäh genug, seine Flucht zu überstehen. Nach dem wochenlangen Fußmarsch erreichte er sein Boot an der Küste Libyens. Der Flüchtling merkte sofort, dass der Bootsführer keine Ahnung hat, wie man es steuert. Er stieg trotzdem ein. Die Fahrt kam ihm endlos vor. Mit ihm im Boot saßen Kinder und Frauen. Man sei einfach auf gut Glück über das Wasser gefahren. „Du weißt es nicht. Vielleicht stirbst du, vielleicht auch nicht.“ Er gehört zu denen, die es geschafft haben, Italien zu erreichen. Viele schaffen es nicht.

Die Flüchtlingsunterkunft in Lampedusa beschreibt er als „ein großes Loch voll mit Menschen.“ Er erzählt das alles mit fester Stimme auf Englisch. Doch seine großen braunen Augen verraten den Schmerz. In Italien wollte er nicht bleiben. Nach einem Jahr und drei Monaten schaffte er es, Geld für eine Busfahrkarte zusammenzubekommen und fuhr nach Deutschland. Dort wurde er in den Flüchtlingslagern gut behandelt, erzählt er. „Die haben bei mir einen medizinischen Check durchgeführt“, sagt er. Den ersten seit seiner Flucht. „Wenn es dir an etwas fehlt, helfen sie dir.“ Schließlich landete er bei einer Gastfamilie in Lindau. Dort angekommen habe er sich erst seltsam gefühlt. Er habe die Räume in seinem neuen Zuhause betrachtet. Dabei begriff er: „Ich bin frei.“

Heute lebt Ghebrezghi bei einer Familie in Siebenbäumen. „Sie sind wie meine Ersatzeltern“, sagt er über sie. Auch einen Job hat er gefunden. Er arbeitet als Gärtner auf dem Friedhof in Sandesneben.

Er darf nur ein Euro-Jobs machen, aber er wollte arbeiten. In Eritrea war er Berufsschullehrer für Automechanik. Hier hat er einen einen Deutschkurs in Mölln gemacht. „Ich danke Gott und dem Sozialamt“, sagt der junge Flüchtling. Er erzählt begeistert, dass die Verantwortlichen vom Sandesnebener Amt jede Woche eine Konferenz abhalten, um über die Zukunft der Flüchtlinge zu sprechen.

Vielleicht hat Ghebrezghi einfach Glück gehabt, in der dörflichen Idylle Menschen gefunden zu haben, die ihm helfen. Familien, die ihn bei sich aufnehmen und eine Patin, die ihn zusätzlich unterstützt. Sie alle wollen nicht namentlich erwähnt werden. Der Mann aus Eritrea sagt, er fühle sich in Deutschland willkommen. „Ich bin ihnen so dankbar.“

Er will nichts Schlechtes über sein Traumland sagen. „Es ist noch besser als ich gedacht habe.“ Er sei überrascht von der Höflichkeit der Leute und vom Wetter. Aber selbst das findet er gut. „Ich mag Kälte.“

Er möchte hier lernen. Erst die Sprache und dann auch alles andere. Er würde gerne zur Schule gehen und dann eine Ausbildung machen, so dass er auch hier als Automechaniker arbeiten kann. Wenn er von seinem Zukunftsplänen spricht, wird er traurig. Ghebrezghi weiß, dass die Chance für diese Wünsche schlecht stehen. Wenn er sich etwas zu Weihnachten wünsche könnte, dann wäre das, hier zu bleiben.

Pläne für das Fest hat der Christ nicht. „Vielleicht gehe ich in die Kirche.“

Mit bitterer Stimme erzählt er, wie er sich in Italien registrieren musste. „Das wollte ich gar nicht. Ich wollte doch nach Deutschland“, sagt er. Aber die Regel ist, dass Flüchtlinge in der Europäischen Union dort bleiben müssen, wo sie angekommen sind. In Ghebrezghis Fall also Italien. Der Abschiebungsbescheid kam per Post. Ghebrezghis will nun rechtlich dagegen angehen. Wie seine Chancen stehen, weiß er nicht. Noch weniger weiß er, was er in Italien tun soll. Falls sein Widerspruch abgelehnt wird, muss er sofort gehen.

Der Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea
Zwischen Eritrea und Äthiopien herrschte von 1998 bis 2000 Krieg. Auslöser des Konflikts waren Grenzstreitigkeiten. Die Grenzverträge wurden Anfang des 20. Jahrhunderts ausgehandelt, als Eritrea noch eine italienische Kolonie war, während Äthiopien seine Unabhängigkeit verteidigen konnte. Der Konflikt endete zwar offiziell mit dem Abkommen von Algier, doch die Beziehung zwischen den beiden Ländern ist nach wie vor angespannt.



Von Menschenrechtsverletzungen wie willkürliche Tötungen und Verhaftungen, Folter, sowie fehlender Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit in Eritrea spricht die Sonderberichterstatterin für die Vereinten Nationen, Sheila Keetharuth.

Alessandra Röder

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