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Lauenburg Die Luftangriffe auf Geesthacht und Büchen
Lokales Lauenburg Die Luftangriffe auf Geesthacht und Büchen
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18:10 11.04.2015
Der Bahnhof von Büchen nach dem Bombenangriff: Auch nach ersten Aufräumarbeiten ist die Zerstörung unübersehbar. Quelle: Amtsarchiv Büchen
Geesthacht

Bevor die Briten auf Lauenburg marschierten, fielen die ersten Bomben auf schleswig-holsteinischen Boden. Die US-Air Force griff gegen 13 Uhr die Geesthachter Rüstungsfabriken an. 1800 Bomben fielen auf das Werk Düneberg. Auf Krümmel fielen 1000 Bomben. Der Angriff auf beide Fabriken dauerte nur zehn Minuten, hatte jedoch verheerende Auswirkungen. 150 Menschen kamen bei den Angriffen der Bomberpiloten ums Leben.

Der Geesthachter Polizist Bruhn berichtet in seinen Aufzeichnungen von 82 Toten in der Fabrik Krümmel, 26 Toten im Ortsteil Krümmel und insgesamt 67 Verletzten und 67 Toten im Werk Düneberg und sieben Toten in der Stadt. Die Toten wurden am 15. April nach einer Trauerfeier im Lager Spakenberg auf dem Friedhof beigesetzt. Darunter waren Deutsche, Arbeiter aus dem Osten und andere Ausländer.

Als Trauerredner trat unter anderem der Kreisleiter der NSDAP auf. Durchhalteparolen tönten über die Gräber.

Die ganze Wiese war voller Munitionskisten mit Toten

Warum die Geesthachter Rüstungsfabriken erst kurz vor Kriegsende angegriffen wurden, haben die Historiker bis heute nicht zweifelsfrei klären können. Zumal die West-Alliierten selbst die Fabriken als kriegswichtig einstuften und durch Luftaufnahmen von deren Umfang wussten. Vermutlich war schwedisches Kapital in der Firma Nobel vorhanden. Die Alliierten wollten möglicherweise die neutralen Schweden nicht durch einen Luftangriff verärgern.

Ein Augenzeuge saß beim Bombenangriff im Keller. Als er herausschaute, heißt es in seinem Bericht, „haben wir die ersten Toten von Krümmel gesehen.“ Sie seien in kleine Munitionskisten gelegt worden. Die Kisten wurden auf den Schützenplatz gestellt. Die ganze Wiese sei voller Kisten gewesen. „Und dann kamen tagelang die Angehörigen. Das war schrecklich.“

Kurz vor zehn Uhr am 26. April kam das, was die Büchener seit langem befürchtet hatten: ein schwerer Bombenangriff auf den Bahnhof, wie zwei Tage zuvor in Bad Oldesloe. Diesmal auf den Knotenpunkt an der Bahnstrecke Hamburg-Berlin. Von einem größeren Verband wurden in mehreren Anflügen etwa 300 Bomben auf den Bahnhof und seine Umgebung abgeworfen. Das ist in dem Heft „Verlorener Krieg — Gewonnener Frieden“ im Amtsarchiv Büchen nachzulesen.

„Wir waren an diesem

Tag wie gelähmt“

Es war nicht der erste Luftangriff auf Büchen — aber der folgenschwerste. Augenzeugen mutmaßen, dass die Gemeinde für den Flakbeschuss auf die Alliierten büßen sollte. In Büchen hatten zuvor immer noch deutsche Soldaten einer Batterie aus 8/18 Kanonen und aus Vierlingsgeschützen gegen die Tiefflieger gefeuert. Doch die Historiker gehen davon aus, dass die Alliierten die letzten Bahnhöfe zerstören wollten, über die Nachschub und Truppen an die Front gebracht werden sollten. „Der Bahnhof war voller Truppen“, bestätigt auch Heinrich Lopau, Jahrgang 1931. Er war 14 Jahre alt, als die Bomben auf sein Heimatdorf Büchen fielen. Zusammen mit seiner Schwester Luise Hondt wuchs er als Sohn des Bäckermeisters Hondt in der Gemeinde auf. Er weiß zu berichten, dass eine Bombe bereits einen Tag vor dem großen Angriff auf Büchen die väterliche Bäckerei traf. Einen Tag später kam Lopau dann nur knapp unbeschadet davon. Sein Vater hatte ihn zum Friseur geschickt. Kurz nachdem er dort fertig war, wurde der Salon beim Bombenangriff zerstört. „Wir waren an diesem Tag wie gelähmt“, erinnert sich auch Luise Hondt, die damals 13 Jahre alt war. Das Fatale: „Die Sirenen warnten uns nicht vor dem Angriff“, berichtet sie. Die Geschwister vermuten, dass die Alarmsirene schon beim Angriff am 25. April beschädigt worden war. Zwischen den einzelnen Bombenserien gellten schauerlich die Hilfeschreie der Verletzten, berichteten andere Zeitzeugen. Als dann das Krachen, Klirren und Dröhnen verstummte und die noch benommenen Einwohner sich aus Kellern und Erdlöchern hervorwagten, blickten sie auf ein Bild maßloser Zerstörung.

Überall in Büchen brannten Häuser und lagen Leichen

„Ich hatte solche Angst. Wir schliefen im Keller auf Stroh und Matratzen. Ich ging wochenlang nicht mehr in die Schule“, sagt Luise Hondt. Die Häuserreihen an der Lauenburger Straße und an der Bahnhofsstraße lagen in Trümmern, dazwischen loderten Flammen. Bei dem Angriff wurden auch das Haus mit einem Fahrradhandel und eine Schlosserei an der Lauenburger Straße/Ecke Bürgerstraße schwer beschädigt. Die Meierei wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Das klassizistische Empfangsgebäude der Bahnhofsanlage, das mit der Eröffnung der Strecke 1846 in Betrieb genommen worden war, wurde bei diesem Angriff vollkommen zerstört. Vernichtet wurden außerdem 92 Güterwagen und eine Lokomotive. Neben Sprengbomben hatten die Alliierten auch Phosphorkanister und Brandbomben abgeworfen. Auf der Lauenburger Straße gähnten zwei Riesentrichter vor dem Eingang des Postamtes. Überall lagen verstümmelte und verbrannte Leichen, darunter viele Wehrmachtsangehörige und ausländische Arbeiter.

Besonders schlimm habe es wohl die Familie Thöl von gegenüber getroffen, berichtet Luise Hondt heute. Zehn Menschen seien bei einem Angriff des Nachbarhauses ums Leben gekommen. Und auch das Heim der Bäckerfamilie war nicht mehr bewohnbar. Fenster und Türen waren von der Wucht der Bomben herausgerissen worden. Am Ende der Straße lag ein toter Soldat mit blassem Gesicht — es war die erste Leiche, die die jungen Geschwister sahen. In Pötrau wurden 102 Menschen beigesetzt, davon 65 in einem Sammelgrab. In Büchen, Mölln und Siebeneichen wurden weitere Opfer beerdigt.

LN-Serie im Lokalteil
Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Die Lübecker
Nachrichten wollen mit einer Serie zum Thema an die Schrecken des Krieges auf lauenburgischem Boden erinnern. Bis zum 8. Mai, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, beleuchten wir die Ereignisse der letzten Kriegstage, das Schicksal der Flüchtlinge und werfen einen Blick auf Erinnerungskultur in der Gegenwart.
Die letzten Kriegstage
7. April 1945 Bombenangriff auf die Sprengstofffabriken Düneberg und Krümmel, 19. April   Britische Truppen erreichen die Elbe/Sprengung der Elbbrücke bei Lauenburg, 24. April   Über Lauenburg werden britische Flugblätter mit Informationen zur aktuellen Kriegslage abgeworfen, 25. April   Bei einem Tieffliegerangriff auf einen Eisenbahnzug wird in Schwarzenbek ein britisches Flugzeug abgeschossen, 26. April   Bombenangriff auf den Bahnhof Büchen. Eine deutsche Kampfgruppe greift britische Truppen auf der südliche Elbseite bei Hoopte an, 27. April   Gespräche zwischen deutschen und britischen Offizieren in Lauenburg über eine kampflose Übergabe der Stadt, 28./29. April Elbübergang der britischen Truppen, 29. April   Einnahme Lauenburgs durch britische Truppen, 29. April — 3. Mai Luftkämpfe über der Elbe, 30. April   Kämpfe bei Lütau und Basedow / Besetzung Schwarzenbeks, 1. Mai Geesthacht wird kampflos besetzt. Gefechte um den Bahnhof in Büchen, 2. Mai Letzte Kämpfe im Bereich der Orte Hohenhorn, Escheburg und Börnsen. Die Städte Mölln und Ratzeburg werden kampflos besetzt. Die britischen Truppen können auch Lübeck ohne Kampf einnehmen, 5. Mai 8 Uhr   Kapitulation der deutschen Truppen in Nordwestdeutschland. Autor: Christian Lopau

Florian Grombein

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