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„Die Unberührbaren wurden Christen“

Ratzeburg „Die Unberührbaren wurden Christen“

LN-Interview mit Pröpstin Frauke Eiben zu ihren Erfahrungen bei zwei Reisen während ihrer Sabbatzeit.

Ratzeburg. Ratzeburg Frauke Eiben, Pröpstin im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg, nutzte das erste Vierteljahr für eine Sabbatzeit. Im Mittelpunkt standen zwei Reisen – im Februar ging es nach Indien, im März folgte Südafrika. In beiden Ländern engagiert sich die Pröpstin seit Jahren in der ökumenischen Partnerschafts- und Friedensarbeit.

Frau Eiben, ein Vierteljahr Auszeit, da kann man ja neidisch werden. Müssen Führungskräfte im Kirchenkreis gar nicht so sehr in ihrem Job präsent sein?

Eiben: Doch, das müssen sie natürlich. Das Vierteljahr war nur möglich mit einer langfristigen Vorplanung und genauem Timing für meine Vertretung. Das waren mein Stellvertreter Pastor Wolfgang Runge aus Berkenthin und meine Kollegin Petra Kallies in Lübeck.

Scherz beiseite. Indien, Südafrika; beides einerseits weit entwickelt, anderseits immer noch Entwicklungsländer. Das scharfe Essen, die hygienischen Verhältnisse, das Klima – Haben Sie sich schon erholt?

Eiben: Ja – tatsächlich war Südafrika für mich anstrengender als Indien, weil der Lebenstakt da schneller geht. Nach Südafrika war ich wirklich erschöpft. Auch das Thema Sicherheit, alleine unterwegs sein; das ist ein anderes Lebensgefühl in Südafrika. Das war in Indien anders. Der Lebenstakt, der Umgang miteinander, ist in Indien lockerer. Das war entspannter. Aber: Ich bin bei beiden Reisen nicht krank geworden.

Martin Kolozs fragt in seinem umstrittenen Buch „Nie wieder Indien“: Wie kann ein Land, das eigentlich alles hat, in einer solchen Armut leben? Haben Sie sich das beim Rückflug auch gefragt?

Eiben: Das trifft zu, aber für beide Länder, beide sind Schwellenländer. Es gibt gut und besser verdienende Schichten, und die wirkliche Kluft zwischen arm und reich dort auszuhalten mit dermaßen unterschiedlichen Lebensbereichen – das ist in der Tat hart. Ich bin in Indien im ländlichen Raum unterwegs gewesen, wo sich unsere Partnerkirche im Bundesstaat Orissa befindet. In den Dörfern dort sind alle Menschen eher arm. Aber die Starrheit der Gesellschaft, die noch sehr viel mehr in Klassen denkt, als wir es gewohnt sind, das ist wirklich eine große Frage. Und an dieser Stelle kann das Christentum Antworten geben, denn Christsein hat etwas mit der Überwindung von Hierarchien zu tun.

Sie sind ziemlich „embedded“, also geführt und betreut gereist. Waren Sie auch einmal alleine unterwegs?

Eiben: Nicht wirklich. In Indien war ich vier Tage alleine auf einer Frauenkonferenz. In Südafrika war ich 14 Tage zwar selbstständig unterwegs, hatte aber stets Kontakt zu den Partnern der Organisation, mit der ich dort gearbeitet habe.

Welche Rolle spielt das Christentum in Indien, und haben Sie eigentlich eine Art Missionsgedanken?

Eiben: Nein. Unsere Partnerkirche, das sind Christen seit über 100 Jahren. Das ist ein Besuch unter Freunden. Trotzdem ist es für die Frauen dort etwas Besonderes, wenn sie eine ordinierte Pastorin und dann noch als Pröpstin erleben. Es gibt kaum Pastorinnen in Indien und praktisch gar nicht in leitenden Funktionen. Die Frauen sind erstaunt, aber es ist auch eine Ermutigung für sie.

Insofern war mein Besuch auch eine Mission, also für diesen Gender-Gedanken.

Indien – da fallen einem die Menschen auf Zugdächern ein, viel zu scharfes Essen, ein unübersichtliches Kastenwesen und – seit einiger Zeit – schlimme Schlagzeilen um die Stellung der Frau. Was davon haben Sie auf Ihrer Reise selbst erfahren?

Eiben: Das Leben stellt sich schon anders dar, vor allem, wenn man etwas mehr eintaucht. Natürlich begegnen einem die klassischen Armutsbilder überall. Wenn man in den Dörfern zu Gast ist, erlebt man Gastfreundschaft und nicht im Vordergrund stehende Not. Dafür gibt es dort noch etwas, was wir nicht mehr haben, nämlich eine funktionierende Gemeinschaft, auch generationsübergreifend.

Alle kümmern sich um alles. Frauen stehen in der Hierarchie sicher weiter unten, besonders im öffentlichen Leben. Familiär hat die Frau aber ein ziemlich starkes Gewicht.

Abwertendes gegenüber Frauen habe ich nicht erlebt. Das Kastenwesen ist zwar offiziell abgeschafft, aber es ist in der Tradition noch vorhanden. Übrigens sind die Angehörigen der untersten Kaste, der Unberührbaren, diejenigen, die in unserer Partnerkirche Christen geworden sind.

Kommen wir zu Südafrika. Es galt lange als das am weitesten entwickelte Land Afrikas, stand aber auch weltweit wegen der Apartheidspolitik in der Kritik, bis es durch die Wahl des Jahrzehnte lang inhaftierten schwarzen Bürgerrechtlers Nelson Mandela zum Staatspräsidenten zum neuen Symbol für die Befreiung Afrikas von den Resten des Kolonialismusses wurde. Heute hört man von jungen Südafrikanern, manches war unter dem weißen Regime besser. Spürbar auch für Sie?

Eiben: Ja. Ich war vor zehn Jahren erstmals dort und da war noch diese Aufbruchstimmung. Rainbowcountry, alles voller Hoffnungszeichen. Jetzt scheint der Rainbow durch Struggle abgelöst.

Kampf gegen neue Ungerechtigkeiten, eine korrupte Regierung. Südafrika ist in einer Leitungskrise. Ich habe Menschenrechtsprojekte besucht. Etwa beim Thema Landreform, was steht schwarzen Farmern zu?

Da ist praktisch nichts passiert. Das Farmland ist nach wie vor in weißer Hand. Das ist, muss man sagen, ein Skandal und eine riesige Ernüchterung angesichts der von Mandela ausgelösten Hoffnungen.

Was hat Sie an diesem Aufenthalt reicher gemacht, was haben Sie in ganz schrecklicher Erinnerung?

Eiben: Die Begegnungen haben mich reicher gemacht. Der Blickwechsel war bedeutsam. Und auch die Erkenntnis, unter welchen vergleichsweise glücklichen Bedingungen wir in Deutschland leben.

Aber bedrückend war das Erleben dieser Aussichtslosigkeit, wie ich es besonders in Südafrika bei einem Besuch eines Gefängnisprojekts „Healing of Memories“ erlebt habe. Wo vor allem junge Männer in einen Kreislauf aus Gewalt, Drogen, Chancenlosigkeit und Kriminalität geraten, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 60 Prozent.

Afrika ist multireligiös. Welche Rolle spielt, welche Chance hat das Christentum?

Eiben: Vor allem Südafrika ist sehr stark christlich geprägt, aber interreligiöser Dialog spielt in den Projekten, die ich kennengelernt habe, auch eine wichtige Rolle. Südafrika ist religiöser, als wir es in Deutschland sind.

Was haben Sie am Ende von dieser Reise für Ihre Arbeit im beschaulichen, geordneten Lauenburgischen mit nach Hause gebracht?

Eiben: Aus dem Kontakt mit Menschen anderer Kulturen erwächst ein Reichtum, der für Leben und Arbeit total wichtig ist. Und: In Südafrika das Nachdenken über Frieden, über Versöhnungsbereitschaft, den Umgang mit Krisen. Und dazu gehört auch immer die Frage, aus welcher Geschichte komme ich. Und das spielt in Deutschland ja auch eine Rolle.

Interview: Matthias Wiemer

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