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„Die Willkommenskultur ist ungebrochen“

„Die Willkommenskultur ist ungebrochen“

Jürgen Tornow (79) wurde am vergangenen Montag von Torsten Albig mit der Ehrennadel des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet – Er hilft Flüchtlingen und Sportlern.

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79 Jahre alt und immer in Bewegung: Jürgen Tornow ist ein Mensch, der sich gern für andere einsetzt.

Quelle: Grombein

Klinkrade Derzeit betreut Jürgen Tornow Serben, Afghanen, Armenier und Iraker in Klinkrade. Er vermittelt zwischen Behörden, nimmt Kontakt zu Arbeitgebern auf und fährt mit ihnen zur Tafel.

LN-Interview

Macht Sie die Auszeichnung mit der Ehrennadel stolz?

Jürgen Tornow: Ja. ich war gerührt und eigentlich kurz vor den Tränen. Es war eine gute Veranstaltung. Meine Frau war dabei und eine Mitarbeiterin des Amtes Sandesneben. Ich danke dem Amt für die Unterstützung. Das Amt ist froh, weil ich mich um die Flüchtlinge kümmern kann.

Sie sind auch wegen ihres Engagements im Sport ausgezeichnet worden. Beachtlich in Ihrem Alter.

Tornow: Das mache ich schon seit 50 Jahren. Ich unterrichte jetzt Sechsjährige im Tischtennis als Co-Trainer bei der TK. Wegen meiner Gesundheit gebe ich beim Training aber nicht voll Power.

Das spare ich mir für Punktspiele auf. Ich bilde mir ein, dass ich noch ganz schön Spin in den Schlägen habe. Die Jüngeren spielen nicht ganz so gern gegen mich, weil ich den klassischen Anti-Top-Belag auf dem Schläger habe.

Aber warum Jugendarbeit im Sport?

Tornow: Ich sehe, dass Nachwuchs benötigt wird. Wir haben zwar genug sieben- bis Achtjährige. Aber bei den Zehnjährigen haben wir ein Problem. Die sind einfach nicht da. Es ist schwierig, in dieser Altersklasse Nachwuchs zu finden.

Viele Flüchtlinge kommen nur mit ihrer Kleidung am Leib. Haben Sie selbst schon einmal Not erlebt?

Tornow: Ich war mal selbständig und auch dort gab es mal wirtschaftliche Probleme. Ich musste schon einmal ganz neu anfangen in Belgrad. Was existenzielle Not betrifft, kann ich nur sagen, dass ich beim Arbeiten im Ausland viele Menschen gesehen habe, die Hunger haben und in schwierigen Verhältnissen leben. Wenn man einmal begriffen hat, wie es den Menschen dort geht, dann hat man die Motivation, zu helfen. Das ist auch der Grund, warum ich mich einbringe. Ich habe damals beruflich Arbeiter nach Deutschland vermittelt, die schon wussten, wie viel Geld sie hier verdienen werden.

Heute kommen sie an und haben keine Perspektive. Die Wirtschaft hat sich verändert. Früher wurden Rollmopsdreher, Näherinnen oder Rangierer gesucht. Sie kamen schon mit Deutschkenntnissen hier her.

Heute ist es schwer, Asylbewerber überhaupt in Deutschkursen unterzubringen.

Laut Umfragen gibt es viele Menschen, die sogar Angst vor Flüchtlingen haben. Verstehen sie das?

Tornow: Wer hat denn Angst vor Flüchtlingen? Was müssen das für Leute sein. Ich habe jedenfalls keine Angst. Vielleicht, weil ich die Misere in anderen Ländern kenne. In unserem Café

International kommen die Flüchtlinge zusammen. Dort wartet man auf mich.

Es kursieren zum Beispiel Vorurteile gegen Menschen aus Albanien wegen häufiger Schlagzeilen im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität. Zudem gilt ihr Land nicht als Kriegsgebiet, also als sicheres Herkunftsland. Wie stehen Sie dazu?

Tornow: Wer solche Vorurteile hat, der hat schon von vornherein etwas gegen Ausländer im Allgemeinen. Solche Menschen reden alles schlecht und folgen auch keiner Einladung ins Café International, um sich mal ein eigenes Bild von den Menschen zu machen. In Albanien gibt es keine Arbeit. Das Land ist voller Korruption. Die Menschen dort kommen nicht weiter. Eine Frau, die studiert hat und vier Sprachen spricht, habe ich betreut. Trotz Bildung bekommt sie in ihrer Heimat keine Arbeit. Ich glaube, der Hass einiger Menschen auf Flüchtlinge kommt daher, weil sie neidisch auf die finanziellen Leistungen sind. Die Asylbewerber bekommen eine Wohnung und Nebenkosten. Es kann sein, dass die Negativeinstellung mancher Menschen daher kommt.

Gibt es einen Punkt, an dem Ihr Verständnis für Einwanderer aufhört?

Tornow: Ich habe kein Verständnis dafür, wenn jemand aus Bequemlichkeit und aus Hoffnung auf ein einfaches Leben nach Deutschland kommt. Ich erwarte einfach, dass die Menschen einen triftigen Grund haben, nach Deutschland zu kommen und nicht nur kommen, weil sie Urlaub machen wollen.

Machen wir Medien etwas falsch?

Tornow: Die Medien machen etwas falsch, wenn sie nicht über Flüchtlinge berichten.

Gibt es ihrer Meinung nach einen Einbruch in der Willkommenskultur, wie ihn einige Menschen befürchten?

Tornow: Bei uns im Amt Sandesneben nicht. Das Engagement ist ungebrochen.

Können Sie Ihre größte Freude und Ihre größte Enttäuschung in der Arbeit mit Geflüchteten beschreiben?

Tornow: Ein Künstler, der hervorragend Holzschnitzereien machte und tolle bildhauerische Fähigkeiten hat, musste im März zurück nach Albanien. Trotz vieler Bemühungen, Bewerbungsgespräche bis nach Lübeck, habe ich keinen Job für ihn gefunden. Seine Fähigkeiten waren vielleicht meine größte Freude. Das er gehen musste, meine größte Enttäuschung.

Haben sie eine Wunschvorstellung dafür, wie die deutsche Gesellschaft in vielleicht zehn Jahren mit der Einwanderung umgehen sollte?

Tornow: Ich hoffe, dass sich die „Flüchtlingskrise“ in der jetzigen Form bis zum Ende des Jahres erledigt hat. Und ich hoffe, dass sich alle politischen Parteien in dieser Frage verdammt nochmal endlich einig werden. Auch in Europa muss es eine Einigung geben. Und wer unberechtigt hier ist, der sollte auch wieder nach Hause fahren.

Zur Person

Jürgen Tornow wurde am 22. September 1937 in Sprottau in Niederschlesien geboren. Der gelernte Speditionskaufmann war in den 1960er und 70er Jahren viel im damaligen Jugoslawien und später in den Benelux-Ländern und in Skandinavien tätig. Als Achtjähriger floh er mit seiner Familie aus Niederschlesien zunächst nach Thüringen und kam dann 1948 nach Büchen. Heute lebt er in Klinkrade zusammen mit seiner 70-jährigen Ehefrau Susanne Tornow, die ihn bei seinem Engagement den Rücken frei hält. Der erfahrene Tischtennisspieler trainiert in der Turnerschaft Klinkrade (TK) von 1936 noch immer Kinder.

Interview: Florian Grombein

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