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Die heilsame Wirkung von Weihnachten auf Demenzkranke

Ratzeburg Die heilsame Wirkung von Weihnachten auf Demenzkranke

Martina Driessen pflegt ihre demenzkranke Mutter, die ihr altes Leben vergisst — Eine Aufgabe, die Angehörige aufreibt — Weihnachtliche Rituale frischen Erinnerungen auf.

Ratzeburg. Es ist ruhig und gemütlich an der Tafel, um die ein halbes Dutzend ältere Menschen sitzt und speist. Im Hintergrund läuft Musik. Die roten Kerzen auf einem nach Tannen duftenden Weihnachtsgesteck brennen. Zwei Frauen in weißer Pflegekleidung tischen freundlich auf, legen den älteren Damen und Herren aber auch Lätzchen an. Die Bewohner im Alzheimer-Therapiezentrum haben, so verrät es der Name, Probleme mit dem Gedächtnis und der Orientierung. Sie brauchen intensive Betreuung. Martina Driessen ist hier nur Gast, denn die 54-Jährige leidet nicht an Demenz, sondern ihre Mutter. Sie lässt sich das Essen schmecken. Beim Ratzeburger Modell wird ein wohl einmaliger Ansatz verfolgt: Im Fokus stehen dort die Angehörigen von Demenzkranken. Sie nehmen die Pflegebedürftigen zu einer Reha-Maßnahme mit. Auch Martina Driessen hat diese Reha bitter nötig. Ihre Psyche hat darunter gelitten, dass sie erst ihren mittlerweile verstorbenen Vater mit Demenz pflegte und nun auch noch ihre Mutter. Zu Weihnachten kommen die Erinnerungen an schöne Tage hoch, als der Familie kein orientierungsloses Mitglied Sorgen machte.

„Du bist mein Engel, Du hast mich gerettet“ — das waren Sätze, die Martina Driessen von ihrem an Demenz erkrankten Vater hörte, die ihr den Mut gaben weiterzumachen. Bereits 2008 ist die Frau aus Kempen am Niederrhein mit Demenz in Berührung gekommen. Mittlerweile ist ihr Vater verstorben. Sie pflegte ihn bis zum Schluss mit Demenz in den eigenen vier Wänden. Doch das Schicksal schlug nochmal zu. Heute pflegt Driessen ihre Mutter, die ebenfalls an einer Form von Demenz leidet: Parkinson-Demenz. Im Ratzeburger Alzheimer-Therapiezentrum hören Mediziner und pflegerisches Personal sich vor allem ihre Sorgen als Angehörige an. Driessens Leidensweg dauert seit sieben Jahren an.

„Er hat fürchterlich geschrien, wenn wir von seiner Seite wichen“, berichtet die 54-Jährige über die Erlebnisse mit ihrem Vater. Sie hatte sich damals bewusst entschieden, ihren Vater zu Hause in ihrem Haus zu pflegen und nicht gleich in ein Pflegeheim zu geben. Ihr Vater hatte Pech: Bei einer Bypass-Operation bekam sein Gehirn zu wenig Sauerstoff. Seine Demenz sei durch diesen Eingriff verursacht worden.

Darauf folgte ein nicht seltener Verlauf. Erst verlegte ihr Vater Werkzeug oder eine volle Geldbörde. Die Dinge fanden sich manchmal erst viel später an unmöglichen Plätzen wieder. Das Ultrakurzzeitgedächtnis spielte ihm einen Streich. Später dann folgte die Phase der Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit. Die Wut darüber brach sich Bahn, lang erprobte Fähigkeiten zu verlieren.

Martina Driessens Vater erkannte seine Frau, seine Tochter und seine Enkel zunehmend nicht wieder. „Zu Weihnachten haben wir immer Lieder gesungen“, berichtet sie. Die habe dann auch ihr Vater, der bereits sehr isoliert lebte, mitgesungen.

Doch zurück in die Gegenwart. Nun besteht die Möglichkeit, dass Martina Driessen ihre Mutter in einer kompetenten Pflegeeinrichtung wie in Ratzeburg unterbringt. Doch in ihrer Brust kämpfen derzeit zwei Gefühle um Vorherrschaft. Zum einen hat sie das Gefühl, den Pflege-Alltag nicht mehr meistern zu können. Zum anderen hat sie Angst, dass sie den Kontakt zur Mutter, die zunehmend auch ihre Tochter nicht mehr erkennt, ganz verliert. Dann , wenn Martina Driessen nur noch zu Besuch kommt. „Ich komme an meine Grenzen“, sagt die 54-Jährige, als sie im Foyer des Alzheimer Therapiezentrums erzählt. Der Alltag werde immer schwerer.

Das Ratzeburger Modell bietet Rehabilitanden die Möglichkeit, demenzkranke Verwandte in ihrer Nähe zu haben. Diese werden in einem Angehörigenbereich im selben Gebäudekomplex versorgt, betreut und therapiert. „So können Angehörige sich in Ruhe ihrer eigenen Behandlung widmen und außerhalb der Therapiezeiten Freizeitaktivitäten nachgehen“ sagt die Oberärztin des Alzheimer-Therapiezentrums, Dr. Claudia Dallmann. Hinzu komme ein stationäres, psychosomatische Rehabilitationsangebot.

Florian Grombein

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