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Lauenburg Die vielen Gesichter der neuzeitlichen Narrenfigur
Lokales Lauenburg Die vielen Gesichter der neuzeitlichen Narrenfigur
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16:05 06.09.2017
Mario Schäfer – ganz privat.

Eine reale Figur, die den legendären Till Eulenspiegel verkörpert, das gibt es seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit den zahlreichen und sehr unterschiedlichen Darstellern des Till hat sich Kreisarchivar Christian Lopau bereits vor einiger Zeit für einen Beitrag in der Reihe Lauenburgische Heimat (Heft 203) beschäftigt – natürlich ohne zu ahnen, welche Aktualität diese Fleißarbeit durch den plötzlichen Tod des letzten Eulenspiegel-Darstellers Mario Schäfer erlangen wird. Zu finden sind Abbildungen und Beschreibungen der früheren Till-Mimen auch aktuell auf der Homepage der Stadt Mölln. Im Folgenden einige Auszüge der Zusammenstellung von Christian Lopau.

Mario Schäfer hat wie kaum einer seiner Vorgänger das Maskottchen der Eulenspiegel- stadt verkörpert. Wer kann in diese Fußstapfen treten?.

 Paul Schuhr legte das Eulenspiegelkostüm zuerst 1925 zum Verbandstag des Zweigverbands „Norden“ der Deutschen Bäcker-Innungen an. Von den Stammtischbrüdern aus Burmesters Gasthof fand sich der Malermeister Paul Schuhr bereit, in das Kostüm zu schlüpfen. Die Idee fand Anklang und wurde weiter ausgesponnen. Der Eulenspiegel sollte auch die mit dem Zug eintreffenden Gäste am Bahnhof begrüßen. So lebte die Figur des Till Eulenspiegel als Attraktion des beginnenden Tourismusses auf.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ist Max Waschulewski sen. hin und wieder eingesprungen, um den Eulenspiegel darzustellen. Er hat auf dem Marktplatz für Besuchergruppen auch kurze Vorträge über Eulenspiegel gehalten.

Ende der 1940er Jahre ist auch Alfred Pantelmann in das Eulenspiegel-Kostüm gestiegen. Beim Umzug anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Freiwilligen Feuerwehr Mölln 1949 ist er auf einem Fahrzeug zu sehen.

Ein weiterer Möllner, der in Eulenspiegel-Montur bekannt war, und sogar auf Tournee durch Schleswig-Holstein geschickt wurde, war Robert Wendt. Im Sommer 1925 sammelte der Maurer aus Hamburg für den Sportverein Spenden für den Bau des Sportplatzes. Im Stadtarchiv befindet sich ein Vertrag zwischen dem Möllner Sportverein und Robert Wendt vom 10. Juli 1925, in dem die Einzelheiten der Sammelmission festgelegt wurden.

Zum 600.

Todesjahr des Möllner Narren, 1950, wurden die Möllner Festspiele ins Leben gerufen. Der beliebte Schauspieler Günther Lüders übernahm die Hauptrolle.

Der nächste in der Reihe der Möllner Eulenspiegel war Helmuth Osterhof. Er war von 1951 bis 1953 im Einsatz. Er bekam für einen Sommer 200 Mark, später 150 Mark, was Osterhof als „Trinkgeld“ kritisierte.

 Kurt Lempio war neben seinen Auftritten als Till bei der Stadt Mölln beschäftigt. Nach der Tourismussaison wurde er mit Botendiensten betraut und trug Steuerkarten aus.

 Eduard Ave war ein weiterer Till ab 1953, der als Darsteller bereits bei den Festspielen der Jahre 1950 und 1952 mitgewirkt hatte.

Sohn Waldemar Ave, von Beruf Klempner, war der bisher „dienstälteste“ Eulenspiegeldarsteller – von 1969 bis 1994. Ihm folgte Mario Schäfer.

Möllns große Lücke nach „Till Eulenspiegels“ Tod

Die Eulenspiegelstadt ist dieser Tage nicht mehr dieselbe von vor zwei Wochen. Nach dem überraschenden Tod mit Anfang 50 des Till-Eulenspiegel-Darstellers Mario Schäfer (die LN berichteten) klafft in der Stadt eine große Lücke. Es ist nun einmal die Stadt der historischen Narrenfigur. Und nun gibt es eine Vakanz, die niemand einplanen konnte. Die Stadtverwaltung nicht, die Theatergruppe „Eulenspiegelaien“ nicht, das Möllner Eulenspiegelmuseum nicht. Dort erzählt Mario Schäfer nach wie vor verschmitzt die Geschichte des Schalks, der die Stadt deutschlandweit bekannt gemacht hat, in einem Video den Gästen – quasi als Andenken seiner selbst. Vor dem Eingang wiegt sich ein großer Trauerflor im Wind, das am Eingang ausliegende Kondolenzbuch ist voller mitfühlender Einträge.

Wohl nicht geben wird es die Gelegenheit für die vielen Fans und Wegbegleiter, von Mario Schäfer bei dessen Beerdigung Abschied zu nehmen. Die Familie legt Wert auf eine Bestattung im engsten Familienkreis und eine Beisetzung der sterblichen Überreste im Möllner Friedwald. Aber klar ist Bürgermeister Jan Wiegels genauso wie Jochen Buchholz, dem Chef der Kurverwaltung, wo Schäfer beschäftigt war, wenn er nicht im Till-Kostüm die Stadt vertrat, und Museumsleiter Michael Packheiser, dass es eine besondere Würdigung für den verstorbenen TillDarsteller geben muss. Es werde in den zuständigen Gremien, so Wiegels auf LN-Anfrage, darüber zu beraten sein, wie eine Gedenkveranstaltung auszurichten sei. Einen Termin könne er noch nicht nennen. Auch Packheiser setzt sich dafür ein:

„Dieser Mann hat so viel für die Stadt getan, da müssen wir Möllner uns Gedanken um eine angemessene Würdigung machen.“ Gedanken machen muss sich die Stadt auch über die Zukunft. Denn Mölln ohne einen Till-Darsteller kann und soll es nicht geben. Aber wo findet sich jemand, der in die großen Fußstapfen des Mario Schäfer hineinpasst? Wiegels: „Es muss wieder einen Till-Darsteller geben. Aber da kann nicht nur in Mölln und Umgebung gesucht werden.“

Das sieht auch Karen Lüdke von der Theatergruppe der MSV „Eulenspiegelaien“ so: „Mario war in erster Linie und voller Engagement Till Eulenspiegel. Das Theaterspiel machte ihm aber auch viel Spaß.

Und wenn er eine Rolle übernahm, dann zu 100 Prozent. Immer noch unglaublich, dass er nicht mehr da ist. Er wird uns fehlen.“

In etwas mehr als einem Jahr sind wieder Eulenspiegel-Festspiele geplant – ob bis dahin ein neuer Möllner „Till“ die Hauptrolle übernehmen kann?

 Matthias Wiemer

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