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Lauenburg Dieselkrise schockt Händler – noch nicht
Lokales Lauenburg Dieselkrise schockt Händler – noch nicht
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11:52 31.07.2017
Das Gros der lauenburgischen Dieselfahrer besitzt ein Modell der Euro-5-Klasse. Die meisten Autos werden jedoch mit Benzin angetrieben.

Wer einen Diesel fährt oder sich mit der Anschaffung eines Selbstzünders trägt, sieht sich fast täglich neuen verunsichernden Nachrichten ausgesetzt.

Stimmung in Möllner Autohäusern durchwachsen – Kunden teilweise „extrem verunsichert“ – Über 32654 Diesel-Fahrzeuge unterhalb der Euro 6-Klasse im Lauenburgischen unterwegs.

Diesel-Abgasmanipulationen, drohende Fahrverbote in Großstädten, Gefahr für einzelne Typen, bis zu einer Nachrüstung sogar stillgelegt zu werden. Kann man sich heute noch für einen Dieselantrieb entscheiden? Das fragen sich immer mehr Menschen, die auch zukünftig auf das Auto angewiesen sein werden. Zu spüren bekommen diese Unsicherheit auch die Händler in der Autostadt Mölln.

Es gibt mehr Beratungsbedarf, aber (noch) keine spürbaren Umsatzeinbrüche, heißt es. Aber in einem Punkt sind sich die Autohändler einig: Die sich überschlagenden Meldungen zur Dieselthematik nerven extrem. Stimmen aus den Verkaufsräumen einiger Möllner Autohäuser.

Wenn Jürgen Such, Geschäftsführer von BMW Steen in Alt-Mölln sagt: „Das Thema hat uns heimgesucht wie der Dieb in der Nacht“, dann kann es im Moment tatsächlich nicht ganz so lustig sein, Autos zu verkaufen. Allein bei Steen stehen überwiegend Diesel-Modelle als junge Gebrauchtwagen auf dem Hof, nicht wenige davon sind nach der Schadstoffnorm Euro 5 klassifiziert. „Zurücklehnen“, so sagt man übereinstimmen in der Branche – wenn überhaupt – könne man sich erst bei Euro 6. Jürgen Such kann noch keinen Absatzrückgang bei den größeren und vor allem neueren Modellen erkennen, „weil es da zu den Dieselantrieben auch keine wirklichen Alternativen gibt“. Aber die älteren Euro 4- und 5-Motoren können schon bald Sorgen bereiten, sollte das Thema Fahrverbote für älteren Dieselfahrzeuge – eventuell nach dem aktuellen Gerichtsurteil für Stuttgart – weiter auch in den Norden ausstrahlen. Besonders gefährdet ist der Bereich der Leasing-Rückläufer. Die ließen sich kaum noch wirtschaftlich rechnen. Such sieht eine Teillösung für die problematische Gattung zunächst in einer möglichst schnellen Umrüstung: „Ich warte jeden Tag auf die Nachricht, dass das Umrüstungspaket kommt.“ Sein Resümee: „Die Diskussion macht uns Probleme.“

Ähnlich sieht es Thomas Meyne, der in seinem Autohaus Opel und Fiat vertreibt. „Die Kunden kommen, aber sie wissen nicht, was sie kaufen sollen“, beschreibt Meyne die gegenwärtige Lage im Vertrieb.

Meyne, der auf eine jahrzehnte lange Erfahrung auch im Bereich der Motortechnik verfügt, spricht von extremer Verunsicherung der Kunden und ist nicht gut zu sprechen auf die Position der Deutschen Umwelthilfe in der aktuellen Debatte um Schadstoff durch Dieselmotoren. Die Umweltaktivisten trieben Hersteller und Politik vor sich her, und die Fachpresse traue sich kaum, die Wahrheit zu schreiben. Aber den meisten Beteiligten fehle es an wirklichem Fachwissen. Das betreffe auch die Händlerseite. Vielfach sei beispielsweise nicht bekannt, dass eine mögliche künftige Blaue Plakette die modernen Dieselantriebe unter den Verbrennern bekämen – nicht die Benziner. Ein deutlicher Rückgang bei Dieselfahrzeugen sei gegenwärtig in seinem Autohaus nicht erkennbar, sagt Meyne: „Zu 60 Prozent können wir verunsicherte Kunden überzeugen, sich doch für einen Diesel zu entscheiden.“

Am meisten gelassen unter den Autohäusern, die den LN eine Stellungnahme gaben, zeigt sich die Möllner Süverkrüpp-Filiale, die Mercedes-Modelle anbietet. Der für Mölln zuständige Verkaufsleiter in Kiel, Michael-Skule Langbehn, strahlt eine gewisse Unbekümmertheit aus, wenn er sagt: „Unsere Dieselfahrzeuge sind so weit entwickelt, dass wir die aktuelle Diskussionen eher rückblickend betrachten können.“ Will heißen: Der Dieselabsatz macht in Mercedes-Filialen keine Probleme, und auch bei Gebrauchtfahrzeugen herrsche bei der Kundschaft keine Panikstimmung. In den Süverkrüpp-Häusern stelle man stets aufs Neue fest, „dass die Kunden ganz überwiegend an der Wertbeständigkeit interessiert sind und weniger an Umweltfragen“. Dennoch gehe auch bei Mercedes die aktuelle Debatte um das Pro und Contra Diesel nicht spurlos vorbei. Langbehn beschreibt sie als „unschön und nervtötend.“ Hinsichtlich der Gefahr möglicher Großstadtfahrverbote für Dieselautos vielleicht auch bald in Hamburg winkt der Süverkrüpp-Vertreter ab: „Hamburg ist nicht der Stuttgarter Kessel. Und in Hamburg sind die Hauptluftverschmutzer die Kreuzfahrtschiffe, nicht die Dieselautos im Stadtverkehr.“

Blaupause für 80 Städte?

Derzeit können 32654 Menschen oder Firmen, die im Kreis Herzogtum Lauenburg mit Diesel-Pkw der Schadstoffklassen Euro 1 bis Euro 5 unterwegs sind, ganz Deutschland befahren. Doch Stuttgart könnte nach der Einschätzung von Dr. Harry Brambach, Präsident des Verbandes des Kraftfahrzeuggewerbes Baden Württemberg, wohl die Blaupause für alle anderen über 80 Städte in der Republik werden, in denen über Fahrverbote nachgedacht wird: „Was in Stuttgart geregelt wird, wird Vorbild für alle weiteren Regelungen sein.“ Diesel-Rechtslage und realer Schadstoffausstoß sind zweierlei:

Beim jetzigen Stand der politischen Entscheidungen und der Fahrzeugdaten des Kraftfahrt-Bundesamtes zum 1. Januar 2017 gäbe es im Kreis Herzogtum Lauenburg für rund 86,5 Prozent aller Diesel oder 32654 Diesel-Fahrzeuge keine blaue Plakette, wenn die denn nach der Bundestagswahl käme.

Mit einer Umstiegsprämie den Wechsel zu beschleunigen, geht, und es würde nach Einschätzung der Experten sogar die Fahrverbote überflüssig machen. Basis des Zuschusses soll der Bruttolistenpreis sein. Für den Kauf eines Neufahrzeuges oder einer Tageszulassung schlägt der Stuttgarter KFZ-Händlerverband bei einem Preis bis 10000 Euro einen Zuschuss von 2000 Euro vor, bei einem Preis bis 20000 Euro 3000 Euro Zuschuss und ab 20001 Euro einen Zuschuss von 5000 Euro. Die Umstiegsprämie soll auch für Gebrauchtfahrzeuge gelten.

Ohne Mehrwertsteuereinnahmen miteinzuberechnen liegt die Schätzung bei Kosten von 17,6 Milliarden Euro, wenn sich alle 6,3 Millionen Alt-Diesel-Besitzerinnen und -Besitzer zu einem Ersatzkauf anregen lassen. Die ließen sich über mehrere Jahre verteilen.

 wr/zds

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