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Diesen Bahnhof halten manche Passanten für ein Schloss

Aumühle Diesen Bahnhof halten manche Passanten für ein Schloss

Wenn gelegentlich Menschen in ein Gebäude kommen und fragen, ob dies denn das Schloss der Familie von Bismarck sei, so ist das ein Indiz dafür, dass es sich hier um einen sehr repräsentativen Bau handelt. Doch das vermeintliche Schloss im Aumühler Ortsteil Friedrichsruh ist nur ein Bahnhof – ein ganz besonderer allerdings.

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Vor der Sanierung heruntergekommen, heute sehr elegant und stilvoll: der ehemalige Bahnhof in Friedrichsruh, jetzt Sitz der Bismarck-Stiftung.

Aumühle. Wann genau dieser Bahnhof, der als einer der besterhaltenen in Norddeutschland gilt, erbaut wurde, ist nicht bekannt. Friedrich Seestern-Pauly, zu jener Zeit Amtmann des Amtes Schwarzenbek, hatte jedenfalls 1843 in einem Brief an die Königliche Regierung des Herzogtum Lauenburgs darauf gedrungen, dass „bei Friedrichsruhe, in der Mitte des Waldes, ein Anhalteort etabliert wird“. Drei Jahre später wurde die Bahnstrecke Hamburg-Berlin eröffnet, und da stand der Bahnhof Friedrichsruh bereits. Er trägt, wie fast alle erhalten gebliebenen Bahnhöfe an dieser Strecke, die Handschrift des leitenden Ingenieurs Friedrich Neuhaus. Der konzipierte die Gebäude im einheitlichen Stil des Spätklassizismus’ und stand dabei ohne Frage in der Tradition des berühmten Berliner Architekten Karl Friedrich Schinkel.

LN-Bild

Die Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh residiert in einem stilvollen Gebäude.

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Ein Fahrplan aus dem Jahr 1847 weist aus, dass in Friedrichsruh jeden Tag bereits je acht Personenzüge in beide Richtungen hielten, außerdem Güterzüge – hier wurde ja auch Holz aus dem Sachsenwald verladen. 20 Jahre später war die Zahl der täglichen Züge nach Hamburg und nach Berlin auf je 19 angestiegen.

Der Niedergang des Bahnhofs begann 1884, als das „Königlich Preußische Ministerium für öffentliche Arbeiten“ im benachbarten aufstrebenden Villenvorort Aumühle einen Anhaltepunkt für Züge schuf. Er wurde immer weiter ausgebaut, hier entstanden Stellwerke, Lok- und Güterschuppen und 1910 ein schicker, im Jugendstil errichteter Bahnhof. In Friedrichsruh stiegen immer weniger Fahrgäste ein und aus, die Zahl der hier haltenden Züge sank stetig. Nach dem Tod Otto von Bismarcks erklärte dann auch noch seine Familie, ein reger Zugverkehr in Friedrichsruh würde „die Weihe der letzten Ruhestätte des Reichskanzlers wesentlich beeinträchtigen“. Die deutsche Teilung 1945 tat ein Übriges, die Bedeutung des einst so stolzen Bahnhofs sinken zu lassen. Im Inneren gab es noch einige Wohnungen für Bahnbedienstete, bis Ende der 70er Jahre auch noch eine Gaststätte.

Dann wurde das Haus geschlossen und verfiel mehr und mehr. 1986 erklärte ein Bahn-Sprecher, man wolle das ungeliebte und längst überflüssige Objekt lieber heute als morgen verkaufen. Dass es ein architektonisch wertvolles Zeugnis sei, spiele keine Rolle: „Die Bahn muss nach wirtschaftlichen Aspekten handeln. Ob der Käufer das Gebäude abreißt oder einen Spielsalon daraus macht, ist uns egal.“

Der damalige Aumühler Bürgermeister Otto Prueß war empört, alarmierte etliche Landes- und Bundespolitiker und forderte den Erhalt des ortsprägenden Bauwerks. Er hatte schließlich Erfolg: Der Bahnhof wurde unter Denkmalschutz gestellt und 1995 an eine neu geschaffene Politiker-Gedenkstiftung, die Bismarck-Stiftung, übertragen. Diese vom Bund finanzierte Einrichtung ließ den alten Bahnhof fünf Jahre lang gründlichst sanieren. „Er war völlig heruntergekommen“, erzählt Professor Ulrich Lappenküper, jetziger Geschäftsführer der Stiftung.

Heute ist das Haus wieder öffentlich zugänglich, ein wahres Schmuckstück und eine Stätte der Bildung und Forschung. Hier finden sich Räume für Vorträge und Seminare, eine Kunstgalerie, eine umfangreiche Bibliothek, eine kleine historische Ausstellung (als Ergänzung zum Bismarck-Museum gleich nebenan) und hier gibt es die Möglichkeit, die einzige Tonaufnahme des ehemaligen Reichskanzlers zu hören. Sie entstand 1889. Es rauscht und knackt zwar fürchterlich, aber zu verstehen ist doch einiges.

Züge fahren übrigens immer noch in Friedrichsruh ab – hinter dem ehemaligen Bahnhof. Allerdings gibt es an fünf Tagen pro Woche überhaupt keine Verbindung, sonnabends und sonntags je drei in Richtung Büchen und Richtung Aumühle.

Sensationeller Fund im Jahr 2012

Die Tonaufnahme des damaligen Reichskanzlers Otto von Bismarck, in Friedrichsruh zu hören, galt lange als verschollen. Sie tauchte 2012 in einem Archiv in den USA auf. „Das war eine echte Sensation“, sagt Professor Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Bismarck-Stiftung. Die Aufzeichnung entstand 1889. Damals bekam Bismarck in seinem Schloss in Friedrichsruh Besuch aus Übersee, nämlich von Adelbert Theodor Wangemann. Der war ein gebürtiger Deutscher und Mitarbeiter des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison.

Theodor Wangemann hatte einen völlig neuen Apparat dabei, den Edison entwickelt hatte: Ein Gerät namens Phonograph, mit dessen Hilfe Töne auf eine Wachswalze aufgezeichnet werden konnten.

Der damals 74 Jahre alte Bismarck zeigte durchaus Interesse, probierte es aus und rezitierte munter ganz verschiedene Texte, darunter Auszüge aus dem amerikanischen Volkslied „In Good Old Colony Times“, aus dem Gedicht „Kaiser Rotbart lobesam“ von Ludwig Uhland und aus dem Studentenlied „Gaudeamus Igitur“.

 Norbert Dreessen

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