Ratzeburg. Ein 70-Jähriger hat am Freitag Vormittag bei einem Gespräch mit Landrat Gerd Krämer im Kreishaus von Ratzeburg (Kreis Herzogtum Lauenburg) plötzlich eine Schusswaffe gezogen und sich selber eine Kugel in den Kopf geschossen. Der Mann verstarb zwei Stunden später in der Uni-Klinik Lübeck aufgrund seiner Verletzungen. Der Verwaltungschef blieb unverletzt.

Nach den Ermittlungen der Polizei war der Ratzeburger Reinhard S. gegen 10.15 Uhr in Krämers Vorzimmer erschienen, weil er mit dem Landrat über eine strittige Betreuungsangelegenheit sprechen wollte. Einen Termin hatte der Besucher nicht. Krämer stimmte einem Gespräch zu und bat den 70-Jährigen in sein Büro.

Im Verlauf des Gesprächs zog der Mann plötzlich eine Schusswaffe, die er zunächst auf Krämer richtete, dann aber auf sich selber abfeuerte. Der Ratzeburger verstarb um 12.44 Uhr in der Klinik. Die Schusswaffe, die Reinhard S. legal besaß, wurde von der Polizei sichergestellt. 

Der spektakuläre Selbstmord versetzte die Verwaltungsleitung in einen Schockzustand. Während sich Pastorin Mareike Hansen von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde St. Georgsberg in Ratzeburg als Notfallseelsorgerin um den Landrat kümmerte, machten dessen engste Mitarbeiter vorzeitig Dienstschluss.

Ratzeburgs Bürgervorsteher Ottfried Feußner sagte zu dem Vorfall: „Ich war geschockt, als ich davon gehört habe. Wir müssen sicherlich alle mehr aufpassen. Nicht in jedem Mensch steckt ein guter Mensch, das kann man aber von außen nicht sehen. Eigentlich müssten sich nach einem solchen Vorfall die Amtsvorsteher und Bürgermeister Gedanken über die Sicherheit in ihren Verwaltungen machen. Aber die Amtsverwaltungen und Rathäuser müssen offen, für jeden zugänglich und damit bürgernah bleiben.“

Im Lauenburgischen hat sich Vergleichbares bisher nicht abgespielt, ähnliche Fälle gab es aber durchaus, besonders im Bereich der Justiz. Wie am 11. Januar 2012, als Rudolf U. vor dem Dachauer Amtsgericht eine Pistole zog und auf den Richter und den Staatsanwalt schoss. Der 31-jährige Staatsanwalt starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Am 15. Dezember 2011 attackierte ein Angeklagter nach seiner Verhandlung vor dem Oberlandesgericht in Karlsruhe den Richter. Als der 63-jährige Justizbeamte den Saal verlassen wollte, schlug der Beklagte ihm ins Gesicht. Der Jurist wurde verletzt und lag zwei Tage im Krankenhaus.

Seit elf Jahren Landrat

Gerd Krämer ist 61 Jahre alt und seit 2002 Landrat im Kreis Herzogtum Lauenburg. Zu seinen beruflichen Stationen gehören die Leitung des Hauptamtes der Stadt Lauenburg und der Bürgermeisterposten in Schwarzenbek. Krämer ist parteilos und Chef einer Mitarbeiterschaft mit etwa 500 Planstellen. Amtsvormundschaften und Betreuungsfälle gehören zu den Aufgaben der Kreisverwaltung. Krämer ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Von Martin Stein, Jens Burmester und Jörn Kießler