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Ein Dorf will sich wehren

Koberg Ein Dorf will sich wehren

Nachdem vor zwei Wochen zum wiederholten Male ein Konzert einer Neonazi-Band in der ehemaligen Gaststätte „Koppelkaten“ stattgefunden hat, ist für die meisten der Koberger Bürger nun die Grenze erreicht: Sie wehren sich dagegen, als das Dorf der braunen Brut wahrgenommen zu werden.

Volles Haus im Koberger Feuerwehrhaus bei der Podiumsdiskussion „Koberg ist bunt“ am Montagabend.

Quelle: Jens Burmester

Koberg. Sie wollen nicht länger in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden als das Dorf der braunen Brut, der rechtsradikalen Szene im südlichen Schleswig-Holstein.

Und sie wollen nicht länger auf den Schutz der Staatsmacht vertrauen, da sich die Polizei in ihren Augen viel zu passiv, zu tatenlos verhalte, obwohl die zuständigen Behörden bereits eine Woche vor dem Konzert über den Staatsschutz informiert gewesen sein sollen. Die Koberger wollen nun selbst aktiv werden, indem sie die ihnen bekannten „jungen Damen und Herren“, die sich in der braunen Szene bewegen oder dort sogar selbstbewusst tätig sind, direkt ansprechen „auf den Scheiß, den sie da erzählen“, wie es der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dr. Konstantin von Notz ausdrückte.

Podiumsdiskussion gegen Rechts – Einwohner wollen künftig Neonazi-Veranstaltungen im „Koppelkaten“ verhindern und die heimischen Protagonisten direkt zur Rede stellen.

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Mehr als 100 Menschen aller Altersgruppen aus Koberg waren am Montagabend im engen Feuerwehrhaus zusammengekommen, um an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen, zu der die Grünen-Politiker von Notz (MdB aus Mölln) und sein Landtagskollege Burkhard Peters eingeladen hatten. Das Gemeindehaus kam als Tagungsort nicht infrage, weil der Markttreff-Verein politische Veranstaltungen hier grundsätzlich ausschließt. Initiiert war diese Veranstaltung durch aufgebrachte Koberger Einwohner, die sich bei den Grünen erkundigt hatten über die Möglichkeit einer solchen öffentlich-wirksamen Veranstaltung.

Auf dem Podium saßen neben den beiden Genannten der Koberger Bürgermeister Jörg Smolla und Peter Perner vom „Ratzeburger Bündnis“. Moderiert wurde die Runde von Katharina Bartsch aus Wentorf/Hbg. Sie ist Mitarbeiterin des Abgeordneten von Notz. Nach einer Darstellung der Ereignisse durch Smolla, Perner und den Fachjournalisten für Rechtsextremismus, André Aden, sowie einer Lageeinschätzung der Politiker entspann sich schnell eine rege Diskussion mit dem Publikum. Die Hauptfrage, die die meisten bewegte, war: „Wie und was können wir konkret gegen diese Veranstaltungen der rechtsradikalen Szene, gegen die Vereinnahmung unseres Dorfes durch die Nazis und gegen die hier ansässigen Protagonisten tun?“

Von Notz, der einen „grundsätzlichen Rechtsruck der Gesellschaft nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern und darüber hinaus“ feststellte, empfahl: „Sprechen Sie die Leute direkt an. In einer überschaubaren Gemeinde und Struktur wie hier kennt man sich. Sie müssen immer wieder das Gespräch suchen!“ Der Innen- und Rechtsexperte der grünen Bundestagsfraktion betonte: „Wir Deutschen haben besonders und am eigenen Leib erfahren, was passiert, wenn es einen Rechtsruck gibt, in welche Katastrophe es uns bringt, wenn die Demokratie aufgegeben wird“. Großbritannien oder die USA, wo es derzeit ähnliche Tendenzen gebe, hätten mit diesen Auswüchsen gar keine Erfahrung.

Tatjana Lutz-Koppermann appellierte an ihre Mitbewohner im Dorf, tätig zu werden, „um unsere Kinder selbst abzuholen und aufzuklären. Wir Eltern müssen tätig werden, das können wir nicht der Schule überlassen“. Sie selbst sei bereit, entsprechende Maßnahmen mit zu organisieren und aktiv tätig zu werden.

Alt-Bürgermeister Jürgen Schäfer und sein Nachfolger Jörg Smolla, seit mittlerweile acht Jahren im Amt, wiesen darauf hin, dass in den vergangenen Jahrzehnten viel im Dorf getan worden sei, um den rechtsradikalen Umtrieben zu begegnen: „Aber wir erreichen nicht jeden Jugendlichen“. Hier müsse das eigene Elternhaus stärker tätig sein und sich nicht den dumpfen Sprüchen und Parolen der Rassisten und Ewig-Gestrigen resigniert oder gar zustimmend ergeben.

Die Kobergerin Anne-Kathrin Kranenberg erklärte: „Ich kenne diese Leute. Bisher habe ich immer davor Angst gehabt, aber ich merke jetzt, man muss mit ihnen reden“. Von Notz und Peters wiesen auf verschiedene Einflussmöglichkeiten hin: neben Gesprächen etwa eigene Konzerte zu initiieren, wie es im mecklenburgischen Jamel passiert sei, wo Nazi-Gegner zu „Jarmel rockt den Förster“

einluden. Oder die Initiative „Storch Heinar“, eine satirische Kampagne, die unter Bezug auf die in rechtsextremen Kreisen beliebte Marke „Thor Steinar“ Neonazis und ihre Rituale karikiert.

Smolla schlug zudem „kreative Argumentationshilfen“ vor: Man müsse vielleicht den einen oder anderen jungen Menschen darauf hinweisen, dass sein Handwerksbetrieb möglicherweise künftig keine öffentlichen Aufträge mehr bekomme, wenn diese Aktivitäten nicht aufhörten, oder landwirtschaftliche Pachten nicht verlängert würden. „Da hängen wirtschaftliche Existenzen dran!“, so Smolla.

Von nichts gewusst

Der ehemalige Gastwirt Fritz Brügg- mann hatte seinen Saal an einen jungen Mann aus dem Dorf vermietet, der hier Geburtstag feiern wollte, bestätigte er gestern Morgen. Er habe nicht gewusst, dass es sich um eine rechts gerichtete Band gehandelt habe. Sollte er seinen Saal noch einmal für eine Feier vermieten, werde er sich anders verhalten. „Wenn hier Neonazis auftauchen, werde ich sie des Saales verweisen und sollten sie nicht gehen, werde ich die Polizei rufen und den Bürgermeister informieren“, erklärte Brüggmann.

Einen Internetanschluss habe er nicht, daher könne er auch nicht nachvollziehen, was für Leute bei ihm auf dem alten Saal musizierten. Im Übrigen kämen die Musiker immer erst kurz vor ihrem Auftritt an.

Brüggmann besitzt noch eine gültige Konzession für seine Gaststätte, vermietet aber nur privat den Saal und braucht dafür keine Genehmigung. jeb

Kommentar: Joachim Strunk zum Widerstand gegen Rechts in der Gemeinde Koberg

Endlich tut sich was! Die „wahren“ Koberger haben die Schnauze voll. Nicht länger wollen sie unter dem Image leiden, dass ihr geliebtes Dorf ein Hort der Neonazi-Szene ist, ein beliebter Treffpunkt für die Rassisten und Rechtsradikalen aus Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Und sie scheinen ihre – durchaus berechtigte – Angst vor der direkten Konfrontation („Eine Tracht Prügel ist das Mindeste, womit man rechnen muss, wenn man denen die Meinung sagt“, so Alt-Bürgermeister Jürgen Schäfer) vergessen und besiegen zu wollen. Anders geht es wohl auch kaum.

Durch massive und lautstarke Art wollen sie Koberg für die Umtriebe der braunen Brut „verbrennen“, sie aus ihrem Dorf vertreiben. Dazu gehört nicht nur viel Zivilcourage, sondern vor allem auch Zusammenhalt. Aber der scheint jetzt endlich da zu sein. Die Koberger wollen nicht länger wegsehen. Diesem Beispiel sollten in unserer Gesellschaft viel mehr folgen, um den Demokratiehassern wie Pegida, AfD und Europa-Gegnern die Stirn zu zeigen.

Wir alle in unseren kleinen Dörfern und großen Städten müssen damit beginnen, damit der Anfang vom Ende des braunen Spuks eingeläutet wird.

Ein Kommentar von Joachim Strunck

 Joachim Strunk

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