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Lauenburg Ein Mann und die „Sackpfeyferey“
Lokales Lauenburg Ein Mann und die „Sackpfeyferey“
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18:10 28.02.2015
Jann Carstensen mit der großen Scottish Pipe, einem schottischen Dudelsack mit „Wumms“. Quelle: Oda Rose-Oertel
Groß Schenkenberg

Schuld war die „Hobbythek“: Die einstige TV-Tüftlersendung hat Jann Carstensen bereits im Alter von 12 Jahren inspiriert, seinen ersten Dudelsack zu bauen.

„Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen“, sagt der 52-Jährige.

„Man gilt ja dann leicht als verschroben“, bemerkt er beiläufig, wenn es so war, hat es ihn wohl nicht wirklich gestört. „Musik war immer meine Leidenschaft“, bekennt der frühere Verwaltungsbeamte.

Irgendwann hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Nun baut und spielt Jann Carstensen Dudelsäcke aller Art, unterrichtet das Dudelsackspielen und gibt Workshops. Auf vielen Mittelaltermärkten in der Region, zum Beispiel in Reinfeld, ist er als „Jan der Spielmann“ unterwegs, oft als Duo „Zwey Zeyt“ mit Partnerin Bianca Hinzmann („Bianca Feordora“) an der Mandola.

Zuhause in Groß Schenkenberg hat der gebürtige Föhraner in seinem kleinen Gartenhaus eine bescheidene Werkstatt eingerichtet. Hier entstehen in wochenlanger Handarbeit wertvolle Einzelstücke, die Kunden bei ihm in Auftrag geben. Die Menschen kommen aus Berlin oder aus dem Ruhrgebiet zu ihm. „Darunter sind Professoren, Ärzte oder auch Studenten, die sich einen Traum erfüllen“, so Carstensen.

Im Sommer gibt er auch Touristen-Workshops — „da wollte mich schon mal ein ganzer Reisebus besuchen“, berichtet der Dudelsackbauer schmunzelnd.

Für einen Dudelsack braucht es Zeit und Hingabe. Carstensen bereitet zunächst das Holz für die Pfeifen vor. „Ich verwende Obsthölzer, die sind dicht und lassen sich gut verarbeiten, sie klingen auch gut“. Aus kleinen gestapelten Scheiten vom Kirsch-, Pflaumen- oder Birnenbaum entstehen an der Drechselbank glatte, runde Pfeifen — jeweils eine Spielpfeife für die Melodie und eine oder mehrere Zusatzpfeifen (Bordune) für die Dauertöne, nach Belieben verziert, wahlweise mit anderem Material kombiniert, wie Kunstelfenbein, Buchsbaum oder Rinderhorn. „Die Holzteile werden in Öl getränkt und müssen etwa eine Woche trocknen“, erklärt Carstensen. „An größeren Dudelsäcken arbeite ich etwa vier bis sechs Wochen.“ Ab 500 Euro aufwärts kosten seine individuellen Anfertigungen, bei denen er auch Sonderwünsche der Kunden berücksichtigt.

Für den richtigen Klang werden die Pfeifen mit Rohrblättern versehen, Carstensen nimmt dafür Kunststoff, allerdings bevorzugten manche Dudelsackspieler das althergebrachte Schilfrohr. „Das ist eine Art Glaubenskrieg“, sagt Carstensen. Der Balg besteht aus Rindsleder, den lässt Carstensen bei einem Bekannten zunähen, zunächst mit der glatten Seite nach außen, später wird die Velourseite nach außen gestülpt.

Unzählige Instrumente hat Jann Carstensen inzwischen schon gebaut, restauriert und gespielt. Einen Eindruck davon gewinnt der Besucher im Musikzimmer seines Hauses, das eine kleine Sammlung beherbergt. Dort hängt auch die von ihm selbst erfundene „Schenkenpfeyfe“, die sich gut für das Spielen in Gaststätten, also Schenken, eignet, ebenso verschiedene schottische Modelle („Scottish Pipes“), der „Dürersack“ (in Anlehnung an ein Gemälde von Albrecht Dürer) oder auch das Anfängermodell „Hümmelchen“ mit nur einem Bordun.

Der ruhige, bescheiden wirkende Norddeutsche hat sich den Dudelsackbau notgedrungen selbst beigebracht, offiziell gelehrt wird das Metier nämlich nicht („nach Büchern und durch Ausprobieren, nach dem Motto ,Versuch und Irrtum'“). Zu jedem Instrument kann er eine Geschichte erzählen und (Mittelalter-)Geschichte lebendig werden lassen. Von Zimmerlautstärke bis zum wuchtig-dröhnenden Klang reicht die Sound-Palette. Von Auftritten auf Hochzeiten, Geburtstagen und Weihnachtfeiern mit mittelalterlichem Spiel und Tanz, von der Unterhaltung der Kurgäste auf Föhr bis hin zum getragenen Solo auf Beerdigungen reichen die Anlässe.

„Der Dudelsack war lange Zeit vergessen“, sagt Jann Carstensen. „Jetzt ist er wieder da. Ich glaube, den typischen Sound finden die Leute schön.“ Wer sich mit dem Gedanken trägt, selbst zu spielen, sei gewarnt: Es braucht einen langen Atem. „Das Erlernen des Instruments dauert drei Jahre“, sagt der Dudelsack-Experte. „Aber wer einmal anfängt“, versichert Carstensen, „der bleibt meistens dabei.“

Workshops in Lübeck
Regelmäßig Workshops gibt Jann Carstensen, außerdem Kurse an der Musik- und Kunstschule Lübeck sowie Schnupperkurse in Reinfeld; in Groß Schenkenberg bietet er auch eine Sommerschule an.



Informationen und Termine im Internet unter www.dudelsackbau-luebeck.de; Kontakt: Sackpfeyferey zu Lübeck, Jann Carstensen, Tel. (04539) 888 238; info@dudelsackbau-luebeck.de

Oda Rose-Oertel

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