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Lauenburg Ein Reisender entdeckt seine Heimat in der Ferne
Lokales Lauenburg Ein Reisender entdeckt seine Heimat in der Ferne
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19:18 15.01.2016
Nils Straatmann ist ein lebhafter Geschichtenerzähler. Seine Lesung am Donnerstagabend im Tonfink in Lübeck war mehr als das: Er berichtete über Menschen, die er auf seiner Reise traf und über seine Erlebnisse — dazu gab es ganz karibisch ein Glas Rum. Quelle: Fotos: Philip Schülermann

„Moin, na! Alles gut“, sagt Nils Straatmann zur Begrüßung. Fester Handschlag, breiter norddeutscher Akzent. Er sitzt an einem kleinen Tisch im Obergeschoss des Tonfinks in Lübeck und bereitet seine Lesung vor. Ein bisschen nervös sei er schon, gibt er zu. Knapp vier Monate war der gebürtige Geesthachter auf einem alten Schiff in der Karibik unterwegs. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch geschrieben — eine „Heimatgeschichte in der Ferne“, sagt der 26-Jährige.

„Das war unfassbar naiv“, sagt Nils Straatmann und lacht. Ohne ein Wort Spanisch zu können, mit einer Kontokarte, die ihm in der Karibik nichts nutzte und einem Handy ohne Empfang kam er im Juni 2013 an, um auf der „Stahlratte“ zu arbeiten. Das Segelschiff transportiert zwischen Panama und Kolumbien Touristen.

Alles begann mit einem Laptop in Geesthacht. Dort wurde er geboren, und während er in Leipzig studiert, lebt ein Teil seiner Familie noch immer dort, sein Vater in Escheburg. Er erbte das Notebook seines Großvaters, der kurz zuvor verstorben war. Darauf fand er Bilder von ihm. „Sie waren von Fernweh getränkt. Ich wusste gar nicht, dass mein Opa zur See gefahren ist“, sagt Straatmann. Er beschloss, sich auf die Spuren seines Großvaters zu begeben. Es war ohnehin Zeit für eine Pause vom Studium. Und so bewarb er sich um die Stelle auf der „Stahlratte“ — und bekam eine Zusage.

„Alles, was ich bis dahin gelernt hatte, war dort nichts wert“, sagt Straatmann, in seinen Stuhl gelehnt. „Und das hat mich der Kapitän spüren lassen. Weil meine Arbeit nichts wert war, war auch ich nichts wert.“ Die vielen Arbeiten an Bord musste er sich aneignen. „Das klingt ganz einfach: Ich musste einfach alles machen.“ Er lernte viel über die Maschine, das Segeln, Schiffe, Spanisch und über seinen Opa. Über seine Erlebnisse schrieb Straatmann in einem Blog — die Grundlage für sein Buch „Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen“. Es ist ein Reisebericht, eine Spurensuche im Leben seines Großvaters. „Es ist in weiten Teilen melancholisch“, sagt Straatmann, und es ist dennoch humorvoll.

Noch ein paar Minuten, dann muss er auf die Bühne. Der Tonfink ist bis auf den letzten Platz auf der Treppe gefüllt. „Auf der Reise habe ich viel über meine Heimat gelernt und darüber, wie gern ich Deutschland mag.“ Zu viert arbeiteten sie auf der „Stahlratte“: Ein deutscher Kapitän aus Bremerhaven, zwei Spanier und Nils Straatmann. „Leute, mit denen ich sonst nie etwas zu tun gehabt hätte“, sagt er. 113 Tage verbrachte er an Bord. Am allerschlimmsten sei die Hitze gewesen.

Dann geht es raus auf die Bühne. Ein Späßchen hier, eine Anekdote dort. Auf einer Leinwand zeigt er Bilder seiner Reise, es gibt Rum mit braunem Zucker und Limette. Wenn er nicht gerade liest, plaudert er mit dem Publikum, beantwortet jede seiner Fragen.

Eigentlich wollte Straatmann Fußballprofi werden. Aber der heutige Reisejournalist und Poetry-Slammer, der die meiste Zeit unterwegs ist, hatte damals Angst vor Heimweh, wenn er zum Studieren und Trainieren die norddeutsche Heimat hätte verlassen müssen und keinen Anschluss hätte finden können. Heute lebt Straatmann in Leipzig und studiert Theologie. Viel Zeit hat er dafür heute nicht mehr.

Er ist mit seinem Buch auf Tour, schreibt für große deutsche Zeitungen, tritt bei Poetry-Slams auf. „Die Theologie war immer mein Plan B. Einen Plan A hatte ich nicht.“ Dass er mal Buchautor werden würde, hätte er vor fünf Jahren nicht gedacht. Geschrieben habe er aber schon immer gern — schon als Jugendlicher im Bus, auf dem Weg zum Fußballtraining. Später kamen dann die Poetry-Slams, bei denen er unter dem Künstlernamen „Bleu Broode“ auftritt.

Nach seiner Lesung, die — er hatte es angekündigt — länger ging als geplant, steht Nils Straatmann an einem Stehtisch am Ausgang. Eine lange Schlange führt durch den Laden zu ihm. In jedes seiner verkauften Bücher schreibt oder malt er etwas Persönliches. „Hattest du einen schönen Abend“, fragt er breit grinsend und dankt für den Besuch.

Heimat, das seien für den reisenden Straatmann „Wind, Regen und Möwen — und Kanasta mit Oma in Geesthacht.“

Autor und Slam-Poet
Nils Straatmann ist Buchautor, Reisejournalist und Poetry-Slammer. Unter dem Künstlernamen „Bleu Broode“ zählt er zu den erfolgreichsten Slam-Poeten in Deutschland. 2008 gewann er die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften, 2010 wurde er Hessen- und Sachsenmeister, 2013 Meister im Team.
Sein Buch „Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen — 113 Tage als Matrose in der Karibik“ erschien im März 2015 beim Piper Verlag. 288 Seiten, ISBN: 978-3-89029-455-1, 14,99 Euro.

Philip Schülermann

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