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„Einbrecher lassen sich nicht von einem Landposten abschrecken“

Ratzeburg „Einbrecher lassen sich nicht von einem Landposten abschrecken“

Michael Wilksen, Chef der Polizeidirektion Ratzeburg, zur sprunghaft gestiegenen Zahl von Einbrüchen und zur Angst der Bevölkerung.

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Ratzeburg. Herr Wilksen, es ist schwer mit Ihnen einen Interviewtermin zu bekommen. Was beschäftigt Sie beruflich derzeit am meisten?

Michael Wilksen: Vor allem die Themen Wohnungseinbruchdiebstahl (WED) und Umorganisation der Polizeidirektion und wie sie personell umsetzt werden soll. Es gibt viele Gespräche mit Dienststellenleitern.

Viele Menschen, die wir Journalisten im Augenblick treffen, beschäftigt der massive Anstieg des Einbruchdiebstahls im ganzen Land um beinahe 50 Prozent. Ist diese Angst der Bürger im Lauenburgischen berechtigt?

Wilksen: Das betrifft ein subjektives Gefühl. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, Angst zu haben. Doch es gibt guten Grund, aufmerksam zu sein. Mir liegt noch keine abgeschlossene Kriminalstatistik vor. Die Zahlen im Bereich WED steigen jedoch in einem erheblichen Maße, ist unser Eindruck. Das missfällt uns sehr. Wir ermitteln jetzt, wo die Ursachen liegen und überlegen, ob aus polizeilicher Sicht etwas geändert werden muss und wie auch Bürger sich in Eigentumsschutz einbinden lassen.

Kann es sein, dass die eher hohe Anzahl von Verbrechen im Hamburger Randgebiet sich weiter in den Norden des Kreises ausdehnt?

Wilksen:  Stormarn beschäftigt uns nach wie vor mehr als der Kreis Herzogtum Lauenburg. Der Hamburger Speckgürtel bietet aus Tätersicht eine bessere Infrastruktur.

Und was ist mit den jüngsten markante Fällen im Lauenburgischen? Ein Marktleiter wurde aus seinem Haus entführt und gezwungen Geld herauszugeben. Und in einen Technik-Markt im Norden Möllns drang eine äußerst professionelle Bande ein. Kurz aufeinander wurden in Mölln zwei Tankstellen ausgeraubt.

Wilksen: Der Fall, in dem ein Marktleiter überfallen wurde, hat sicher eine andere Qualität. Es handelt sich hier um ein Raubdelikt, das von uns auch gesondert behandelt wird. Doch es ist zu früh, hier ein Muster zu erkennen. Es sind Beispiele mit ganz unterschiedlichen Täterkreisen. Möglicherweise spielt nur der Zufall eine Rolle.

Bürger auf dem Lande befürchten, die Zahl der Streifenfahrten reiche nicht aus, um Einbrecher abzuschrecken. Die Angst um den Dorfsheriff spielt eine Rolle. Ist da etwas dran?

Wilksen: Ich verstehe, dass die Schließung kleiner Standorte subjektiv als Verlust für die Sicherheit empfunden wird. Doch das ist ein Fehlschluss. Wir wollen, was die Streifentätigkeit betrifft, nicht schlechter werden, sondern die Situation eher verbessern. Die Einmann-Stationen hatten ja nicht einmal einen Streifenwagen, sondern ein Privatfahrzeug. Außerdem ist ein Landposten kein geeignetes Instrument, um Täter aus dem Bereich WED dingfest zu machen. Wir registrieren Menschen, die aus dem Balkanraum und Osteuropa kommen und im Bereich WED überrepräsentiert sind. Sie setzen alles auf eine Karte und lassen sich nicht von einem Landposten abschrecken.

Was bewirkt die Umorganisation?

Wilksen: Die Polizeidirektion Ratzeburg hinkt im regionalen Vergleich etwas hinterher. Die Schließung kleiner Stationen ist eine Anpassung an das, was die Lebenswirklichkeit schon lange vorgibt. Wo Polizei draufstand, war schon lange nicht mehr Polizei drin. Die Kollegen wurden bereits in Konzepte integriert, mussten zu Einsatztrainings, wurden abberufen zu Streifen oder in Nachtdienste eingebunden. Sie waren nicht mehr dort, wo man sie vielleicht vermutet hatte. Die Polizisten werden nach der Umorganisation ihre Einsätze besser einschätzen können. Ein Ziel ist es, die Ansprechbarkeit für den Bürger zu verbessern. Wer eine Polizeidienststelle aufsucht oder anruft, sollte auch jemanden erreichen. Über die Bezirksdienstregelung trifft er dort ein bekanntes Gesicht. Kein Polizist soll mehr allein zu einem Einsatz gehen. Personelle Ungleichgewichte sollen minimiert werden, um positive Effekte im Hinblick auf die Arbeitsbelastung zu erzielen.

Verlangt die Flüchtlingswelle auch der Schutzpolizei im Lauenburgischen mehr Arbeit ab?

Wilksen: Wir widmen diesem Thema unsere Aufmerksamkeit. Wir haben durch die Erstaufnahmeeinrichtung in Wentorf und verschiedene kommunale Unterkünfte mehr Menschen im Kreisgebiet. Da gibt es auch Konflikte. Diese Konflikte bearbeiten wir mit den Kräften, die wir ohnehin im Einsatz haben. Damit sind wir derzeit gut ausgestattet. Trotzdem machen wir uns proaktiv Gedanken. Was würde passieren, wenn eine ähnliche Situation wie Silvester in Köln auch uns ereilen würde? Diese Überlegungen sind rein abstrakt, es gibt darauf auch keinerlei Hinweise. Diese Dimension wird es hier nicht geben.

Ist damit zu rechnen, dass Kernaufgaben liegen bleiben?

Wilksen: Das können wir für meinen Verantwortungsbereich ausschließen.

Es gab ja einige gewalttätige Auseinandersetzungen in lauenburgischen Flüchtlingsunterkünften. Waren das Einzelfälle?

Wilksen: Im Großen und Ganzen läuft das sehr friedlich ab. Vor allem im Hinblick auf die Menge der Menschen, die in den Unterkünften leben. Wir registrieren dort Körperverletzungen, Beleidigungen und auch Eigentumsdelikte, die aber nur im normalen Kriminalitätsgeschehen ein Rolle spielen und im Regeldienst bearbeitet werden.

Zum Thema innere Sicherheit: Ist der Spagat zwischen Sensibilisierung der Bürger zum Zwecke der Prävention und der Beruhigung aktuell noch schwerer?

Wilksen: Ich glaube, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland nach wie vor in einem der sichersten Staaten der Welt leben. Und ich glaube auch, dass wir eine zuverlässige und gut aufgestellte Polizei haben. Dennoch muss man feststellen, dass viele Menschen nach Europa strömen und Zuflucht suchen. Das sind in den allermeisten Fällen friedliche Menschen. Es gibt aber auch Menschen darunter, die kriminell sind. Aus meiner Sicht gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass die innere Sicherheit deshalb kippt. Schon gar keinen Grund, hysterisch zu werden. Innere Sicherheit ist nicht nur ein Thema für die Polizei. Ausländerbehörden müssen genauso wie die Polizei ihre Aufgaben erledigen. Wenn entsprechende Taten aus diesem Täterkreis erfolgen, müssen diese Menschen konsequent abgeschoben werden. Auch dieses Instrument muss zur Verfügung stehen. Und auch die Bevölkerung kann etwas dazu beitragen. Die Eigentümer können mit relativ einfachen Mitteln deutlich machen, dass ihr Haus beschützt wird. Noch wichtiger ist, dass die Polizei sofort verständigt wird, wenn etwas passiert ist. Da, wo der Bürger aufpasst und auf das Haus des verreisten Nachbarn achtet, können wir Täter fassen. Wir waren schon oft ganz nah dran. Ich möchte dazu aufrufen, bei jeder Gelegenheit die 110 zu wählen. Das ist schließlich der Polizeiruf und kein Notruf. Sind wir schnell, haben wir eine gute Chance.

Wo setzt die Präsenz- und Ermittlungsgruppe Wohnungseinbruchdiebstahl an?

Wilksen: Dafür sind täglich zwölf Polizeibeamte in sechs Fahrzeugen als so genannte Tageswohnungseinbruchstreifen unterwegs. Außerdem gehört dazu eine Präsenz- und Ermittlungsgruppe Wohnungseinbruchdiebstahl (PEG-WED), die mit 16 Kräften ausgestattet ist. Sie kümmern sich unter anderem um Spurensicherung. Die PEG-WED soll zunächst bis Ende März im Einsatz sein. Doch nach meiner aktuellen Einschätzung der Lage muss sie in Zukunft nicht nur saisonbedingt tätig sein. Allein mit Strafverfolgung werden wir den Anstieg der Wohnungseinbrüche aber nicht in den Griff bekommen. Wir sind auf die Bürger angewiesen.

Arbeitsüberlastung, milde Justiz — darüber klagten in den LN einzelne Polizisten. Was braucht die Landespolizei am dringendsten?

Wilksen: Ein ehemaliger Landespolizeidirektor hat einmal gesagt: Das Aufgabenbuch der Polizei ist übervoll. Das hat sich nicht verändert. Es ist sogar noch mehr geworden durch die Flüchtlingssituation. Sie verlangt uns weit mehr ab als unsere polizeiliche Arbeit. Es werden beispielsweise Liegenschaften akquiriert. Das bringt ein Menge Arbeit mit sich. Wir hoffen, dass andere Behörden uns diese Arbeit Stück für Stück wieder abnehmen werden. Dafür brauchen sie das entsprechende Personal. Im Einzelfall kann es sein, dass Polizeibeamte diese Situation als Belastung empfinden. Schon für dieses Jahr plant die Landespolizei jedoch zusätzliches Personal einzustellen. In drei Jahren sollen es etwa 400 Stellen sein — das sind 150 mehr, als ursprünglich geplant.

Und der Vorwurf der milden Justiz?

Wilksen: Die PD Ratzeburg pflegt zur Staatsanwaltschaft sehr guten und engen Kontakt. Fälle, bei denen der Eindruck entsteht, sie seien nicht so gut gelaufen, werden im Nachgang besprochen.

Es ist aber kein Automatismus, dass ein Täter, der vorläufig festgenommen wird, in jedem Fall in Haft geht.

Zur Person
Polizeidirektor Michael Wilksen (55) wurde im August 2015 neuer Leiter der Polizeidirektion Ratzeburg, die auch für den Kreis Stormarn zuständig ist.



Er ist damit Chef von 695 Mitarbeitern. Davon sind über die Kriminalpolizei und die Schutzpolizei 570 im operativen Einsatz tätig. Wilksen trat 1978 in Eutin in den Polizeidienst, von 2000 bis 2002 war er stellvertretender Polizeichef in Bad Oldesloe. Vor Ratzeburg war er stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Neumünster.
Ich möchte dazu aufrufen, bei jeder Gelegenheit die 110 zu wählen.“Michael Wilksen, Polizeidirektor

Interview: Florian Grombein

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