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Lauenburg Eine Mutter und der schwere Tanz zurück ins Leben
Lokales Lauenburg Eine Mutter und der schwere Tanz zurück ins Leben
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18:32 15.04.2017

22. Februar 2012: In das Gedächtnis von Luise Köppen ist dieser Aschermittwoch eingebrannt. Es war der Tag, an dem ein roter Golf in Bad Segeberg mit einem Lastwagen zusammenstieß. Der Fahrer im Golf: ihr damals 19-jähriger Sohn Ludwig. Der Drittgeborene der Familie Köppen erlitt dermaßen schlimme Verletzungen, dass von den behandelnden Ärzten niemand an sein Überleben glaubte.

Fünf Jahre nach dem Unfall steht der Tänzer steht wieder mitten im Leben: Ludwig Köppen und seine Mutter Luise. Quelle: Foto: Dorothea Baumm

„Ich habe das Buch geschrieben, weil ich der Meinung bin, dass es den guten Kampf immer lohnt!Luise Köppen,

Mutter

Das Buch

„Das Erwachen des Tänzers“: Luise Köppen, euphelia Verlag, 127 Seiten, 12 Euro – Untertitel: „Wie ich meinen Sohn aus dem Koma begleite“. ISBN: 978-3947123001

Am 23. Februar, einen Tag nach dem Unfall, dürfen Luise Köppen und ihr Mann erstmals zu ihrem Kind. „Ich bin auf den schlimmsten Anblick vorbereitet, doch zu meiner Überraschung sieht er schön aus“, schreibt Luise Köppen in ihrem Buch „Das Erwachen des Tänzers“. 127 Seiten, auf denen die Lehrerin für Biologie und Chemie nicht detailliert den Unfall und die durchaus wundersame Genesung ihres Sohnes protokolliert. Vielmehr gewährt das Buch Einblick in die Seelenlage einer Mutter, die am Bett ihres schwerst verletzten Kindes wacht. Immer wieder kommt es zu Komplikationen, mehrfach fragt sie sich, ob es nicht besser wäre, wenn ihr wunderschöner, zielstrebiger Sohn, der talentierte Leistungssportler, der so gern Tanzlehrer werden möchte, tatsächlich sterben würde.

Tatsächlich stirbt er nicht. Genau 16 Monate nach dem Unfall durfte Ludwig Köppen im Juni 2013 das Krankenhaus verlassen. Heute präsentiert er sich im Gespräch witzig, schlagfertig und sehr selbstbewusst. Die rechte Hand funktioniert nur sehr beschränkt. Sein Sehfeld ist eingeschränkt. Die Bewegungen sind nicht geschmeidig. Aber, hey – Ludwig Köppen lebt! Und er sprüht vor Lebenslust!

Der Kämpfer, der er ist, hält nichts von einem Bürojob, den Therapeuten und Ärzte für angemessen halten. „Das ist langweilig“, sagt er, und er dehnt das „a“, damit es jeder begreift – laaaangweilig.

Er will das, was er schon vor dem Unfall gegen die Vorstellungen seiner Akademiker-Eltern erkämpft hat: Tanzlehrer sein.

„Wie ich meinen Sohn aus dem Koma begleitete“: Das ist der Untertitel von Luise Köppens Buch. So leicht es sich liest, so schwer sind doch die Informationen zu verdauen. Zum Beispiel die Auflistung der Verletzungen, die ihr Kind erlitten hat. „Ihr Sohn hat linksseitig eine Unterarm-, Oberarm- und Schulterfraktur. Der linke Hauptbronchus ist von der Lunge fast vollständig abgerissen. Einige Rippen sind gebrochen. Der Schädel ist an fünf Stellen gebrochen. Es liegt ein Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades vor. Es besteht akute Lebensgefahr wegen einer Atmungsstörung. Am kritischsten ist aber, dass eine Arterie, die zum Schädel führt, durchtrennt war. Seine linke Gehirnhälfte hat 40 Minuten lang keinen Sauerstoff bekommen.“

Während der Arzt dem Ehepaar noch erklärt, ein Aufwachen „ist mit einer derartigen Verletzung höchst unwahrscheinlich“, läuft die geschockte Mutter auf Autopilot. „Was ist mit der Wirbelsäule?“, hört sie sich selbst fragen. Und da die bis auf ein paar abgebrochene Dornfortsätze unversehrt ist, denkt die Biologielehrerin: „Gut – dann ist alles möglich.“

Wie lebt es sich mit einem Kind, das im Koma liegt? Wie lebt es sich, wenn die Ärzte dem Kind keine Chance einräumen? Mit Dir über Organentnahme sprechen wollen? Wie hält eine Mutter es mit sich selbst aus, wenn sie denkt, es wäre besser, wenn das Kind stürbe? Luise Köppen ist durch die Hölle gegangen. Und sie hat es ausgehalten.

Luise Köppen ist Katholikin. Sie hat Halt in ihrem Glauben gefunden. Sie konnte aus voller Überzeugung sagen: „Alles wird gut!“, denn „im Grunde stimmt dieser Satz immer, und er passt auch zu jeder Gelegenheit“. Die Ratzeburgerin hat es ausgehalten, als eine Freundin eine Gedankenreise mit dem Komapatienten unternahm – und ihr anschließend sagte, er werde sich „richtig entscheiden“.

Da hat eine Mutter monatelang um das Überleben ihres Sohnes gekämpft. Sie ist den einzigen Weg gegangen, der für sie gangbar war, der sie bei Verstand gehalten hat: den wissenschaftlichen. Sie hat sich mit Neuronen auseinandergesetzt, hat alles daran gesetzt, zu Ludwigs Verstand vorzudringen. „Mein Ziel ist es, bei Ludwig alles, was noch irgendwie im Gehirn vorhanden und brauchbar ist, zu sortieren und eine Lerndynamik durch wiederkehrende Reize in Gang zu setzen.“ Unermüdlich trainiert sie – Monate, ohne zu wissen, ob sie irgendetwas erreicht.

Als sie tatsächlich etwas erreicht und vor Freude laut rufend die Ärzte alarmiert, wird deutlich gemacht, dass man sie für hysterisch hält. Aber sie bleibt beharrlich. Ein Mal in den 16 Monaten, in denen sie um ihren Sohn kämpft, zweifelt sie allerdings selbst an ihrem Verstand. Ludwigs Leben steht – wieder einmal – auf der Kippe. Am 12. April – noch ein Datum, das Luise Köppen nie vergessen wird – kommt ein Anruf. Ludwigs Pupillen stehen. Nun ist es soweit: Er stirbt. Und dann hat die nüchtern denkende Wissenschaftlerin dieses Erlebnis, das sie kaum erzählen mag. „In die ganze Situation um Ludwigs Ableben wurde wortwörtlich Licht gebracht. Es fühlte sich so an, als ob sich über uns der Himmel wölbte.“ Für Luise Köppen war das „eine Offenbarung“. Sie sagt Ludwig „ich möchte, dass Du jetzt ganze Sache machst. Geh oder bleib! Wenn Du wiederkommen willst, dann bitte vollständig. Ich bleibe bei meinem Versprechen, dass ich alles für Dich tun werde, bis Du wieder fit bist. Auch wenn es mein ganzes Leben dauert.“ Darauf, so erzählt sie, habe sie „eine ganz eindeutige“ Antwort erhalten, nämlich: „Ich brauche nicht Dein ganzes Leben.“

Wer Mutter und Sohn heute miteinander erlebt, kann sich das Ausmaß des Schreckens kaum ausmalen. Dieser bald zwei Meter lange Kerl, der so ausgelassen lacht und so selbstbewusst über die Einschränkungen redet, mit denen er noch immer kämpft – der ist dem Tod von der Schippe gesprungen?

Luise Köppen ist klar, dass sie und ihre Familie ein Wunder erlebt haben. „Ich möchte mit meiner Geschichte Mut machen. Und ich zeige jedem Betroffenen gern, welchen Weg ich für Ludwig gewählt habe“, sagt sie. Der dankt ihr ihren Kampfgeist und Ideenreichtum auf jeden Fall. Mit heute 24 Jahren, nur noch einem Lungenflügel und nur einer Gehirnhälfte, ist er auf dem Weg, seine Ausbildung zum Assistenztanzlehrer abzuschließen. Einer, der zurück ins Leben tanzt. Schöner geht es nicht.

Dorothea Baumm

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