Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lauenburg Eine Stadt schreibt Geschichte(n)
Lokales Lauenburg Eine Stadt schreibt Geschichte(n)
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 05.04.2017
Till Eulenspiegel alias Mario Schäfer (Foto) schnuppert Höhenluft: Um etwas mehr Licht in die herbstliche Düsternis zu bringen, bringt er am Weihnachtsbaum in 15 Meter Höhe den goldenen Stern an. Quelle: Neelsen
Anzeige
Mölln

Verschlafen liegt er da, der Marktplatz in der Kleinstadt im Herzogtum Lauenburg. Plötzlich ist ein Klingeln zu hören. Till Eulenspiegel mit seinen Glöckchen an den gebogenen Schuhen schlendert über das Kopfsteinpflaster. Der Narr ist berühmt in Mölln. Um den Schalk ranken sich viele Geschichten. Doch Mölln hat weit mehr zu erzählen als nur Anekdoten des frechen Helden, der 1350 in Mölln gestorben und auf dem Kirchplatz begraben sein soll. Mit Mario Schäfer (50) als Eulenspiegel und Stadtarchivar Christian Lopau (52) geht’s auf eine Zeitreise.

Versunkene Kirchen und berühmte Bürger

Eine Sage vom mystischen Toteisloch wird sich am Rande der Stadt im ehemaligen Wildpark erzählt. In dem grundlosen Kolk, einem wohl sehr tiefen See, soll eine kleine Kirche versunken sein. „Der Sage nach hört man immer noch das Läuten der Glocken“, betont Lopau.
Wieder zurück im Möllner Zentrum: An der Hauswand der Ratsapotheke mit dem imposanten Eingangsportal hängt nur noch ein Bild einer wichtigen Persönlichkeit der Stadt. Der Arzt Samuel Christian Friedrich Hahnemann, der als Begründer der Homöopathie gilt, ließ sich im Jahre 1800 in Mölln nieder, taufte seine Tochter in St. Nikolai und entwickelte als Apotheker seine Heilkunde weiter. „Er hat hier ein munteres Leben geführt“, erzählt Lopau. Die Apotheke wird auch im 16. Jahrhundert publizierten Weltbestseller „Dyl Ulenspiegel“ erwähnt.

In der um 1250 fertiggestellten Nicolai-Kirche ist ein weiterer Name sehr präsent. Der Kirchemusiker Johann Gottfried Müthel, der am 17. Januar 1728 in Mölln getauft wurde, war einer der letzten Schüler von Johann Sebastian Bach. 1753 siedelte er sich in Riga an und erlangte als Kapellmeister, Organist und Komponist Weltruhm. Müthel verstarb 1788 in Riga. Bis heute ist jedoch die Grabplatte seiner in Mölln verstorbenen Eltern im Chorraum der Nicolaikirche zu sehen. „Hier ist die Platte“, sagt Lopau und hebt den roten Teppich am Boden an.

Ein gefälschter Grabstein sorgt für den „Renner“

Spätestens vor der Kirche rückt der Mythos um den Rebell Till Eulenspiegel aber wieder in den Mittelpunkt. Ein Grabstein hinter einer schwarzen Gittertür erinnert an den Narren. „Laut der Inschrift soll er nach seinem Tod 1350 aufgestellt worden sein“, berichtet der Stadtexperte und erzählt die wahre Geschichte: Wissenschaftler fanden auf der Rückseite des Steins mysteriöse religiöse Darstellungen. „Man nimmt an, dass er schon vorher als Gedenkstein aufgestellt und genutzt worden war.“ Als das Eulenspiegel-Buch zwei Jahrhunderte später Berühmtheit erlangte, handelten die Möllner schnell, funktionierten den Gedenkstein in Tills Grabstein, der angeblich nach seinem Tod aufgestellt worden sei, um. „Das war der Renner“, weiß der Archivar.

Etwa drei Meter entfernt von der Gedenkstätte ist Till Eulenspiegel unter einer Linde begraben – allerdings stehend. „Beim Hinunterlassen des Sargs ist leider ein Seil gerissen, so dass er stehend beerdigt wurde“, schmunzelt Lopau. Bis heute ist es Brauch, eine Münze in die Rinde des Baums zu stecken und drei Mal gegen den Uhrzeigersinn um die Linde zu laufen. Dann soll das Geld nie ausgehen.

Der Ehren-Eulenspiegel und eine Komödie für die Festspiele

Glück soll es auch bringen, wenn die Gäste am Daumen des Möllner Wahrzeichens, das auf einem Brunnen hockt, reiben. Die Eulenspiegel-Statue auf dem Marktplatz lenkt allerdings ein wenig vom Abbild eines Möllner Ehrenbürgers ab, das neben der Statue an der Wand angebracht ist. Nobelpreisträger Bernard Shaw wurde 1952 zum Ehrenbürger ernannt, obwohl er zu Mölln keinerlei Bezug hatte. Zum 600. Todesjahr des Eulenspiegel 1950 wollten die Möllner im Rahmen der ersten Festspiele zu Ehren des Helden unbedingt auch einen Ehren-Eulenspiegel ernennen und suchten sich den scharfsinnigen Dramatiker Shaw aus. Er hatte zwar noch nie von Till Eulenspiegel gehört, willigte jedoch schließlich per Postkarte ein.

Bei den Festspielen auf dem Marktplatz wurden ebenfalls viele Anekdoten in Theaterstücken inszeniert. Seit 1997 finden die Festspiele wieder statt. Auch 2015 wird am Originalschauplatz eine Tribüne mit 700 Sitzplätzen aufgebaut. Für das Event wird extra eine Komödie geschrieben, die zurzeit in der Entwicklung ist. Dann wird Mölln wieder eine neue Geschichte schreiben...

Sie wollen auch auf den Spuren von Till Eulenspiegel wandeln? Immer sonnabends um 14.30 Uhr finden öffentliche Stadtführungen statt.

Von Beke Zill

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige