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Lauenburg „Eine absolute Notwendigkeit und gesellschaftlich anerkannt“
Lokales Lauenburg „Eine absolute Notwendigkeit und gesellschaftlich anerkannt“
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21:10 28.05.2015
Das Ratzeburger Sozialkaufhaus, Töpferstraße, feiert zehnjähriges Bestehen, war 2005 das erste seiner Art im Kreis. Mittlerweile gibt es noch drei weitere in Lauenburg, Mölln und Geesthacht. Die Mitarbeiterinnen Kerstin Isik (l.) und Sabine Dräger rücken die Einrichtung zurecht. Quelle: Fotos: Unk
Ratzeburg

„Damals, 2005, beschäftigten wir uns noch mit der Frage, ob es in unserer reichen Gesellschaft überhaupt nötig sei, ein Sozialkaufhaus einzurichten. Heute muss ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge sagen: Ja, es ist traurig, dass es notwendig ist. Allerdings hat es sich auch so etabliert und ist gesellschaftlich anerkannt, dass es gar nicht mehr wegzudenken ist“, zieht Bodo Krüger, Projektleiter Sozialkaufhaus bei der Awo Bildung und Arbeit, ein Fazit nach zehn Jahren.

Die gemeinnützige Gesellschaft Awo ist gemeinsam mit dem Jobcenter der Agentur für Arbeit Trägerin der vier Sozialkaufhäuser im Kreis: in Ratzeburg, Lauenburg, Mölln und Geesthacht. Aktuell sind in Ratzeburg 14, in allen vier Häusern insgesamt 50 AGH-ler beschäftigt: Langzeitarbeitslose mit einer Arbeitsgelegenheit, um sich dadurch wieder in den ersten Arbeitsmarkt integrieren zu können. Im Volksmund auch als „Ein-Euro-Jobber“ bekannt, da die Mehraufwandsentschädigung (MAE) 1,05 Euro pro Stunde beträgt. Gesetzlich erlaubt sind täglich bis zu sechs, wöchentlich bis zu 30 Stunden — um genügend Zeit zu haben, sich um eine reguläre Beschäftigung zu bewerben.

Tätig sind sie in drei Bereichen: Im Verkauf und in der Imbiss-Küche sind überwiegend Frauen tätig, im Büro (Logistik) und im Fahrdienst eher männliche Mitarbeiter. Der Anteil von Frauen und Männern insgesamt bei den kreisweit 50 AGH-lern ist relativ ausgeglichen.

„Die Schulung für den Wiedereintritt ins Berufsleben und die Vermittlung zu einem Arbeitgeber ist auch der originäre Auftrag eines Sozialkaufhauses“, erklärt Krüger. Dazu kommen zwei weitere „Fliegen, die wir mit der einen Klappe schlagen: die Versorgung von Kunden mit günstigen Möbeln, Einrichtungsgegenständen oder Bekleidung sowie der ökologische Gedanke. Dass nämlich gut erhaltene Produkte nicht in den Müll wandern, sondern sinnvoll einen neuen Sinn und Zweck erhalten“.

Drei Gruppen von Menschen sollen dabei zufrieden gestellt werden: die Mitarbeiter des Sozialkaufhauses, die Kunden sowie die Spender der Waren und Gegenstände. „Wenn alles klappt, ist das Sozialkaufhaus ein Selbstgänger“, sagt Krüger.

Doch da gibt es einige Stressfaktoren — vor allem für den jeweiligen Betriebsleiter des Kaufhauses. In Ratzeburg ist dies Kurt Rodewald. Der 63-Jährige leitet seit 2012 „hauptamtlich“ (also nicht als AGH-ler) das Ratzeburger Haus in der Töpferstraße 6 und war früher bei Karstadt beschäftigt, erst in Lübeck, danach 28 Jahre als Abteilungsleiter in Idar-Oberstein in der Pfalz — mit Ausbildereignungsschein.

Es seien hier schon besondere Herausforderungen zu meistern, erklärt er. Denn seine Beschäftigten kommen „querbeet aus allen Schichten und Berufsfeldern“, die meisten auch älteren Jahrgangs. Viele bräuchten entsprechende Anleitungen für den neuen Job — oft ein völlig anderes Berufsbild als das einstmals erlernte -, das Kundengespräch im Service oder im Umgang der Kollegen untereinander. Auch die hohe Fluktuation bringt ein eingespieltes Team immer wieder durcheinander.

Doch der Erfolg der Maßnahme ist erkennbar: „Wir haben im Schnitt immer drei bis vier Personen in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Diese Zahl liegt sogar über dem Bundesdurchschnitt“, sagt Rodewald nicht ohne Stolz.

Auch bei den Kunden ist das Sozialkaufhaus ein durchschlagender Erfolg. Zwischen 50 und 100 Besucher und Käufer zählen die Verantwortlichen täglich. „Allerdings merkt man deutlich, wann es Geld von den Ämtern oder Arbeitgebern gegeben hat. Dann ist es hier oft rappelvoll.“

Wahrscheinlich wäre der Andrang noch größer, wenn die Käuferschaft nicht eingegrenzt würde. Denn hier einkaufen darf nur, wer einen entsprechenden Berechtigungsschein vom Arbeits- oder Sozialamt vorweisen kann. „Seit zwei Jahren kommen auch immer mehr Kontingentflüchtlinge zu uns, also anerkannte Asylbewerber und damit SGB-II-Bezieher“, berichtet Krüger. Um diesen den ersten Besuch zu erleichtern, erhalten alle Asylbewerber zur Begrüßung einen Geschenkgutschein über 15 Euro. „Den bekommen unsere Mitarbeiter am Anfang allerdings ebenfalls, damit sich niemand benachteiligt fühlt“, erklärt Rodewald.

„Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander.“
Bodo Krüger, Projektleiter von Awo Bildung und Arbeit

Joachim Strunk

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