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Lauenburg Eltern erkennen Gefahren im Internet nicht
Lokales Lauenburg Eltern erkennen Gefahren im Internet nicht
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09:22 03.11.2018
Im Möllner BBZ hat der Offene Kanal Kiel Eltern im Umgang mit modernen Medien geschult. Dabei durften sie auch eine Virtual-Reality-Brille ausprobieren.  Quelle: Grombein
Mölln

In den vergangenen Jahren wurde der Ruf nach mehr Medienkompetenz für Kinder-und Jugendliche immer lauter. Damit auch Eltern nicht den Anschluss verlieren, hat ein Möllner Netzwerk aus Pädagogen am Berufsbildungszentrum am Donnerstag den „Web Treff“ veranstaltet. Themen wie In-App-Käufe, Snapchat oder jugendgefährdende Inhalte sorgten für positive und negative Schlüsselmomente.

„Es herrscht häufig Unwissenheit bei Eltern, weil ihnen das Interesse fehlt, sich die Apps ihrer Kinder anzusehen“, sagt Johannes Karstens, Medienexperte vom Offenen Kanal in Kiel. Unterrichtseinheiten in der Schule, die dem Nachwuchs einen Verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten, seriösen Informationsquellen oder Computerviren zeigen, gibt es bereits.

Medienkonsum einschränken

Wenn Kinderverantwortungsvollen Umgang mit Medien lernen sollen, müssen sich Eltern laut Initiative „Schau Hin!“ des Bundesfamilienministeriums nicht nur mit den Inhalten im Netz auskennen. Medienkompetenz bedeute auch zu erkennen, wann es Zeit für eine Spiel- oder Filmpause ist und dass eine zu lange Medienzeit für das eigene Wohlbefinden schädlich sein kann. Besser als strikte Verbote seien klare Regeln und vor allem das Gespräch mit den Kindern über ihre Medienaktivitäten. Folgende Empfehlungen werden gemacht: Kinder bis fünf Jahre: bis eine halbe Stunde am Stück. Sechs bis neun Jahre: bis zu einer Stunde am Stück. Ab zehn Jahre: wöchentliches Kontingent zur freien Einteilung. (10 Stunden/Woche). Für noch ältere Kinder ab zehn Jahren kann folgende Faustregel eine Orientierung bieten: zehn Minuten Medienzeit pro Lebensjahr am Tag oder eine Stunde pro Lebensjahr in der Woche. Quelle: www.schau-hin.info

Eltern verstehen Welt der Kinder nicht

Doch die Digital-Natives, die mit Internet und Smartphones aufwachsen, kennen sich heute besser aus, als ihre Eltern. Andere Väter und Mütter wiederum gewöhnten sich an den Luxus moderner Kommunikation wie etwa dem Messenger Whatsapp, der auf über 90 Prozent aller Geräte installiert sei. „Wenn wir Eltern empfehlen, den eigenen Gebrauch des Smartphones zu reduzieren, kommt oft die Frage: Und wie soll ich dann mein Kind noch erreichen?“

WHO erkennt Video-Spielsucht als Krankheit an

Risiken gäbe es etwa in Bezug auf den Datenschutz oder das Recht am eigenen Bild. Hier werde oft bedenkenlos fotografiert und verschickt. Die Nutzung der Geräte wie Smartphones oder Spielekonsolen müsste reglementiert und eingeschränkt werden, weil es sonst sehr schnell zu einer exzessiven Nutzung komme. „Die WHO hat in diesem Jahr erstmals Video-Spielsucht unter dem Begriff ,Gaming Disorder’ in den Katalog der Krankheiten aufgenommen“, berichtet Karstens. Im Veranstaltungssaal des BBZ lösen seinen Erläuterungen an der Leinwand immer wieder Ausrufe des Erstaunens aus.

Beim „Web Treff“ in Mölln hat der Medienexperte Johannes Karstens vom Offenen Kanal in Kiel Eltern die virtuelle Welt der Kinder und Jugendlichen nähergebracht.

Jugendliche werden im Netz zu Stars

Häufig ist es auch eine Mischung aus Belustigung und Schrecken, die der Einblick in die schrille Youtube-Welt ihrer Kinder auslöst. In Mölln hörten die Erwachsenen auch, dass die Idole ihrer Töchter und Söhne heute die so genannten Influencer sind. Jugendliche werden auf Youtube selbst zu Stars, weil sie ihren Alltag filmen und am Ende als Werbeträger oder bezahlt über die Zahl der Videoaufrufe damit sogar reich werden. So verfolgten die Rund 30 Erwachsenen in Mölln mit Interesse so genannte „Let’s Plays“. Videos bei Youtube oder Streams bei Twitch, die einen Jugendlichen etwa beim spielen und kommentieren des Ballerspiels „Fortnite“ zeigen, das derzeit der Hit der jungen Generation ist.

Keine Prüfstelle für Online-Spiele

Sie erfahren, dass es für Online-Spiele keine Altersfreigabe durch die Prüfstelle USK gibt, weil diese nur Spiele auf Datenträgern prüfe. Auch lernen sie, dass so genannte In-App-Käufe Eltern viele tausend Euro an Kosten verursacht haben, weil Ihr Nachwuchs für virtuelle Kostüme, Waffen oder Edelsteine mit ihrer Kreditkarte bezahlt hat. Diversen Eltern war nicht bewusst, dass die im Handel zu kaufenden Spielekarten der Online-Shops von Google, Apple oder die Prepaid-Zahlungssysteme wie Paysafe für derartige Anschaffungen genutzt werden.

Social Media erzeugt Zwänge

Etwa bei Snapchat zeige ein Symbol wie „Feuer und Flamme“ an, wie viele Tage in Folge Chatfreunde Kontakt hatten, berichtet der Medienexperte aus Kiel. Auf diesen Beziehungsstatus sind viele Jugendliche stolz. Ein Tag Pause führt zum Erlöschen der Flamme – und häufig zu hysterischen Anfällen. „Ich sehe da ein hohes Gefahrenpotenzial. Das könnte dazu führen, dass Kinder in schwere Krisen geraten“, kommentiert es die Mitarbeiterin einer Kindertagesstätte im Saal. „Das ist beängstigend. Durch diese Apps entsteht ein Zwang“, sagte auch Klaus Bunk aus Mölln, Vater einer Zehnjährigen. Er hat seiner Tochter das Smartphone geschenkt und kann beim Vortrag an vielen Stellen nur den Kopf schütteln. Als Karstens berichtet, wie Anzahl der Follower und die verbrachte Zeit im Chats mittlerweile als eine Status-Symbol der Kids gelten, verstehen einige Eltern im Saal plötzlich, warum ihre Kinder auch im Urlaub immer und überall WLan verlangen.

Gefährliche Freizügigkeit beim Sexting

Bei Snapchat, so lernen die Eltern, werden Selfies verschickt, die nur zehn Sekunden beim Empfänger sichtbar bleiben. „So ist unter anderem das Sexting erstanden“, erklärt Karstens. Freizügige oder sogar Nacktfotos werden an Freunde verschickt. Doch etwa mit einem schnellen Screenshot können die Empfänger das Bild bannen und im Zuge von Cybermobbing auch verschicken. Karstens hat am Ende zwei wichtige Tipps: Eltern müssen sich für die Apps und Spiele ihrer Kinder interessieren – Ihnen über die schulter gucken und selbst einmal mitspielen. Außerdem muss der Medienkonsum reglementiert werden. Karstens: „Und hinterfragen Sie, wie viel sie selbst am Smartphone verbringen anstatt mit ihren Kindern persönlich zu sprechen.“ Einen Tipp gibt Karstens wenn er zu Kindern und Jugendlichen in die Schule geht immer: Veröffentlicht nur das, was ihr öffentlich in eurem Klassenraum zeigen würdet.“

Wollen auch Sie, dass der „Web Treff“ zu ihnen kommt? Kontakt gibt es beim Koordinationsbüro Medienkompetenz des OKSH, Katharina Coordes, Coordes@oksh.de, Telefon 04 31/640 04 15 täglich von 10-14 Uhr.

Florian Grombein

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