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„Etwas, das gefunden werden muss“

LN-INTERVIEW: Dr. William Boehart zum neuen Hype um das Thema Heimat „Etwas, das gefunden werden muss“

Der Begriff Heimat erfreut sich einer Renaissance. Vor allem die Politik will eine neue Sehnsucht nach etwas, was ein Gefühl von Erdung ausdrückt, erkannt haben. Im Lauenburgischen gibt es schon lange den Heimat- und Geschichtsverein. Die LN sprachen mit dem Vorstandsmitglied William Boehart – einem Mann mit mehr als einer Heimat.

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William Boehart befasst sich als Historiker auch viel mit dem Thema Heimat in der Region.

Quelle: Fotos: Wiemer/biller (6)

Mölln. LN: Herr Boehart, Heimat ist ja auf dem besten Wege, zum politischen Kampfbegriff zu werden. Heimatschutz, Heimatminister, Leitkultur . . .

LN-Bild

Der Begriff Heimat erfreut sich einer Renaissance. Vor allem die Politik will eine neue Sehnsucht nach etwas, was ein Gefühl von Erdung ausdrückt, erkannt haben. Im Lauenburgischen gibt es schon lange den Heimat- und Geschichtsverein. Die LN sprachen mit dem Vorstandsmitglied William Boehart – einem Mann mit mehr als einer Heimat.

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Der Mann mit der alten und der neuen Heimat

William Boehart (69), geboren in Woodstock/Illinois/USA, kam nach der Studienzeit nach Deutschland, promovierte in Hamburg über Gotthold Ephraim Lessing. Seit 1977 ist er mit Claudia Preuß-Boehart verheiratet. Der Historiker beschäftigte sich unter anderem als Archivar von Schwarzenbek, Geesthacht und Lauenburg und im Heimat- und Geschichtsverein lange mit der Kulturgeschichte der Region.

William Boehart: Also ursprünglich war in Deutschland Heimat ein Rechtsstatus: Wer Anspruch auf eine Form von staatlicher Unterstützung geltend machen wollte, musste eine Heimat nachweisen, das war so etwa Ende des 19. Jahrhunderts. Heimatrecht. So sind nach und nach die Heimat- und Geschichtsvereine entstanden.

Wie wichtig ist Heimat als identitätsstiftendes Element?

Ich kann nur für mich sagen: Jeder Mensch braucht irgendwie Halt, verlässliche Strukturen. Aber ist Heimat notwendig? Nach 30 Jahren USA und 40 Jahren Deutschland kann ich sagen: Für mich hat der Begriff Heimat seine Bedeutung als geografischer Fixpunkt verloren.

Wenn es nicht örtlich ist, was ist denn für Sie Heimat?

Eine Geisteshaltung. Dass man sich wohlfühlt, dass man Ich ist. Das hat mit einem Ort nichts zu tun. Es ist der Ort, wo ich mit Menschen zusammen bin, die ich liebe. Meine Frau zum Beispiel. Mit ihr hätte ich auch ein Heimatgefühl in Grönland oder Australien. Heimat ist nicht gegeben, es muss gefunden werden. Das kann auch eine Arbeitsstelle sein. In den Staaten hatte ich als junger Mensch sehr früh das Gefühl, dass ich dort raus muss, weg. Es war nicht mein Ort, all das überbetont patriotischen Gehabe. Ich habe aber nie eine emotionale Bindung zu einem Land gehabt.

Wie professionell kann man mit dem Begriff Heimat umgehen?

Ich habe seit 30 Jahren als Historiker im Kreisgebiet sehr viel damit zu tun gehabt.Wichtig ist, sich mit der unmittelbaren Geschichte zu befassen. Sonst kann man das Gegenwärtige nicht verstehen, keine richtigen Entscheidungen treffen.

Spielt da nicht auch eine gewisse Emotionalisierung eine Rolle?

In Deutschland wurde der Begriff Heimat diskreditiert durch den Nationalsozialismus – die Blut- und-Boden-Theorie etwa. In den 50er und 60er Jahren standen auch unsere Heimat- und Geschichtsvereine für eher rechts ausgerichtete Traditionspflege.

Haben die Vertriebenenverbände dazu beigetragen, dass eine neutrale Auffassung des Heimatgedankens durch einen unterschwelligen Revanchismusverdacht erschwert wurde?

Bis vor kurzem noch wurde Heimat mit etwas rückwärts Gewandtem in Verbindung gebracht. Das hat sich gewandelt, auch mit Erstarken der Ökologiebewegung. In der Zeit hat sich auch unserer Heimat- und Geschichtsverein gewandelt. Man sagte plötzlich: Heimat wird jetzt positiver besetzt. Der Begriff wurde weiter gefasst. Heimat darf nicht nur das Unkritische umfassen. Der kritische Geist muss zur Beurteilung der Dinge dabei sein.

Hat diese Heimat-Konjunktur auch etwas mit der stärker werden Auswirkung der Globalisierung zu tun?

Ja. Ich denke schon. Das ist ein Reflex darauf.

Globalisierung scheint uns die Heimat ein bisschen wegzunehmen?

Ja, es bedroht sie. Weltbürger möchte man gerne sein. Aber das heißt nicht, die eigene Identität aufzugeben. Ich war neulich in Sterley im Dorfcafé – einer Kette. Da dachte ich mir: Das ist also ein Dorfladen. Hm, was ist vom Dorf in diesem Laden? Nichts. Die Backwaren kommen von irgendwoher, die Einrichtung auch. So hat gewissermaßen die Globalisierung uns in den Dörfern erreicht. Ein Prinzip des Kapitalismus. So kann man sagen, dass der globale Kapitalismus uns in allen Bereichen überrollt. Bis hin zum Kaffeetrinken in Sterley. Also hat Heimat auch etwas mit Ökonomie und Ökologie zu tun. Warum muss ein Joghurt aus Italien kommen? Der dann auch noch billiger ist als die Ware von der Kuh auf der Weide nebenan. Die dann aber teurer ist.

Bewirkt der Heimatverlust der Einen (Flüchtlinge) die Angst vor dem Heimatverlust bei den Anderen (Mitteleuropäer)?

Unterschwellig ist das so. Nicht nur hier in Deutschland. Diese subjektive Angst entsteht durch die allgemeine Unsicherheit, die durch Ereignisse – Terror –, aber auch politisch geschürt wird.

Auch in den USA, etwa die Angst vor Mexikanern in Minnesota. Da gibt es gar keine Mexikaner. Aber die Angst vor ihnen gibt es. Die Realität spielt da eine untergeordnete Rolle, das subjektive Empfinden reicht, etwa auch für den Stimmenzuwachs einer AfD hier oder für einen Präsidenten Trump in den USA.

Wie gefährlich ist es, den Heimatbegriff zu missbrauchen?

So gefährlich wie alle Begriffe zu missbrauchen und zu instrumentalisieren. Alles, was nur vordergründig betrachtet wird, ist eher reflexhaft und kann dazu dienen, bestimmten Interessen zu dienen. Damit verbunden ist auch eine Haltung: Wer in Not ist, kann gerne kommen, soll aber so werden wir wir. Das hat wohl auch mit unser abendländischen Auffassung zu tun, dass die Europäer sich von jeher als die Herrscher der Welt empfanden. Das ist heute so wohl nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Was machen Politiker gerade falsch in der Heimatdebatte?

Politiker versuchen immer wieder, für sich den Begriff zu instrumentalisieren. Bis hin zu einer in Kluften zur Schau gestellten vermeintlichen Heimatverbundenheit. Heute kommen die Aufforderungen, etwa deutsche Werte offensiv zu vertreten, hauptsächlich aus dem rechten Parteienspektrum. Fest steht: Durch so eine Haltung kommt man nicht ins Gespräch.

Fazit aus allem?

Tja, Heimat darf kein geschlossener Begriff sein. Es muss schon in der Vergangenheit, kann auch geografisch verankert sein, und eine gewisse Überheblichkeit dürfte nicht dazu gehören. Ich sage immer: Die beste Definition der Aufklärung ist das Gespräch unter Freunden. Dazu braucht es auch einen weit gefassten Begriff von Heimat.

Interview: Matthias Wiemer

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