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Lauenburg Experte: „Jeder Punkt in der Altstadt bleibt mit dem Auto erreichbar“
Lokales Lauenburg Experte: „Jeder Punkt in der Altstadt bleibt mit dem Auto erreichbar“
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20:03 05.04.2014
Mölln

Lübecker Nachrichten: Herr Gwiasda, Sie haben vor eineinhalb Jahren mit zwei Arbeitsgruppen am Möllner Verkehrskonzept gearbeitet. Jetzt will die Stadt wahrscheinlich als erste in Schleswig-Holstein ihre Hauptverkehrsstraße durch die Innenstadt auf Tempo 10 reduzieren. Liegt das nicht schon jenseits der Fahrbarkeit eines normalen Autos oder Busses?

Peter Gwiasda.

Peter Gwiasda: Regelungen dieser Art gibt es in vielen Städten. Meistens als „Verkehrsberuhigter Bereich“ mit Schrittgeschwindigkeit, was faktisch auch 5 bis 10 km/h bedeutet. Der Straßencharakter in der Möllner Altstadt lässt diese Regelung aus rechtlichen Gründen nicht zu. Im benachbarten Ausland gibt es sogenannte Begegnungszonen, wo faktisch auch Schritt gefahren wird. Diese Regelung gibt es in unserer StVO leider nicht.. Daher hat sich die Arbeitsgruppe zum klimafreundlichen Verkehrskonzept für die etwas ungewöhnliche Reglung mit Tempo 10 entschieden. Damit ist dies eine Regelung, die in zahlreichen Innenstädten und Altstädten im In- und Ausland seit Jahren funktioniert und eben nur anders heißt.

LN: Seit Jahren ist die Durchgangsstraße durch die Möllner Innenstadt auf Tempo 20 limitiert. Anfangs hat die Polizei noch kontrolliert, jetzt kaum noch. Viele Autofahrer und auch Busfahrer „passen“ mittlerweile ihr Tempo individuell den Gegebenheiten an, das heißt: sie fahren zwischen 30 und 60 km/h, um eine Grün-Ampelphase zu erwischen, auch schon mal deutlich darüber.

Gwiasda: Übertretungen sprechen ja nicht gegen eine Regelung, sonst könnte man ja jede Reglung in Frage stellen. Außerdem ist es ja der erste Schritt — weitere Maßnahmen werden folgen. Tempo 10 ist eine klarere Ansage an die Kfz-Lenker, dass die Altstadt primär den Fußgängern gehören soll. Das soll auch einen Denkprozess in Gang setzen. Da die meisten Durchfahrer der Altstadt Möllner sind, sollte das auch möglich sein. Vielleicht sollte man die Vorteile der Tempo 10 Regelung nochmals darstellen:

mehr Verkehrssicherheit: Schwere Unfälle — gerade mit Radfahrern und Fußgängern — sind nahezu ausgeschlossen;

mehr Lebensqualität: Die Hauptstraße ist überall überquerbar.

weniger Durchgangsverkehr: Ein Teil der Durchfahrer von der Umgehungsstraße wählt eine andere Ausfahrt.

weniger Lärm: Geschwindigkeitsreduzierung ist die beste Möglichkeit, den Lärm zu reduzieren. Die Reduzierung der Verkehrsmenge ist weniger effektiv.

LN: Busse drängen sich durch die Altstadt, so dass in einigen Bereichen der Gegenverkehr auf den Gehweg ausweichen muss. Steht das nicht Ihrem Konzept zuwider?

Gwiasda: Wir wollten die Busse bewusst nicht aus der Altstadt verdrängen. Sie soll ja für alle erreichbar bleiben. Eine Altstadt kann man nie so gestalten, dass sich überall große Fahrzeuge begegnen können. Wichtig ist aber, dass Engstellen erkennbar sind und Fahrzeuge nicht die Fußgängerbereiche mit nutzen.

LN: Sie haben anfangs auch vom Einsatz von E-Fahrzeugen gesprochen, um zu einer besseren Klimabilanz zu gelangen. Wie sollte das in einer kleinen Stadt wie Mölln umgesetzt werden?

Gwiasda: Was die Elektromobilität angeht, kann eine kleine Stadt wie Mölln nicht gegen den Strom schwimmen. Elektromobilität auf zwei Rädern (Pedelecs und E-Bikes) gibt es ja schon, auch in Mölln. Die Elektromobilität auf vier Rädern entwickelt sich in ganz Deutschland nur sehr langsam. Eine Kommune kann hier durchaus Angebote unterstützen.

LN: Sie sagen, es müsse sich in Mölln um eine Durchfahrtsperrung, nicht um eine Sperrung der Innenstadt handeln. Wo ist der Unterschied in der Praxis?

Gwiasda: Der Unterschied ist, das nur eine Zufahrt (von Süden) gesperrt ist. Von einer Seite (Norden) aus ist jeder Punkt und jede Garage erreichbar, auch nachts während der Durchfahrtsperre.

Sowohl von Norden als auch von Süden sollen die Parkplätze am Kurhaus erreichbar sein. Dass Anwohner und ihre Besucher mit dem Pkw auch während der Nacht- sperrung zufahren können, ist ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes.

LN: Die jetzt von der Verwaltung in die Umsetzung gegebenen Pläne zu Tempo 10 und für eine nächtliche Durchfahrtssperre haben viel Ablehnung erzeugt. Was sagen Sie Kritikern?

Gwiasda: Einmal ist es natürlich komisch, weil das Verkehrskonzept nicht nur in Arbeitsgruppen unter Einschluss der Interessenvertreter und der Politik diskutiert wurde, sondern auch auf der Bürgerversammlung vorgestellt und diskutiert wurde. Da wurde also niemand wirklich überrascht. Um jeden negativen Einfluss auf den Einzelhandel auszuschließen, wurde auf eine Sperrung am Sonnabend oder am frühen Abend verzichtet. Was die Bewohner angeht, so habe ich die Vermutung, dass mancher glaubt, er wird Abends aus der Altstadt ausgesperrt oder in sie eingesperrt. Aber durch die einseitige Sperrung bleibt ja jeder Ort mit dem Auto erreichbar. Insgesamt soll der Aufenthalt in der Innenstadt angenehmer werden. Sowohl nachts, weil man ruhiger schläft als auch tagsüber, wo man sich weniger durch Autos gehetzt fühlt. Ich als Auswärtiger kann nur dafür plädieren, die Chance für die schöne Möllner Altstadt zu nutzen.

Zur Person
Peter Gwiasda studierte
Geographie an der Universität Bonn.

Er ist Gründungsmitglied der Planungsbüro VIAeG, Vorsitzender des Aufsichtsrates und seit 1987 schwerpunktmäßig in den Fachbereichen Verkehrsentwicklungs- und Radverkehrsplanung als Projektleiter tätig.

Interview: M. Wiemer

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