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Lauenburg Schon Napoleon soll hier genächtigt haben
Lokales Lauenburg Schon Napoleon soll hier genächtigt haben
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21:14 15.06.2018
Herbert (83) und Christa (81) Jürs sind seit 1982 Besitzer des alten Gasthofs, wollen sich nun aber langsam zur Ruhe setzen. Quelle: Fotos: Norbert Dreessen
Geesthacht

Der berühmte Franzose soll 1812 im Rahmen des Russland-Feldzugs bei Schnakenbek durch eine Furt auf die nördliche Seite der Elbe gelangt sein – gar nicht weit entfernt von jenem Forsthaus, das damals bereits mehr als 160 Jahre bestand. „Unser Haus ist 1650 als Fuhrmanns-Herberge gebaut worden“, erzählt Jürs. An diesem Ort bestand auf den holprigen Wegen zwischen Hamburg und Berlin oder zwischen Lübeck und Lüneburg die Möglichkeit, die Pferde zu wechseln, sich mit Proviant zu versorgen oder zu übernachten.

Prominente Gäste kann so mancher Beherbergungsbetrieb aufweisen, aber im Forsthaus Grüner Jäger am Stadtrand von Geesthacht hat möglicherweise schon ein ganz besonderer Mensch übernachtet: Kaiser Napoleon. „Dass er hier zu Gast war, wird immer wieder erzählt, dementiert hat es bisher niemand“, sagt Herbert Jürs, Besitzer des Gasthofs.

Auch heute kehren noch Tag für Tag Gäste ein, um sich mit Essen und Trinken zu stärken. Die Pferdestärken findet man inzwischen jedoch unter der Motorhaube ihrer Fahrzeuge. Sogar an Elektro-Autos ist gedacht: Eine Strom-Tanksäule steht direkt vor dem Haus.

Die acht Fremdenzimmer im Obergeschoss sind derzeit nicht mehr zu buchen. Jürs erklärt, warum: „In Schleswig-Holstein gibt es für Reetdachgebäude extrem strenge Brandschutz-Vorschriften. Deshalb wären hier umfangreiche Umbauten notwendig gewesen, die den Charme des Gebäudes zerstört hätten.“ So habe man sich ganz auf die Bewirtung der Gäste mit Speisen und auf die Ausrichtung von Familienfeiern spezialisiert.

Der „Grünjäger“, wie das Haus bei seiner Gründung hieß, hat im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedliche Besitzer erlebt. Viele von ihnen haben irgendwo im und am Gebäude ihre Spuren hinterlassen, und da die jetzigen Inhaber traditionsbewusst sind, haben sie auch so manche Erinnerungsstücke behalten. Da gibt es zum Beispiel die Holzschnitzereien im Eingangsbereich, an denen vor allem ein großer Pferdekopf auffällt. Das Ross ließ vor 100 Jahren ein Besitzer namens Rosseburg anfertigen.

Pächter verschwand über Nacht

Herbert Jürs erwarb den Gasthof im Jahr 1982, betrieb ihn aber zunächst nicht selbst, da er noch in der Nähe von Bad Segeberg lebte. Mit dem damaligen Pächter hatte er allerdings kein Glück: „Der ist 1985 bei Nacht und Nebel abgehauen, hat alles Wertvolle mitgenommen und uns nur einen Schuldenberg hinterlassen.“ Der nächste Pächter war auch nicht viel besser, also übernahmen Jürs und seine Frau Christa 1987 selbst das Ruder.

Geboten wird den Gästen seitdem gutbürgerliche Küche. Auf den Tisch kommt, was Jahreszeit und Region hergeben, derzeit zum Beispiel Spargel aus dem lauenburgischen Dorf Worth. „Unsere Filetsteaks kommen aber aus Argentinien“, betont Christa Jürs. Viermal pro Woche wird außerdem ein preiswerter Mittagstisch in den rustikalen Räumen serviert.

Insgesamt bietet das Haus Platz für etwa 180 Personen. Das eigentliche Restaurant hat 60 Plätze, das gerade frisch renovierte Jägerzimmer kann für Gruppen von 20 bis 100 Gästen gebucht werden. Und dann ist da noch die Terrasse im Grünen mit Platz für 70 Besucher.

Das Ehepaar Jürs führt das altbekannte Gasthaus in Geesthachts Osten mit viel Elan und Herzblut, aber altersbedingt wollen sie das nicht mehr lange tun. „Ich bin 83, meine Frau 81, da müssen wir einfach mal kürzer treten“, sagt Herbert Jürs. Weil man mit der Verpachtung keine gute Erfahrungen sammelte, wird nun ein engagierter Käufer gesucht, der die lange Tradition des Grünen Jägers fortführt.

Funken aus dem Schornstein

Schlagzeilen machte das Forsthaus Grüner Jäger Mitte Februar dieses Jahres: Die Feuerwehr rückte abends gleich mit einem Dutzend Fahrzeugen an. Ein Autofahrer auf der nahen Bundesstraße 5 hatte Funken aus dem Schornstein des Reetdachhauses fliegen sehen und den Notruf gewählt.

Es handelte sich jedoch um einen Fehlalarm. Im Foyer des alten Gebäudes war ein Feuer im offenen Kamin entzündet worden, von dort müssen die Funken nach oben gelangt sein. „Das Forsthaus ist ein besonderes Objekt. Wir sind der Sache deshalb genau auf den Grund gegangen, haben aber keine Anzeichen für einen Rußbrand gefunden“, erklärte Geesthachts Wehrführer Sven Albrecht anschließend.

 Norbert Dreessen

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